Kino_Stiefbrüder

Generation "Hotel Mama"

Will Ferrell und John C. Reilly sind Stiefbrüder - wenn auch nur in der neuen Komödie von "Ricky Bobby"-Regisseur Adam McKay. Die von Judd Apatow produzierte Geschichte um zwei ewig pubertierende Mama-/Papa-Söhnchen treibt den infantilen, dreckigen Humor seiner bisherigen Arbeiten auf die Spitze.    09.09.2008

Bei Filmen von Judd Apatow geht es immer wieder um das Kind im Manne. Hollywoods derzeit erfolgreichster Komödien-Regisseur/Produzent/Autor besitzt eine Schwäche für verquere, unreife, aber dennoch liebenswerte Charaktere, die wie im Fall der "vierzigjährigen Jungfrau" Andy außerhalb ihrer eigenen kleinen Welt nur bedingt überlebensfähig erscheinen. Für "Stiefbrüder", den Apatow als Produzent begleitete und der die bereits dritte Zusammenarbeit von Regisseur Adam McKay und Comedy-Star Will Ferrell markiert, wurde das Konzept männlicher Unreife auf die Spitze getrieben. So wie sich Oskar Matzerath oder Peter Pan einst weigerten, erwachsen zu werden, wollen auch die von McKay, Ferrell und seinem Schauspielkollegen John C. Reilly erdachten Charaktere die eigene Pubertät am liebsten auf ewig konservieren.

Brennan (Ferrell) und Dale (Reilly) sind zwei typische Vertreter der Generation "Hotel Mama". Die beiden Nesthocker wohnen noch mit knapp vierzig bei ihren Eltern. Muttersöhnchen Brennan lebt zusammen mit seiner Mutter Nancy (Mary Steenburgen), während Dale mit seinem Dad (Richard Jenkins), einem überaus angesehenen Mediziner, eine Art Männer-WG unterhält. Daß sich Papa Dale Hals über Kopf in Brennans Mama verliebt und beide einander nach kurzer Zeit bereits das Ja-Wort geben, bleibt für den verwöhnten Nachwuchs nicht ohne Folgen. Plötzlich müssen sich Dale und Brennan ein Zimmer teilen, was beide einiges an Überwindung kostet. Rasch steigert sich die gegenseitige Antipathie in blinden Haß. Das Ganze endet in einer handfesten Prügelei, bei der Brennan von Dale eiskalt ausgeknockt wird.

Doch dann betritt mit Brennans jüngerem Bruder ein gemeinsamer Feind die Bühne, der die Streithähne unerwartet miteinander versöhnt. Derek (Adam Scott) ist das genaue Gegenteil seines Bruders: Er hat einen Job, eine repräsentative Frau und zwei wohlerzogene Kinder, ist erfolgreich und immer perfekt gestylt. Klar, daß sich Brennan an ihm ein Beispiel nehmen soll. Doch seitdem der Loser als Verkäufer in einer Tierhandlung rausgeschmissen wurde, will die eigene Karriere nicht mehr so richtig in Gang kommen. Ohnehin gilt seine wahre Leidenschaft der Musik. Dumm nur, daß seine Nervosität es ihm bislang unmöglich macht, vor Publikum - das heißt, mehr als einer Person - aufzutreten.

 

"Stiefbrüder" übertrifft mühelos die Absurdität der letzten Ferrell-Komödien "Ricky Bobby - König der Rennfahrer" und "Die Eisprinzen" - und das in jeder Minute. Man sollte wissen, worauf man sich hier einläßt, ansonsten könnten diese 94 Minuten nicht nur sehr lang, sondern auch recht schmerzhaft werden. Die Dialoge bestehen hauptsächlich aus sexuellen Anspielungen, mal mehr, mal weniger deftigen Beleidigungen und (zumindest in der Originalfassung) phantasiereichen Abwandlungen des Wortes "Fuck". Das ist zugegeben oftmals reichlich platt und nicht selten mehr als infantil, gleichzeitig aber dennoch schwer unterhaltsam, was sich vor allem mit dem Spielwitz der beiden Hauptdarsteller erklärt.

Ferrell und Reilly bilden einmal mehr ein geniales Tandem, das jede noch so ausgewachsene Idiotie mit sympathischer Selbstironie vorträgt. Zwischen den beiden ergibt sich eine Vielzahl schwachsinniger Momente, die mit der gängigen Definition von gutem Geschmack garantiert nicht kompatibel sind. Sei es, daß Dales umfangreiche "Hustler"-Sammlung seinen Stiefbruder zu sehr plastischen Aussagen anstachelt ("It´s like masturbating in a time machine!") oder dieser bei arrangierten Einstellungstests seine Gesprächspartner mit abenteuerlichen Gegenfragen ("Barbara Walters, Oprah, your wife. You gotta fuck one, kill one, and marry one, go!") aus dem Konzept bringt. Das, was sich McKay und seine beiden Hauptdarsteller hier ausdachten, erinnert stark an die älteren, noch unterhaltsamen Werke der Farrelly-Brüder.

Brennan und Dale, das sind zwei 40jährige Verlierer, die sich auf oder unter dem intellektuellen Niveau vorpubertierender Teenager bewegen. Sie lieben Dinosaurier, kleistern ihr "Kinderzimmer" mit Fantasy-Postern zu und tragen die meiste Zeit über Turnschuhe und 80er-Jahre-Vintage-Shirts mit knallbunten Comic-Motiven. Es ist schon erstaunlich, wie konsequent und schmerzfrei der Film diese abstruse Idee bis zum Finale durchzieht. Als Brennan dann doch sein Lampenfieber überwindet und mit der Darbietung von Andrea Bocellis "Con te Partirò" die Herzen seiner Zuhörer erweicht, offenbart McKays Film sogar satirische Qualitäten. Plötzlich erscheinen die "Stiefbrüder" mit ihrer gnadenlos überzogenen Happy-End-Kulisse wie das sehnsüchtig erwartete Korrektiv auf Hollywoods biedere Unterhaltungsmaschinerie.

Marcus Wessel

Stiefbrüder

ØØØ 1/2

(Step Brothers)

Leserbewertung: (bewerten)

USA 2008

97 Min.

Regie: Adam McKay

Darsteller: Will Ferrell, John C. Reilly, Adam Scott u. a.

 

Filmstart: 31. Oktober 2008

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