Kino_Das weiße Band

Auch Nazis haben klein angefangen

Es ist offiziell: Deutschland schickt Michael Hanekes neues Machwerk ins Rennen um den Oscar. Kein Wunder - die Amerikaner kriegen von Filmen über die deutsche Geschichte scheinbar nie genug.    28.09.2009

Am Ende des Films bricht er aus, der Erste Weltkrieg. Gerade noch erreicht den Gutsverwalter die Nachricht, daß der österreichische Thronfolger in Sarajewo erschossen wurde.

Was wenige Monate später die halbe Welt ins Verderben ziehen sollte, fängt im Film in einer krisengebeutelten Kleinstadt an: Den Dorfarzt hat man hinterhältig ins Krankenhaus befördert, indem man ihm und seinem Pferd einen Draht spannte; den Sohn des Barons hat man gefoltert und geschlagen - und sogar der behinderte Sohn einer einfachen Frau wurde nicht verschont. Das Dorfidyll, wie wir es aus unzähligen Heimatfilmen kennen, ist bei Haneke eine Scharade. Heuchelnd täuscht man Respekt und Hierarchie vor, während man hinter hervorgehaltener Hand seine Mitbürger denunziert. Es ist ein buchstäblich hartes Deutschland, das der Regisseur uns hier in den Vorkriegsjahren präsentiert. Kinder sprechen den Mann im Hause mit "Herr Vater" an und siezen ihn. Zum Dank werden sie nachts ans Bett gefesselt - zu ihrem eigenen Schutz, schließlich soll der eigene Körper nicht entdeckt werden. Auch die Prügelstrafe ist fester Bestandteil des Alltags. Sonntags geht es natürlich in die Kirche, die - zusammen mit einem weißen Band am Arm - verdeutlichen soll, daß sich "Reinheit" lohnt und der einzige Weg ist.

Wieder einmal bringt Haneke die bürgerliche Fassade zum Bröckeln: Gutsituierte und weiter nicht auffallende Menschen werden zum Opfer von Gewalt. Diese geht aber nicht etwa von den Erwachsenen, sondern von den Jugendlichen aus, wie schon in "Funny Games" oder "Caché". In "Das weiße Band" geht Haneke jedoch noch einen Schritt weiter und macht die Kinder zu Tyrannen, die sich lediglich gegen den hauseigenen Tyrannen zur Wehr setzen.

Schon Lucio Fulci fragte sich in "Das Haus an der Friedhofsmauer", ob Kinder Monster seien oder Monster Kinder; eine Thematik, die nicht zuletzt auch in "Village of the Damned" oder "Ein Kind zu töten" behandelt wurde. Nach Michael Hanekes Film herrscht darüber weiterhin Ungewißheit. Leider begeht er dabei aber seinen üblichen Non sequitur, der immer wieder sauer aufstößt. Erst recht, wenn er seine Thesen so oft zum Thema macht wie in letzter Zeit (das amerikanische Remake seines "Funny Games" mit der Aussage zu begründen, daß die Amerikaner so einen Film einfach nötig hätten, ist dabei nur die Spitze des Eisbergs).

 

Haneke ist von der Gewalt und ihrer Spirale fasziniert, keine Frage. Doch statt ihre Ursprünge und Folgen wirklich zu hinterfragen und zu untersuchen, verfällt er immer wieder simplen Platitüden mit erhobenem Zeigefinger. Das ist - vor allem in Hinsicht auf seine Filmographie - nicht nur anmaßend, sondern mittlerweile auch einfach nur noch nervtötend. Jene diabolischen Kinder, die hier foltern, zündeln und sogar morden (wenn auch nur Haustiere), werden in 20 Jahren jene sein, die Deutschland in sein dunkelstes Kapitel reiten und darin buchstäblich führen werden. Gewalt erzeugt Gegengewalt, auch hinterläßt sie Spuren an den jungen Seelen. Dennoch macht sich Hanekes Film vieles zu einfach, beispielsweise dann, wenn er seinen Dorflehrer viel zu blauäugig und gutmütig durchs Leben wandeln und plötzlich sogar zum Kommissar werden läßt - dabei wird sogar im Film deutlich, daß der ganz andere Interessen, nämlich seine Geliebte, hat. Spätestens hier mausert sich Haneke zum anbiedernden Moralapostel, der gern über den Dingen zu schweben scheint.

Dennoch: "Das weiße Band" hat einige Schauwerte; die Geschichte selbst ist trotz einer Spielzeit von über 144 Minuten auch recht spannend. Das Ganze hat halt etwas von einem klassischen bürgerlichen Trauerspiel, steckt voller Intrigen, Machtkämpfe und unerfüllter Liebe. Die heile Fassade war dabei damals so essentiell wie heute. Schauspielerisch erwähnenswert ist neben den Kinderdarstellern vor allem Ulrich Tukur: Er mimt den eiskalten, aber wohlwollenden Dorfpfarrer mit einer Raffinesse, die irgendwo zwischen Gänsehaut und eiskalter Verachtung angesiedelt ist.

Bei der kommenden Oscar-Verleihung hat Michael Hanekes Streifen jedenfalls gute Chancen, da man mit dieser Art von Kino und Vergangenheitsbewältigung immer noch Preise einsacken kann (Anm. d. Red.: wie es auch Kate Winslet in Ricky Gervais´ "Extras" so schön formulierte ...). Erst heuer gewann Deutschland mit dem Kurzfilm "Spielzeugland", der einmal mehr die NS-Zeit zum Gegenstand hatte, den Oscar. Und obwohl "Das weiße Band" nur bedingt mit dieser Zeit zu tun hat, wird die Diskussion, ob es sich nun um einen deutschen oder einen österreichischen Beitrag handelt, einiges zum Hype beitragen. Schlecht ist der neue Haneke jedenfals nicht - würde er nur nicht immer den penetranten Besserwisser heraushängen lassen.

 

 

 

 

 

 

Stefan Rybkowski

Das weiße Band

ØØØ

Leserbewertung: (bewerten)

Ö/I/F/D 2009

144 Min.

Regie: Michael Haneke

Darsteller: Ulrich Tukur, Susanne Lothar, Christian Friedel u. a.

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Kommentare_

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didi marso - 28.09.2009 : 13.25
hi,
ulrich tukur spielt den baron; der pfarrer wird von burghart klaussner gegeben.
lg,
didi
Stefan Rybkowski - 28.09.2009 : 13.32
Ja, das ist richtig, danke für den Hinweis.
Markus - 28.09.2009 : 13.32
Ich habe einen grundsätzlich anderen Eindruck von diesem Film gewonnen und kann Deine Einschätzung Hanecke als Moralapostel zu sehen nicht nachvollziehen. Ich finde, ihm ist ein zutiefst humanoistischer Film gelungen.
Aber unabhängig davon, hast Du Ulrich Tukur und Burghart Klaußner verwechselt. Letzter spielt den Dorfpfarrer (und da gebe ich Dir Recht: er macht das großartig). Tukur gibt den Baron, und das auch sehr gut. Wie immer grandios: Susanne Lothar.
Markus - 28.09.2009 : 13.36
Sorry, hatte den 1. Kommentar erst nach Absenden meines Kommentares gesehen. Und ich meinte natürlich "humanistischer Film". ;)
Stefan Rybkowski - 28.09.2009 : 13.37
@Markus

Hast Du schon die anderen Filme von ihm gesehen, allen voran FUNNY GAMES (U.S.) und CAHCÉ - deutlicher geht's fast nicht, dass Haneke hier einen auf Moralapostel macht (siehe auch Selbstaussage) ... Wenn ich da nur an den Anfang denke, bei FUNNY GAMES, wenn die Klassik mit dem guten Bürger in Verbindung gebracht wird und der Metal mit der bösen Jugend. Ich mag FUNNY GAMES, weil er atmosphärisch unglaublich dicht ist - wie eben hier auch - aber lasse mich deshalb nicht unbedingt blenden, nein, Herr Haneke, niemals! ;-)
Markus - 28.09.2009 : 14.04
Natürlich kenn' ich auch die frühen Filme von Haneke. Auch «Funny Games» fand ich genial. «Le Temps du loup» dahingegen unerträglich. «La pianiste» wiederum sehr gut. Aber ich sehe schon, wir kommen da kaum zusammen in der Einschätzung. Kann Deine Ablehnung aber verstehen.
Stefan Rybkowski - 28.09.2009 : 14.15
Wir sind uns quasi einig, dass wir uns uneinig sind. :-)
Penetrante Besserwisserin - 07.10.2009 : 03.25
Haneke ein penetranter Besserwisser? Wohl eher einer, der es tatsächlich besser weiß - und Zusammenhänge erkennt, die den meisten Menschen verborgen bleiben. Dass sich Aufdecker wie er selten großen Zuspruchs erfreuen, zeigt sich nicht zuletzt am Schicksal des Lehrers im Film.

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