Kino_Watchmen - Die Wächter

Nachteulen und blaue Männer

Der Erfolgsdruck war immens, die Erwartungshaltung ebenso: Zack Snyder wagte sich mit seiner "Watchmen"-Adaption an den Heiligen Gral der Comic-Gemeinde. Dabei gelang es ihm, die Komplexität und Atmosphäre der Vorlage in bewegte Bilder zu übersetzen.    27.02.2009

Schon seit Monaten heizt sich die Fan-Gemeinde mit immer neuen Ausschnitten, Bildern und Gerüchten um die Verfilmung ihres geliebten "Watchmen"-Comics an. Die von Alan Moore und Dave Gibbons entwickelte DC-graphic novel zählt zweifellos zu den Meilensteinen der modernen Popkultur.

Seit seiner Veröffentlichung vor rund zwei Jahrzehnten wurde unablässig darüber spekuliert, wer "Watchmen" wie auf die Leinwand bringen könnte - und mit wem. Nach vielen Umwegen kam das Projekt zu Zack Snyder, der mit dem Remake von "Dawn of the Dead" und der Frank-Miller-Adaption "300" sein Gespür für Suspense und visuelle Muskelspiele (im wahrsten Sinne des Wortes) unter Beweis stellen konnte. Vor allem "300" spaltete das Publikum mit seiner extrem stilisierten Übermenschen-Ästhetik. Etwas davon findet sich auch in Snyders "Watchmen"-Adaption wieder. Ansonsten - und das mag durchaus verwundern - sind es gar nicht einmal die Schauwerte oder die Action, die bei dieser Comic-Verfilmung den Ton angeben.

Einigen wir uns aber zunächst auf Folgendes: Lassen wir den Fanboy Fanboy sein und versuchen wir uns an einer zumindest halbwegs objektiven Bestandsaufnahme. Funktioniert "Watchmen" als Kinofilm? Können auch Menschen, denen Namen wie Nite Owl oder Dr. Manhattan bislang nichts sagten, etwas mit Snyders Umsetzung anfangen?

Zu Beginn fällt die Orientierung zwischen all den Superhelden nicht immer leicht. Da gibt es zum einen die erste Generation der "Watchmen", die bereits in den 40er Jahren maskiert auf Verbrecherjagd ging und von denen keiner über wirklich außergewöhnliche oder übermenschliche Fähigkeiten verfügte. Sie selbst gaben sich den Namen "Minutemen". Irgendwann im Laufe der 50er Jahre verschwanden Silk Spectre, Hooded Justice und Co. nach und nach von der Bildfläche und damit auch aus dem öffentlichen Bewußtsein.

In die Fußstapfen der "Minutemen" trat jedoch nur wenig später eine neue, zweite Generation maskierter Kämpfer für Recht und Gerechtigkeit. Ihnen gehörte der Physiker Dr. Manhattan (Billy Crudup) an, der seit einem Laborunfall als einziger tatsächlich über Superkräfte verfügt und rein äußerlich einem verstrahlten Mitglied der Blue Men Group ähnelt. Rorschach (Jackie Earle Haley) alias Walter Kovacs, ein maskierter Gerechtigkeits-Junkie und ehemaliger Privatermittler, die verführerische Silk Spectre II (Malin Akerman), das selbsternannte Genie Ozymandias (Matthew Goode) und der zweite Nite Owl (Patrick Wilson), ein schüchterner Frauenversteher mit einem Faible für technische Gimmicks, komplettierten die bunte Truppe.

Das Bindeglied zwischen der ersten und zweiten Superhelden-Generation ist die schillernde Figur des Comedian (Jeffrey Dean Morgan). Der Berufszyniker, dessen mysteriöser Tod die Handlung in "Watchmen" in Gang setzt, wurde von einem Unbekannten in seiner eigenen Wohnung ermordet. Rorschach wittert eine Verschwörung, bei der alle früheren Superhelden nacheinander ausgeschaltet werden sollen.

 

Wie schon in "V wie Vendetta" entwirft Alan Moore auch in "Watchmen" ein düsteres politisches Szenario. Dabei blickt er dieses Mal nicht in die Zukunft, sondern in die jüngere Vergangenheit. Die eigentliche Geschichte spielt im Jahr 1985. Es ist die Zeit des Kalten Krieges. Die USA - unter ihrem zum dritten Mal (!) wiedergewählten Präsidenten Richard Nixon (!!!) - und die Sowjetunion halten ein atomares Schreckensszenario als Drohkulisse aufrecht, das sich jederzeit in einem apokalyptischen Alptraum entladen kann. Für Superhelden ist in dieser bipolaren Weltordnung kein Platz. Schon in den Siebzigern wurden sie von der Regierung zur Aufgabe ihrer Tätigkeit gezwungen. Allenfalls im Auftrag des Präsidenten dürfen sie noch legal ihrem "Handwerk" nachgehen.

Das ist also die Ausgangslage, von der aus Film wie Comic operieren. In stilvoll photographierten Rückblenden bringt uns Snyder das Leben der einst gefeierten Helden näher, vom ersten Zusammentreffen als Fans anderer Superhelden-Geschichten bis zu den mehr oder weniger "bürgerlichen" Karrieren der zweiten Generation. So wie die Figuren jede für sich andere Comic-Vorbilder zitieren - bei Nite Owl drängt sich der Vergleich zu Bruce Wayne/Batman förmlich auf -, zitiert Snyder wiederum andere Klassiker der Filmgeschichte. Das geschieht zwar wie im Fall der "Apocalypse Now"-Reprise bisweilen recht plump, doch charmant ist es trotzdem, weil das Augenzwinkern dabei stets erkennbar bleibt. Auch den eingebauten Verweis auf "300" mag man Snyder nicht wirklich übelnehmen. Satirische Qualitäten offenbart der Film nicht zuletzt in den Szenen mit dem besonders langnasig erscheinenden Nixon (Pinocchio?) und dessen Sicherheitsberater Henry Kissinger.

Während Frank Miller bei seinem Versuch, mit "The Spirit" einen anderen Kult-Comic in bewegte Bilder zu übersetzen, zuletzt grandios scheiterte, weicht Snyder den meisten Stolpersteinen recht souverän aus. Natürlich kann auch er sich von seiner Fixierung auf Oberflächlichkeiten nicht ganz befreien. Daß ihm das Posing augenscheinlich im Blut liegt, zeigt sich bereits während der Einleitung, in der sich stylishe Slow-Motion-Effekte mit einzelnen Tempobeschleunigungen abwechseln. Gegenüber "300", dem ersten Special-Effect in Spielfilmlänge, sind die optischen Spielereien jedoch weitaus dezenter eingesetzt. Erst im Finale dreht Snyder dann noch einmal so richtig auf. Dort geht es aber auch um nichts weniger als die Rettung der Welt, was den Griff in die Trickkiste letztlich rechtfertigt. Und ein bißchen Show - machen wir uns nichts vor - darf bei einer 100 Millionen Dollar teuren Comic-Verfilmung einfach nicht fehlen. Das größtenteils männliche Zielpublikum wird überdies von ganz anderen Schauwerten angezogen. Malin Akermans (das Sexbienchen Silk Spectre II) enges Latex-Kostüm ist waffenscheinpflichtig und dürfte hinterher für so manch feuchten (Nerd-)Traum sorgen. Selbiges gilt für die schwülstige Softsex-Nummer zwischen Silk und Nite Owl, mit der sich Snyder um die Nachfolge von Adrian Lyne bewirbt.

 

Düster und doch nicht monoton ist die Stimmung, die "Watchmen" verbreitet. Zwischen dem vor allem in den Episoden um Rorschach präsenten, atmosphärischen Noir-Feeling und den parodistischen Auftritten des eitlen Selfmade-Unternehmers Adrian Veidt (alias Ozymandias) liegen Welten respektive zwei Filme. So scheint es zumindest. Von anderen Comic-Verfilmungen unterscheidet sich "Watchmen" nicht nur durch seine Laufzeit von gut zweieinhalb Stunden, auch die Komplexität und Ambivalenz seines vermeintlichen Superhelden-Personals will nicht zu Saubermännern wie Peter Parker oder Clark Kent passen.

Während sich der Comedian in beißenden Zynismus flüchtet und ohne Skrupel Menschenleben ausradiert, erzeugen seine ehemaligen Mitstreiter Ozymandias und Rorschach ob ihres mehr als unsympathischen Erscheinungsbilds Unbehagen und Ekel. Alan Moores Handschrift ist hier unverkennbar. Schon V, der mysteriöse Revoluzzer aus "V wie Vendetta", war eine höchst streitbare Persönlichkeit, deren Ethos und Methoden man durchaus hinterfragen konnte (bzw. mußte).

Bemerkenswert ist, wieviel Zeit sich Snyder für jeden einzelnen Charakter nimmt. Im Grunde sind die ersten 90 Minuten eine einzige überlange Einleitung, die uns das "Watchmen"-Universum und seine Protagonisten näherbringt. Was man gemeinhin "Plot" nennt, entwickelt sich eher im Vorbeigehen, nebenher, als Hintergrundrauschen. Anstelle einer banalen, Action-lastigen Superhelden-versus-Superschurken-Geschichte erwarten den Zuschauer Querverweise zur Historie des Superhelden-Comics und sauber ausgearbeitete (Anti-)Helden mit liebenswerten bis bizarren Manierismen. Gerade kleine, in Subplots verpackte Details wie Rorschachs Vorliebe für Bohnen aus der Dose oder das problematische Mutter-Tochter-Verhältnis im Hause Jupiter zeugen von der Liebe zum Comic und zur Moores Vorlage. Lediglich die Figur des egozentrischen Weltverbesserers Adrian Veidt nimmt sich im Vergleich zu den übrigen Charakteren recht schematisch und konventionell aus. Hier trifft das Vorurteil des comic relief ausnahmsweise einmal zu.

Um zur eingangs gestellten Frage zurückzukommen: Ja, dieser "Watchmen" funktioniert als Film überaus gut. Immer, wenn es den Anschein hat, als habe sich Snyder wieder einmal zu sehr in seine geleckte Videospielästhetik verguckt, fängt er sich prompt mit der nächsten Szene. Da nimmt man ihm selbst manche zum Ende etwas dick aufgetragene Hauruck-Aktion nicht wirklich übel. Und wer seinen Film mit Bob Dylans "The Times They Are A-Changin´" beginnt und zum Höhepunkt "All Along the Watchtower" spielen läßt, der kann eigentlich soviel nicht falsch gemacht haben.

Marcus Wessel

Kommentare_

Kommentar verfassen
hatemail - 27.02.2009 : 10.02
Dylan ist Dreck, ob bei Moore oder Zack.
Lovechild With Guns - 05.03.2009 : 14.12
Und Dylans Stern wird immer noch funkeln, wenn hatemail in wurmträchtigem Boden vor sich hin fault. Alan und Zack seien meine Zeugen...
hatemail - 05.03.2009 : 19.21
And the Great Worm will rise! Iääääh! Shub-Niggurath!
Gerhard - 12.03.2009 : 13.06
Also ich fand die Inszenierung durch Snyder weniger gelungen. Der Plot dümpelt vor sich hin, die Charaktere wachsen einem nicht wirklich ans Herz und im Endeffekt hat der Film keine einzigen Höhepunkt. Selten zuvor hatte ich bei einem Film dermaßen das Gefühl, dass mit einem anderen Regisseur alles viel besser aussehen hätte können was Story und Atmosphäre betrifft. Alles in allem bietet Watchmen einen genialen Stoff, der von Snyder jedoch nur bedingt gut verfilmt wurde.
Frage: - 14.03.2009 : 15.55
Weiß der autor wirklich, was "comic relief" bedeutet?
mögliche antwort - 14.03.2009 : 18.56
vielleicht ein wortspiel?

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