Kino_Red State

Anal Penetration = Eternal Damnation

Als er einmal gefragt wurde, ob er an Gott glaube, antwortete Regisseur Kevin Smith: "Ja, ich glaube an Gott. Wieso? Weil ich eine Karriere habe". Erzogen als Katholik, mit einem homosexuellen Bruder, widmet er sich nun in einem Genre-Wechsel dem Horror "Christentum". Ganz auf Smithschen Humor muß das Publikum dabei dennoch nicht verzichten.    28.09.2011

Gott haßt Schwule, da besteht kein Zweifel. "Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben", so steht es geschrieben im 3. Buch Mose, Kapitel 20, Vers 13. Und Mose muß es wissen, zählte er doch zu den Auserwählten, die Gott mit seiner persönlichen Ansprache beehrte.

Ein schwulenhassender Gott ist auch der Gott von Fred Phelps und dessen Westboro Baptist Church aus dem US-amerikanischen Topeka, Kansas. Es kommt nicht selten vor, daß Phelps die Beerdigungen gefallener US-Soldaten stürmt und loswettert oder sich gegen Homosexuelle aufschwingt. Selbst der Ku-Klux-Klan distanzierte sich im Mai dieses Jahres explizit von der Westboro Baptist Church, der Kevin Smith in seinem zehnten Spielfilm "Red State" in gewisser Weise ein Denkmal setzt.

 

Hier darf Michael Parks eine Phelpssche Figur spielen, in Person von Abin Cooper. Gemeinsam mit seiner Familie und einigen Glaubensanhängern demonstriert er bei Beerdigungen von Homosexuellen mit kreativen Schildern wie "Anal Penetration = Eternal Damnation". Was sich in etwa eindeutschen ließe als: Analverkehr = Höllenmeer. Jedenfalls nehmen Cooper und Co. das eingangs erwähnte Bibelzitat wortwörtlich und richten in ihrem Kirchensaal Homosexuelle hin.

Das finden die Zuschauer gemeinsam mit einem Schülertrio heraus, nachdem die hormongeschüttelten Jugendlichen mit MILF-Sex geködert und auf Coopers Anwesen gelockt wurden. Als ein trotteliger Hilfssheriff jedoch das Morden stört und Schüsse fallen, steht plötzlich das FBI vor der Haustür, und die Gotteskinder veranstalten einen apokalyptischen Shootout.

 

Wenn sich ein übergewichtiger Nerd aus New Jersey an der größten Religion der Welt austobt, dann fällt dies, wie zu erwarten, bitterböse aus. Dennoch sollte man sich von "Red State" nicht allzuviel Gesellschafts- oder Religionskritik erwarten. Cooper und seinen Anhängern - darunter die jüngst mit einem Oscar prämierte Melissa Leo als Sara - fällt lediglich die Aufgabe zu, die Handlung voranzutreiben; als MacGuffin für jenen Shootout, der die zweite Hälfte des Films ausmacht.

Kleinere, subversive Kritik findet sich allenfalls beim Übergang vom ersten zum zweiten Akt, wenn Jarod (Kyle Gallner), einer der Schüler, zu seiner Exekution gezerrt wird und dabei weinerlich beteuert, "nicht mal schwul" zu sein. Um Homosexualität geht es zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr. Eher um durchgedrehte Anhänger einer durchgedrehten Religion.

 

So fragen sich die FBI-Leute nach ihrer Ankunft auf Coopers Anwesen, was dessen riesiges Kreuz im Vorgarten wohl gekostet haben mag. "In Dollar oder Menschenverstand?", fragt Spezialagent Keenan (John Goodman) süffisant zurück. Mit Bluetooth und einem Revolver bewaffnet, muß er alsbald die Erfahrung machen, daß Christen, die eine AK-47 schultern, keinerlei Sinn für Humor haben.

Autor Kevin Smith spart auch hier nicht an Kritik, wenn er die entgleiste Situation kurz darauf zum innerstaatlichen Terror deklarieren läßt, wobei Keenan den Auftrag erhält, keine Gefangenen zu machen. Was nicht zuletzt für Coopers Enkelin Cheyenne (Kerry Bishé) delikat ist, da auch ihre Geschwister und Cousinen damit auf der Abschußliste stehen.

 

Kurzum: Spinnerte Christen und kaltblütige Regierungsagenten bekommen gleichermaßen ihre Watschen. Und das in typischem Smith-Stil, weshalb dieser Ausflug ins Horrorgefilde nur bedingt als solcher gesehen werden kann. Denn "Red State" gibt sich fast durchweg als schwarze Komödie, in der Smith seine Figuren auf Shakespearsche Art und Weise über die Bühne manövriert.

Das ist selten gruselig oder erschreckend, dafür oftmals zynisch und absurd. Seien es der egozentrische, schwule Stadtsheriff (Stephen Root), dem das ganze Unheil letztlich zu verdanken ist, oder Travis (Michael Angarango), der aufrechte Schüler, der eigentlich nur von diesem verkommenen Anwesen flüchten will. Aber im Falle von "Red State" kommt erstens alles anders und zweitens, als man denkt.

 

Nach seinem Karriere-Tiefpunkt "Cop Out" besinnt sich Smith hier auf seine alten Stärken. Keine Hollywood-Anbiederung, kein hohes Budget, stattdessen eine Handlung, konzentriert auf eine einzige Szenerie, bevölkert mit Schauspielern, die sich normalerweise im Fernsehen profilieren: Von Kerry Bishé (Scrubs) über Patrick Fischer (Lost, Mad Men) und Kevin Alejandro (True Blood) bis hin zu Matt L. Jones und Anna Gunn (beide: Breaking Bad), sowie John Goodman (Roseanne).

Getragen wird "Red State" dabei nicht einmal so sehr vom Spiel des Michael Parks, dessen minutenlange Bibelmonologe vermutlich nicht nur Atheisten auf die Nerven gehen. Parks' Präsenz ist nicht so bedeutend, wie vorher zu erwarten war - wie ohnehin weder die Charaktere noch die Handlung den Film ausmachen, sondern was den Charakteren auf welche Weise in dieser Handlung widerfährt.

 

Und das war letztlich immer die Stärke von Kevin Smiths Filmen, dessen Karriere in den vergangenen paar Jahren durchaus einen absteigenden Trend entwickelt hat. Nachdem er weder mit der Presse zu "Zack and Miri Make a Porno" noch zu "Cop Out" sonderlich einverstanden war und auch sein Auktions-Fauxpas beim Sundance Festival 2011 übel aufstieß (er wollte die Verleihrechte zu "Red State" versteigern und sicherte sie sich anschließend für zwanzig Dollar selbst), soll sein bevorstehendes Eishockey-Filmprojekt "Hit Somebody" zugleich seine letzte Regiearbeit werden.

Verkannt, vergrämt, vergrault - so scheint es zumindest. Weshalb sich die Frage stellt: Wenn Kevin Smith demnächst keine Karriere mehr hat, glaubt er dann trotzdem noch an Gott?

Florian Lieb

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Red State

ØØØ

(Red State)

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USA 2011

88 Min.

 

Regie: Kevin Smith

Darsteller: Michael Parks, John Goodman, Melissa Leo u. a.

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Christoph Weber - 20.02.2012 : 09.11
Ich mag den Film, angenehme actionhaltige Unterhaltung.

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