Kino_Precious

Eine Frage der Werte

Schwarz, fett, und schwanger vom eigenen Vater: Lee Daniels' Kinoadaption des Romanes "Push" von Ramona Lofton alias Sapphire ist für sechs Oscars nominiert.    17.02.2010

Der Name Billy Hopkins dürfte nicht Vielen geläufig sein. Dabei begegnet man seinen Spuren ziemlich oft, wenn man sich Filme aus Hollywood anschaut: als Casting Director war er im Laufe der Jahrzehnte zuständig für die Besetzungen von "Wall Street" über "Sieben" bis "American Psycho". Für Lee Daniels' neuen Streifen mußte er nun teilweise schweres Geschütz auffahren.

 

"Precious" erzählt nämlich die Geschichte der fettleibigen Schülerin Clareece (Gabourey Sidibe), die allerdings lieber auf ihren zweiten Vornamen Precious (dt.: kostbar) hört. Ein zynisch anmutender Euphemismus, wenn man erfährt, wie kostbar sie etwa ihren Eltern ist: der Vater mißbraucht sie sexuell seit ihrem dritten Lebensjahr - aktuell erwartet sie schon das zweite Kind von ihm; ihre Mutter Mary (Mo'Nique) reagiert darauf mit Eifersucht und Prügeln, statt den Herrn an den Eiern aufzuhängen.

Von ihrer Rektorin wird Precious schließlich an eine alternative Schule überwiesen, wo man sich ihrer Dyslexie annehmen soll. Unter der Obhut der engagierten Lehrerin Miss Blu Rain (Paula Patton) faßt Precious dort neuen Mut und beginnt, sich emotional von ihrem Elternhaus zu lösen.

 

Wie es sich für ein afroamerikanisches Sozialdrama dieses Formates gehört, geben sich in Nebenrollen einschlägige Berühmtheiten wie Lenny Kravitz oder Mariah Carey die Ehre. Neben der schauspielerischen Debütantin Gabourey Sidibe agieren unter anderem die Komikerinnen Sherri Shepherd und Mo'Nique; komplettiert wird das Ensemble von der gestandenen Paula Patton.

Es ist wohl nicht zuletzt Billy Hopkins' Gespür zu verdanken, daß diese Melange auch im Film funktioniert. Die zu Recht oscarnominierte Mo'Nique brilliert als ebenso verletzte wie verletzende Mutter, und selbst die Darsteller aus der zweiten Reihe können neben den auch im Wortsinne gewichtigen Hauptrollen überzeugen.

 

Einzig im Umgang mit der Thematik zeigt der Film gewisse Schwächen. Zwar wird im Finale das gesamte Ausmaß der häuslichen Gewalt nochmals unter Tränen aufgeschlüsselt; in den neunzig Minuten zuvor tendiert Regisseur Daniels jedoch dazu, selbst Gewalttätigkeiten durch flinke Kameraschwenks ins Humoristische abgleiten zu lassen.

"Wir nahmen uns nicht allzu ernst", erklärte er Mitte Februar im Gespräch mit Jon Stewart in dessen "Daily Show". Das merkt man. Precious' Flucht vor jahrelanger Mißhandlung wirkt so auf den Betrachter fast wie ein Verschließen der Augen vor der Realität; und auch der fröhliche Soundtrack würde eher zur "Bill Cosby Show" passen.

"Precious" dürfte auf Manchen latent rassistisch wirken. Mutter Mary bedient das Klischee der "faulen Negerin", die lieber stempeln statt arbeiten geht, und Figuren wie Precious oder Miss Rain ernähren sich vorzugsweise von frittierten Hühnchen; daß Letztere geschafft hat, wovon Precious und ihre Klassenkolleginnen nur träumen, mag auch bloß in den Augen der Betrachterinnen liegen.

Aufschluß gibt hier vielleicht der zugrundeliegende Roman "Push" der US-amerikanischen Performancedichterin Ramona Lofton (erschienen 1996 unter ihrem Künstlernamen "Sapphire").

Lee Daniels' filmische Adaption jedenfalls ist eine mitreißende Schilderung vom Leben am unteren Rand der Gesellschaft, die trotz scheinbar fehlender Ernsthaftigkeit zu berühren vermag.

Florian Lieb

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Precious

ØØØ 1/2

(Precious – Based on the Novel Push by Sapphire)

Leserbewertung: (bewerten)

USA 2009

110 Min.

Regie: Lee Daniels

Darsteller: Gabourey Sidibe, Mo'Nique, Paula Patton  u.a.

 

(Kinostart am 26.3)

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