Nokan - Die Kunst des Ausklangs
ØØØØ
(Okuribito)
Japan 2008
130 Min.
Regie: Yôjirô Takita
Darsteller: Masahiro Motoki, Ryoko Hirosue, Tsutomu Yamazaki u. a.
Können sechs Millionen Zuschauer, zehn japanische Filmpreise und der diesjährige Oscar für den besten fremdsprachigen Film irren? Entgegen allen Erwartungen wird Yôjirô Takitas "Okuribito" seinen Vorschußlorbeeren mehr als gerecht. 01.10.2009
Im August gab es in Japan einen politischen Umsturz. Die seit fast einem halben Jahrhundert regierende Partei der Konservativen wurde von den Liberaldemokraten mit einem erdrutschartigen Sieg abgewählt - und damit auch die jahrelange politische Tradition. Für viel Aufhebens sorgte dieser politische Wechsel jedoch nicht, Japan ist schließlich eher ein Land der leisen Töne. Die japanische Gesellschaft orientiert sich an wa, dem Streben nach Harmonie. Es gilt als unehrenhaft, die Harmonie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Um Harmonie und unehrenhaftes Verhalten geht es auch in Yôjirô Takitas neuem Film: Wegen mangelnden Interesses wird das Orchester aufgelöst, in dem der junge Cellist Daigo Kobayashi (Masahiro Motoki) angestellt ist. Dabei muß Kobayashi sein wertvolles Instrument noch abbezahlen ... Um einen Neuanfang zu wagen, verkauft er sein Cello und zieht mit seiner Frau Mika (Ryoku Hirosue) von Tokio in seine Heimatstadt im japanischen Norden. Eine Zeitungsannonce verspricht einen Job für Unerfahrene, und plötzlich sieht sich Kobayashi der Aufgabe eines nokanshi, eines Aufbahrers und Einsargers, gegenüber. Doch die Stelle ist gut bezahlt, also verschweigt er sein eigentliches Tätigkeitsfeld, während er langsam die Leidenschaft für das nokan, das Aufbahren, entdeckt.
Die Arbeit des Aufbahrens bzw. Herrichtens des Leichnams wurde früher übrigens auch in Deutschland separat von einem eigenen Berufszweig vorgenommen. Inzwischen ist dies jedoch in den Aufgabenbereich des Bestatters gefallen, wie auch jahrelang in der exzellenten US-Serie "Six Feet Under" zu sehen war. Dies ist auch in Takitas Film der Fall, in dem die nokanshi die Ausnahme von der Regel darstellen oder eine Nische besetzen, wie es die Sekretärin der Firma Kobayashi gegenüber erklärt. Das Herrichten und Aufbahren des Leichnams zum letzten Abschiednehmen ist dabei zur Tradition verkommen, gerade auch bei Unfallopfern. Daß die Prozedur nicht nur etwas Kaltes und Steriles haben muß, zeigt sich in "Nokan - Die Kunst des Ausklangs".
Die sprichwörtliche "letzte Reise" kommt in Takitas Film zuhauf vor. Sei es Kobayashi, der scheinbar seine letzte berufliche Reise in Angriff nimmt, oder sein alternder Chef Sasaki (Tsutomu Yamazaki), der als letzte Unternehmung in Kobayashi selbst seinen designierten Nachfolger ausfindig macht. Daß dabei auch die letzte Reise nur einen Anfang darstellt (womit sich der Kreis wieder schließt), wird fortwährend deutlich. Takita selbst schenkt dem Film eine Metaphernszene, wenn er Kobayashi eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit einen Schwarm Lachse beobachten läßt, die gegen die Strömung zu ihrem Laichplatz gelangen wollen. Auch Kobayashi ist ein Lachs, der - gegen die Strömung schwimmend - wieder heimisch zu werden versucht.
Nachdem Takita erst einmal das nokan selbst unter verschiedenen Umständen präsentiert, ist die Überraschung, zumindest für den westlichen Zuschauer, doch recht groß, als ein alter Jugendfreund Kobayashi plötzlich die kalte Schulter zeigt. Auch seine Frau Mika reagiert mehr als unterkühlt. Es hat den Anschein, als sei der Beruf eines nokanshi in der Gesellschaft verpönt, was eine emotional ausufernde Aufbahrung nochmals verstärkt. Obschon die Arbeit von Sasaki und Kobayashi etwas von einer zeremoniellen Schönheit hat, scheint sie für ihre Mitmenschen die Harmonie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Insofern beginnt "Nokan - Die Kunst des Ausklangs" mit einem Konflikt des Protagonisten mit seiner neuen Arbeit und mündet anschließend in einen Konflikt Kobayashis mit seiner Umwelt.
Wie so viele japanische Dramen - man denke nur an Shohei Imamuras "Der Aal"- gefällt auch Takitas neuer Film durch seine ausgeglichene Ruhe. Der japanische Regisseur scheut sich nicht, seinen Film auf mehr als zwei Stunden Länge zu dehnen. Es zeichnet ihn jedoch aus, daß dem Zuseher die Spielzeit nichts ausmacht. Im Gegenteil: Eigentlich könnte man den ganzen Tag dabei zusehen, wie Kobayashi die friedlich daliegenden Leichen wäscht, ankleidet, schminkt und in der Freizeit versucht, auf seinem abgenutzten Kindercello Erinnerungen an den Vater heraufzubeschwören.
Gerade der zeremonielle Teil des Aufbahrens und Herrichtens rührt des öfteren zu Tränen. Takita trifft dabei mehr als nur den richtigen Ton. Er erschafft Bilder von einer berührend schönen Simplizität, unterlegt von Joe Hisaishis Musik. Hier fügt sich auch die schauspielerische Arbeit von Motoko, Yamazaki und Hirosue nahtlos ein, die "Nokan - Die Kunst des Ausklangs" zu einem exzellenten japanischen Drama macht. Selten hat man sich im Kino respektvoller und anmutiger dem Tod und dem, was danach kommt, gewidmet.

Nokan - Die Kunst des Ausklangs
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