Kino_The Village - Das Dorf

Gelbkäppchen steht im Walde

Im Wald, da sind Gespenster - oder: Das Böse ist irgendwo da draußen. Suspense-Maestro Shyamalan läßt seine Village People weit in die Untiefen ihrer Ängste hinabsteigen.    09.09.2004

Manchmal kommt eben alles anders, als man denkt.

Diese Binsenweisheit sei der "Village"-Rezension gleich einmal prophylaktisch vorangestellt, weil sie sich im Falle des vierten Horror-Mystery-Abenteuers von Exil-Inder M. Night Shyamalan ("The Sixth Sense") nicht nur auf die ihm bereits zum Markenzeichen gewordenen Überraschungswendungen der Handlung bezieht, sondern auch - und viel genereller - auf die dem Film entgegengebrachten Erwartungshaltungen umlegen läßt.

So läßt sich zum einen feststellen, daß sich nach dem von der Kritik gelobten, aber eigentlich ziemlich banalen Gläubig- und Frömmigkeitspathos versprühenden Vorgänger "Signs" vom bereits in den USA heftig gescholtenen "The Village" nur das Schlimmste befürchten ließ. Und daraus im weiteren, daß Shyamalans Arbeiten gerade dann am besten funktionieren, wenn man sich wenig von ihnen erwartet. Denn - und es muß jetzt raus - "The Village" ist mit gelassenem Vorsprung seine schlüssigste, ja, wahrscheinlich beste. Weil sie sich eben nicht auf den obligatorischen finalen Knalleffekt verläßt (nicht, daß es ihn nicht gäbe), sondern auf eine mit allegorischem Mehrwert besetzte Geschichte und noch viel wichtiger: Atmosphäre.

 

Die Handlung ist in einer Welt des 19. Jahrhunderts (1897, so will es eine Grabesinschrift) im titelspendenden Niemandsland-Dorf angesiedelt, in das sich eine eingeschworene Kommune zurückgezogen hat. Gottesfürchtig ist man, dem einfachen Leben verpflichtet, isoliert von der Außenwelt und einem strengen, von den Dorfältesten (u. a. William Hurt und Sigourney Weaver) bewachten Wertekanon unterworfen. Dieser besagt unter anderem, daß kein Bewohner des Dorfes den umliegenden Wald betreten darf. Denn dort herrschen "Those We Don´t Speak Of" - finstere Kreaturen, die solcherlei und andere (so ist die "böse" Farbe Rot strikt verboten) Übertretungen in aller Schärfe sanktionieren.

Doch wo eine Verlockung ist, da ist bald auch einer, der sie einlöst bzw. einlösen möchte. Hier sind es dann sogar mehrere: zum einen der Dorfidiot Noah (Adrien Brody, overacting) aus purer Neugierde, zum anderen aber auch der engagierte Lucius (Joaquin Phoenix), der in Sorge um das Wohl der Dorfbevölkerung, im speziellen auch das seiner blinden Herzensdame Ivy (Bryce Dallas Howard, die Tochter des Regisseurs Ron Howard) in die Stadt pilgern möchte, um für den Notfall Medikamente parat zu haben - bis dann tatsächlich durch einen Notfall die Theorie in die Nähe der Praxis rückt.

Es könnte durchaus sein, daß vom Rezensenten hiermit zuviel verraten wurde, aber da dem Geschilderten noch wesentlich einschneidendere Handlungselemente folgen, darf auch gleich wieder Spoiler-Entwarnung gegeben werden. Vor allem, weil für Shyamalan bei "The Village" ohnehin der Weg das Ziel ist. Und dieser ist von der ersten bis zur letzten perfekten Kameraeinstellung eingebettet in mystische Bildgewalt und bestechend hypnotisches Düster-Setting. Das Ziel selbst, die ach so sensationelle Auflösung, wird dabei konstant unterlaufen von Plot-Verläufen, die dem Spannungsaufbau eigentlich entgegenwirken. Und damit nicht etwa das Aufatmen durch ein Entzaubern des bislang Gesehenen im Sinn haben, sondern ganz im Gegenteil für andauernde und eindringlichere Verunsicherung sorgen. So entblößt sich das Grauen vor dem Unbekannten sukzessive als eines vor dem ohnehin Bekannten, Vertrauten. Kein Schelm, wer aus diesem wahrhaft meisterlichen Horror-no-Horror-Spiel eine politische Parabel konstruiert wissen will.

Christoph Prenner

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The Village - Das Dorf

ØØØØ

(The Village)


USA 2004

108 Min.

dt. Fassung und OF

Regie: M. Night Shyamalan

Darsteller: Bryce Dallas Howard, Joaquin Phoenix, William Hurt u. a.

 

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