Kino_Shame

I Want Your Sex

Masturbation sei Sex mit jemanden, den man wirklich liebt - so sagte es zumindest Woody Allen. Auf die Hauptfigur in Steve McQueens Film trifft jedoch nicht einmal das zu. Vielmehr präsentiert uns Michael Fassbender einen auf seine sinnliche Obsession reduzierten Charakter, dessen Lust zu Sucht und Frust verkommt. Und der sich in seiner Manie zu verlieren scheint.    02.03.2012

Großstädte führen unweigerlich zu einer gewissen Anonymität - insbesondere eine Weltmetropole wie New York. Individuen können in ihnen untergehen und verschwinden, so auch Brandon (Michael Fassbender), Protagonist in Steve McQueens "Shame". Als Sexsüchtiger hangelt er sich von einem losen Fick zum nächsten. Stets auf der Pirsch, stets der ruhelose Jäger des Großstadtdschungels.

Wahrhaft triebgesteuert erscheint Fassbenders Figur, die wie auf Autopilot nach Lustbefriedigung giert und mit gequälter Miene den ersten Orgasmus des Tages allein unter der Dusche anstrebt. Auch im Büro muß auf der Toilette selbst Hand angelegt werden, um jene Sehnsucht zu stillen, die zuvor mit Pornos und Bildchen auf der Festplatte angeheizt wurde.

 

Dabei ist Brandon kein Charlie-Sheen-Verschnitt. Kein geiler Bock, der es sich zum Lebensstandard verschrieben hat, so oft so viel zu vögeln, wie es möglich erscheint. Das macht bereits das erste Bild klar. Brandon ist ein Gequälter, ein Getriebener. Ein Sklave seiner Lust, dieser hörig und verfallen. Er will Sex nicht, weil er ihn haben kann. Sondern weil er ihn braucht. Von ihm abhängig ist.

Dementsprechend inszeniert McQueen Sex in seinem zweiten Film als eine Art karnale Droge. Ihr frönt Brandon auf dem Klo, in einer dunklen Seitengasse oder einem schäbigen Club. Aber stets im Anonymen, stets, wo ihn keiner kennt. Im Word Wide Web oder auf Bestellung. Unruhig wird er nur dann, wenn seine heile Welt und seine perversen Abgründe miteinander kollidieren.

 

Zum Beispiel, als er beginnt, mit einer Arbeitskollegin auszugehen und sie spontan in ein Hotel entführt. Hier wird die Lust zum Frust, wenn Brandon anscheinend keine Erektion bekommt, da sein Gegenüber zugleich Bestandteil seines Alltags ist. Das Schamhafte am sexuellen Akt für diese Figur, die sich selbst über ihre Triebe definiert, wird selten so deutlich wie in dieser Szene.

Denn von Brandon selbst, seiner Person, erfahren wir wenig. Seine Wohnung ist relativ steril in Weiß gehalten, ein Kontakt zur Außenwelt, ein soziales Netzwerk scheinbar nicht vorhanden. Brandons Leben wird bestimmt von der Befriedigung seiner sexuellen Gelüste, sei es durch Internet-Pornos, Prostituierte oder Masturbation.

 

Ins Wanken gerät diese Welt erst, als Brandons kleine Schwester Sissy (Carey Mulligan) auftaucht und sich in seiner Wohnung einnistet. Die Anonymität ist durchbrochen, Brandon nicht mehr allein mit sich und seiner Sucht. Statt den Bruder in Ruhe wichsen zu lassen, schleppt Sissy Brandons Boß in die Wohnung und vögelt ihn in dessen Bett.

Mit Sissy betritt auch ein zuvor negierter Teil von Brandons Identität sein Leben. Und sein Verhalten macht deutlich, daß es kein erfreulicher Teil ist. Das Verhältnis der Geschwister ist zerrüttet, und Sissy macht klar, daß es nicht mehr existent wäre, würde sie sich nicht ständig darum bemühen.

 

Ohnehin sind soziale Kontakte nicht das Gut, das "Shame" anpreist. Brandons Boß verkehrt mit seiner Familie nur per Chat, ansonsten dreht sich für ihn wie auch für Sissy, Brandon und Co. alles um Sex. Seinen Höhepunkt findet dies in einer Szene, die den gierigen Brandon in einen Schwulenclub führt, der von seinen Aktivitäten her stark an das 'Rectum' aus Gaspar Noés "Irreversibel" erinnert.

Gesprochen wird in "Shame" nur, um einen sexuellen Akt zu initiieren. Problematisch wird es daher für Brandon stets dann, wenn er - wie mit seiner Kollegin oder der Schwester - zu sozialen Interaktionen gezwungen ist. McQueen präsentiert uns hier eine anonymisierte, emotionslose Welt, in der Figuren bestraft werden, wenn sie ihre Gefühle offenbaren.

 

Getragen wird dieses soziale Sex-Drama von einem stark aufspielenden Michael Fassbender, der sich der Kamera sprichwörtlich nackt präsentiert und in mehrerlei Hinsicht Eindruck hinterläßt. Ganz nah an den Figuren ist die Kamera von Sean Bobbitt, wie auch die Musik von Harry Escott die tranceartige Handlung gekonnt atmosphärisch untermalt.

Zum störenden Nebenfeuer verkommen da lediglich Mulligans nervige Schwesternfigur und ihre Affäre mit Brandons Boß; das stellt letztlich nicht mehr als einen Katalysator für Brandons Anonymitäts- und Emotionszusammenbruch dar - davon hätte der Film sicherlich weniger Präsenz vertragen.

 

Aber auch so ist "Shame" eine charakterliche tour de force, die dank ihrer Inszenierung und Darsteller für das Publikum ungemein faszinierend ausfällt. Und schließlich wußte bereits Woody Allen: "Sex ist nur schmutzig, wenn er richtig gemacht wird."

 

              

Florian Lieb

Shame

ØØØØ

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UK 2011

101 Min.

 

Regie: Steve McQueen

Darsteller: Michael Fassbender, Carey Mulligan, James Badge Dale

u. a.

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