Kino_The King’s Speech

Er kam, er sprach und er siegte

Vor einem Jahr erhielt Jeff Bridges den Vorzug, diesmal führt am Oscar für den Besten Hauptdarsteller wohl kein Weg an Colin Firth vorbei. Ähnlich wie Bridges kaschiert dabei auch Firths Leistung manche Schwäche des Filmes.    07.02.2011

In einer Szene von "The King’s Speech" sitzt der britische König George VI. (Colin Firth) mit seiner Familie im Privatkino und betrachtet eine Wochenschau über Nazi-Deutschland, inklusive einer Rede Adolf Hitlers. Da hat man sie nun: Den eloquenten Diktator einer verführten Nation, der seine Macht der Magie seiner Worte verdankt - und ihm gegenüber als Beobachter den verschlossenen Regenten des Vereinten Königreichs, unfähig, einen einzigen Satz ohne Stottern hervorzubringen.

Die Sequenz greift der Historie vor, wenn der stille George, der eigentlich Albert heißt, letztlich über den posaunenden Hitler obsiegt. Bis dahin ist es jedoch ein langer Weg, den Tom Hoopers Film über zwei Stunden lang begleitet.

 

Die Handlung beginnt 1925, als Albert (damals noch Prince of York) eine Rede in Wembley halten soll, wegen seines Stotterns jedoch nicht über ein paar abgehackte Worte hinauskommt. Seine Bemühungen werden für ihn wie für das Publikum zur Pein; der Film macht anschließend einen Zeitsprung in die 30er Jahre, der vermutlich einen Rückzug der Figur ins Private illustrieren soll.

Albert arbeitet nun mit Logopäden, die ihm zur Entspannung seines Halses raten, Zigaretten zu rauchen (was bei ihm zynischerweise später zu Lungenkrebs führen wird). Aber erst die durch seine Frau Elizabeth (Helena Bonham Carte) vermittelte Hilfe beim Sprachtherapeuten Lionel Logue (Geoffrey Rush) verspricht für Albert Besserung.

 

Von einem Drama läßt sich bezüglich "The King’s Speech" nur bedingt reden. Treffender wäre für Hoopers Film wohl die Bezeichnung "komödiantisches Period Piece", welches einen Großteil seines Humors daraus bezieht, daß ein Mitglied der Königsfamilie auf einen Mann des Volkes trifft.

Besonders dessen fehlende Anpassung seiner Methoden an die Abstammung seines Patienten (er nennt ihn zum Beispiel impertinenterweise bei seinem Kosenamen "Bertie") dient hierbei als Lieblingsschachzug der Regie.

 

Damit evoziert der Film eine absurd-charmante Situation, wie man sie vergleichsweise im Besuch eines Mafia-Paten bei einem Psychiater à la "The Sopranos" findet. Zugleich begeht Hooper mit seinem Historiendrama denselben Fehler wie die gerühmte HBO-Serie, wenn sich das Szenario auf Dauer in Redundanzen verliert. 

Ähnlich wie Tony Soprano echauffiert sich Albert ein ums andere Mal, um doch stets wieder in Logues Praxis zurückzukehren. Das liefert zwar Stoff für allerlei humorige Szenen, wird jedoch mit der Zeit unglaubwürdig.

 

Des weiteren verabsäumt es Hooper, dem Film eine wirkliche Richtung zu geben. Über die Figuren erfährt man vergleichsweise wenig. Zwar deutet der Sprachtherapeut an, daß ein Ereignis aus der Kindheit zum Stottern geführt haben dürfte, doch wird dies im Folgenden nicht weiter vertieft. Auch sonst geben die Charaktere wenig mehr über sich preis, als daß sie beide Kinder haben, mit denen sie liebevoll umgehen, und daß Albert über ein leicht aufbrausendes Temperament verfügt.

Selbst unter der Annahme, daß "The King’s Speech" seinen Fokus weniger auf die beiden Hauptfiguren legt, sondern auf die Entwicklung ihrer Freundschaft, vermag derlei kaum zu überzeugen. Stets erlebt man Firth und Rush in ihrer Arbeitsatmosphäre; auch ein späterer Moment der Intimität kann das nicht aufwiegen.

Alleinige Antriebskraft ist also die Heilung der Sprechstörung - die den Film jedoch nur deswegen trägt, weil Firth mit Bravour spielt.

 

Seine und auch Rushs Darstellung dominieren hier alles, und sie trösten über so manche Längen hinweg. Unnötige Charaktereinbindungen etwa, wie die von Winston Churchill (Timothy Spall) oder - mit Abstrichen - von Alberts älterem Bruder Edward (Guy Pearce); auch historische Ungenauigkeiten (Albert und Logue arbeiten bereits seit 1926 miteinander) verzeiht man gerne.

So präsentiert sich "The King’s Speech" denn als Schauspielkino erster Güte, mit vielen amüsanten Momenten, die meist der nonchalanten Figur von Geoffrey Rush zufallen. Die Moral von der Geschichte läßt sich letztlich am einfachsten in einem Zitat von Cicero finden: "Reden lernt man durch reden".

Florian Lieb

social bookmarks: Artikel in del.icio.us speichern Artikel in digg! speichern

The King’s Speech

ØØØ 1/2

Leserbewertung: (bewerten)

GB/AUS 2010

118 Min.

 

Regie: Tom Hooper

Darsteller: Colin Firth, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter u.a.

 

Links:

offizielle engl. Film-Homepage

Kommentare_

Kommentar verfassen

Kino
Tabu - Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden

Es ist die Lust, die Leiden schafft

Schuld sind die Eltern, daher treiben es die beiden Kinder wild - miteinander. Im Kinodebüt von Christoph Stark wird der vermeintliche Inzest zwischen dem österreichischen Dichter Georg Trakl und seiner Schwester Margarethe thematisiert. Sie will die große Liebe, er nur Inspiration.  

Video
Utopia Ltd.

Spontan, jung und energiegeladen

Eigentlich wollen sie nur Musik machen, doch 1000 Robota mußten 2010 lernen, daß das Busineß da ein Wörtchen mitreden will. Die Hure Kommerz wartet an jeder Ecke und Vermarktung ist alles - das erfahren auch die drei Hamburger Punker in Sandra Trostels Dokumentation.  

Kino
John Carter

Mars pro toto

Beinahe 80 Jahre lang zog sich die Verfilmung von Edgar Rice Burroughs' "A Princess of Mars" hin, jetzt bringt das Disney-Studio zum 100jährigen Publikationsjubiläum eine epische Adaption in die Kinos. Für die digitallastige Umsetzung war Pixar-Regisseur Andrew Stanton (WALL•E) zuständig - und reüssierte eindrucksvoll.  

Kino
Shame

I Want Your Sex

Masturbation sei Sex mit jemanden, den man wirklich liebt - so sagte es zumindest Woody Allen. Auf die Hauptfigur in Steve McQueens Film trifft jedoch nicht einmal das zu. Vielmehr präsentiert uns Michael Fassbender einen auf seine sinnliche Obsession reduzierten Charakter, dessen Lust zu Sucht und Frust verkommt. Und der sich in seiner Manie zu verlieren scheint.  

Video
The Weather Man

Immer Fast Food

Ehe sich Regisseur Gore Verbinski daran machte, mit zwei enttäuschenden Filmen seine "Fluch der Karibik"-Trilogie zu beenden, zauberte er 2006 diese wunderbare Tragikomödie hervor. Als Wetterfrosch in der Midlife Crisis bot Nicolas Cage eine seiner besten Schauspielleistungen in einem Film, der weniger Beachtung erfuhr, als er verdient hat.  

Kino
The Artist

Schweigen ist Gold

In seinem jüngsten Film hat sich der französische Regisseur Michel Hazanavicius der Stummfilmära gewidmet, einer der interessantesten und auch bedeutendsten Epochen der Filmgeschichte. Dabei ist sein "The Artist" nicht nur ein Zeitkolorit des Wandels vom Stumm- zum Tonfilm im Speziellen, sondern zugleich noch eine liebevolle Hommage an das Kino im allgemeinen.