Kino_Tabu - Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden

Es ist die Lust, die Leiden schafft

Schuld sind die Eltern, daher treiben es die beiden Kinder wild - miteinander. Im Kinodebüt von Christoph Stark wird der vermeintliche Inzest zwischen dem österreichischen Dichter Georg Trakl und seiner Schwester Margarethe thematisiert. Sie will die große Liebe, er nur Inspiration.    14.05.2012

Das Geheimnis seiner Kunst, so erklärt der expressionistische Künstler Oskar Kokoschka (Jules Werner) in "Tabu - Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden", sei die unerfüllbare Liebe zu Alma Mahler (Victoria Metzler). Unvorstellbar, wäre sie erfüllt. Dann hätte er ja gar keine Inspiration mehr. Umso glücklicher solle sich doch Georg Trakl (Lars Eidinger) schätzen, schließlich würde er seine Schwester lieben. "Perfekt" sei diese Konstellation, findet Kokoschka. Und Trakl allmählich auch.

Leidtragende ist die jüngere Schwester Margarethe (Peri Baumeister), kurz Gretl, mit der Trakl seit Kindheitstagen ein inzestuöses Verhältnis pflegt. Sie ist ihrem großen Bruder hörig, vergöttert ihn und seine Meinung und wünscht sich deshalb nichts sehnlicher, als mit ihm zusammen zu sein. Er wiederum will den literarischen Erfolg, sieht sich nur so bestätigt und empfänglich für die Anerkennung der Wiener Gesellschaft. "Ein Ganzes" wolle er zwar sein, doch Liebe und Erfolg scheinen unvereinbar.

 

Der Film des Münchner Regisseurs Christoph Stark mutet nicht zuletzt dank seines Status’ als Historienfilm an wie die Literaturverfilmung eines Gesellschaftsromans um 1900. Sowohl Georg als auch Gretl sind künstlerisch begabte junge Leute, er Lyriker, sie Komponistin. Und unglücklich verliebt sind beide auch noch – ineinander; was ihrer Liebe und der Geschichte eine extra Spur Drama verleiht. So wirkt "Tabu", als hätten Theodor Fontane und Goethe zusammen die Vorlage verfaßt.

Gretl sehnt sich nach Zuneigung und Liebe, dem Gefühl der Geborgenheit, die sie in ihrem Elternhaus nie gespürt hat. Abgeschwächt trifft dies auch auf Georg zu, der ersatzweise aber auch mit der Geborgenheit der Gesellschaft zufrieden ist. Hierfür bedarf er jedoch einer durch die Künste erlangten Anerkennung, die er bei allem Freidenkertum der Szene nicht durch die öffentliche Auslebung von Inzest gefährden darf.

 

Es ist dieses Dilemma der unterschiedlichen Wünsche und Sehnsüchte der Geschwister, das dem Film zugrundeliegt. Und obschon in nahezu jeder Biographie über Georg Trakl ein inzestuöses Verhältnis zu Margarethe angedeutet wird, scheint es nicht gesichert. Sowieso nimmt sich Drehbuchautorin Ursula Mauder einigen Freiraum bei Trakls Leben, wo es ihrer Geschichte zuträglich ist. So werden die anderen fünf Geschwister freimütig ausgespart, wodurch man den Inzest als Folge von Vernachlässigung leichter akzeptiert.

Das Drehbuch "versucht erst gar nicht, die komplexen historischen Zusammenhänge zu erhellen", bestätigt auch Stark, "sondern vertraut auf die Kraft des Dramas". Daher sei das Fehlen von biographischen Eckdaten für ihn auch akzeptabel. "Tabu" will keine Filmbiographie des österreichischen Dichters sein, dementsprechend fehlt erfreulicherweise bis auf zwei Texttafeln zum Schluß der Hinweis auf Bezüge zu wahren Begebenheiten.

 

Stattdessen fokussiert sich der Film ganz auf die verbotene Liebe der Figuren, sehr überzeugend gespielt von Eidinger und Baumeister. Gerade letztere reüssiert mit ihrer strengen Schönheit in der Rolle der einerseits anmutig-aristokratischen Musikerin, die, wenn es um ihren Bruder geht, sich jedoch andererseits voll ihrer Emotionalität hingibt. Ganz will der Zuschauer zwar nicht die leidenschaftliche Lust der Geschwister aneinander (sie adrett-gepflegt, er drogensüchtig-verschwitzt) nachvollziehen, doch scheint diese Liebe zueinander auch mehr psychologischer denn physischer Natur.

In seiner Summe ist "Tabu" somit Historienfilm und Biographie, darüber hinaus jedoch ein sehr überzeugendes Drama über Liebe und Inzest. Dabei ist der Film konsequent bis zum Schluß, sowohl vom Schauspiel als auch von der Erzählung her. Am Ende empfinden wir mit allen Figuren Mitleid, weil keiner das Leben vergönnt ist, das ihr gebührt oder - was das anbelangt - möglich gewesen wäre.

 

So tritt der Film letztlich den bebilderten Beweis von Trakls eigenen Worten an: "Alle Menschen sind der Liebe wert." Nur kriegt sie leider nicht jeder.

Florian Lieb

Tabu - Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden

ØØØ 1/2

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Ö/D/L/F 2012

100 Min.

 

Regie: Christoph Stark

Darsteller: Lars Eidinger, Peri Baumeister, Rainer Bock u. a.

 

Kinostart: 15. Juni 2012

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