Unter Kontrolle
ØØ 1/2
D 2011
98 Min.
Regie: Volker Sattel
Links:
Die Katastrophe von Fukushima scheint das Ende des Atomzeitalters einzuläuten: Einen besseren Zeitpunkt hätte sich Volker Sattel für die Präsentation seines AKW-Filmes wohl nicht wünschen können. Wenn die Dokumentation nur nicht so langweilig wäre ... 22.05.2011
Am 11. März 2011 ereignete sich vor der Küste Japans ein Erdbeben, welches - mitsamt der dadurch ausgelösten Tsunamiwelle - das japanische Atomkraftwerk Fukushima schwer beschädigte. So weit, daß es dort zur Kernschmelze kam. Wie Zufall erscheint es, daß sich just in diesem Jahr der GAU im ukrainischen Tschernobyl zum 25. Mal jährte.
Die Folge in Deutschland war ein vier Tage später ausgerufenes, dreimonatiges Moratorium für den Weiterbetrieb der sieben ältesten AKW des Landes.
Wirtschaftsminister Rainer Brüderle versicherte eine Woche danach gegenüber Spitzenmanagern, daß dies bloß den bevorstehenden Landtagswahlen im Süden der Republik geschuldet war.
Kurz darauf, am 27. März 2011, kam es zum historischen Wechsel im seit jeher konservativ regierten Baden-Württemberg. Die Folge: der erste Grüne Ministerpräsident in Deutschland. Der Auslöser: die Atomkatastrophe von Fukushima - zumindest laut der politischen Gegner.
Wie ein weiterer Zufall mutet es da an, daß nun "Unter Kontrolle" in die Kinos kommt, eine im Laufe von drei Jahren gefilmte Dokumentation von Volker Sattel über die AKW in Deutschland und Österreich.
Sattel besuchte zahlreiche Atommeiler, von Grohnde im Emmertal bis hin zu Zwentendorf in Niederösterreich. Sein Film berichtet von einer Branche, die Sicherheit verspricht und dennoch aufgrund von Unsicherheit im Sterben liegt. Der Reaktor in Mülheim-Kärlich (Rheinland-Pfalz) befindet sich im Rückbau, nachdem er Mitte der Achtziger lediglich zwei Jahre in Betrieb war; in Stendal (Sachsen-Anhalt) kam es nicht einmal zur Inbetriebnahme.
Kein Einzelfall, wie man weiß. In Zwentendorf sorgte bereits 1978 eine Volksabstimmung dafür, daß das einzige AKW Österreichs nie hochgefahren wurde. Heute dient es als Eins-zu-eins-Modell und Ersatzteillager. "Nichtsdestotrotz haben wir weiterhin ein Kernkraftwerk", heißt es von dort: "Vielleicht das sicherste der Welt!".
Auch im nordrhein-westfälischen Kalkar kam das 1986 fertiggestellte Kraftwerk nicht zum Einsatz, wegen der Katastrophe in Tschernobyl. Inzwischen wurde es zum Freizeitpark umfunktioniert - "Wunderland Kalkar", mit Hotels, Restaurants und Sportanlagen.
Viele Bildinhalte dieser Dokumentation wollen Sicherheit und Kontrolle suggerieren. Etwa eine Vernebelungsanlage im AKW Grohnde in Emmertal, die im Falle eines Flugzeugangriffes für zehn Minuten großflächig Nebel erzeugen soll, oder ein Simulatorzentrum der Kraftwerksschule Essen in Nordrhein-Westfalen. Wenn es dort plötzlich zu piepsen und zu blinken beginnt, kann der Reaktor - so wird versichert - innerhalb weniger Sekunden heruntergefahren werden. Vom Computer, versteht sich, damit der Mensch Zeit hat, die Fehlerquelle zu finden. Denn: "Jeder von uns macht Fehler", heißt es im Film: durchschnittlich zehn pro Stunde. Um diesen vorzubeugen, werden jeden Morgen Besprechungen abgehalten und Technologien gepriesen, "nach der sich Ingenieure die Finger lecken".
Dabei sammelt "Unter Kontrolle" weder Punkte für die Zuverlässigkeit der AKW noch für deren Unsicherheit. Es ist ein Film, der keine Fragen stellt und nicht kommentiert - Letzteres darf man wörtlich verstehen. Erst nach sieben Minuten gibt es überhaupt einen ersten O-Ton, auf einen erklärenden Kommentar wird allerdings verzichtet. Dieser Duktus macht sich besonders in den vielen statischen Einstellungen bemerkbar, deren Bildkompositionen wenig bis gar nichts vermitteln, allenfalls räumliche Eindrücke. Gelegentlich kommt es dann sogar zu einer Bild-Text-Schere, wenn ein O-Ton über Bilder gelegt wird, die mit dessen Inhalt nichts zu tun haben.
Für Regisseur Sattel ist sowas "ganz klar auch ein Kommentar", nämlich einer, der "dem Zuschauer mehr Freiheiten für seine eigenen Gedanken läßt". Was bei einem sperrigen Thema wie der Atomenergie dann allerdings auch nach hinten losgehen kann. Wie alles genau funktioniert, und wozu es benötigt wird - das reißt die Dokumentation nur grob an; die langen, fast schon elegischen Einstellungen und Schwenks wirken ermüdend und laden zum Wegdämmern ein.
Sattel filmt Atommeiler, Besprechungen, Arbeitszimmer, Kantinen, Kabel, Drähte ... oder auch einmal ein AKW von außen; inmitten von Grün, wie das Kraftwerk Grohnde, idyllisch an der Weser gelegen.
Als rauchender Schlot erscheinen viele Meiler im Hintergrund von Dörfern und Kleinstädten. Wie denken die Menschen vor Ort über das AKW? Fühlen sie sich sicher? "Unter Kontrolle" fragt sie nicht danach.
Letztlich ist Sattels Film, wie von manchen Medien treffend beschrieben, weniger Dokumentation denn Requiem. Der Sinn und Zweck jener Industrie, die in den Fünfzigern initiiert wurde, um den Frieden zu sichern, will sich nicht erschließen. Gründe für ihr Ende zeigt der Film allerdings auch nicht auf - stattdessen gibt es Alltagsdokumentationen von Arbeitern und Gebäuden.
Das ist zwar, aus künstlerischer Sicht, bisweilen hübsch anzuschauen. Man hat bloß nicht viel davon, weil es schlicht an wesentlichen Informationen mangelt. Wie heißt es so schön in "Unter Kontrolle": Jeder von uns macht Fehler.

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