Kino_The Social Network

500 Million Friends

Wer darunter leidet, keine Freunde zu haben, kann sich seit ein paar Jahren am Bildschirm trösten: Das virtuelle Netzwerk "Facebook" verspricht Abhilfe. David Fincher hat diese moderne Variante des Selbstbetrugs zum Inhalt seines neuesten Filmes gemacht.    30.09.2010

(Anm. d. Red.: Wie öfters bei wichtigen Neuerscheinungen haben sich gleich zwei unserer Kritiker den Film angesehen. Die alternative Rezension lesen Sie hier.)

 

Das soziale Leben der Amerikaner wird von ihren BlackBerry-Smartphones und dem Internet bestimmt. Am Uni-Campus wird nicht mehr vis-à-vis miteinander kommuniziert, sondern man checkt seine Facebook-Seiten und gibt online Kommentare ab.

Heuer nahm sich schon "South Park" dieses Themas - man sollte eigentlich eher von einem Problem sprechen - in der Episode "You Have 0 Friends" an. Anstatt ihre Freizeit gemeinsam zu verbringen, hängen hier Cartman, Kenny und Kyle vor ihren Rechnern herum und facebooken mit ihren Freunden. Widerstrebend wird auch Stan in das soziale Netzwerk gezwängt - und sieht sich fortan mit Fragen seitens der Familie konfrontiert, wie etwa: "Laut deinem Facebook-Profil sind wir keine Freunde".

Freundschaft und Freizeit findet im 21. Jahrhundert verstärkt online statt. Facebook und Twitter lösen als Kommunikationsmittel das Telefonieren ab, wie in den Neunzigern die Email den Brief verdrängte. Dabei ist Facebook kein neuerfundenes Rad, und an sich nicht einmal sonderlich kreativ. Dennoch verzeichnet es seit seinem Start am 4. Februar 2004 inzwischen über 500 Millionen Mitglieder - und ist aus dem sozialen Leben der Amerikaner nicht mehr wegzudenken.

Man mag sich fragen, wie die Menschen eigentlich über 4000 Jahre lang ohne Facebook auskamen. Wie sich die Hellenen und Spartaner 480 vor Christus ohne Facebook organisieren konnten, um der persischen Invasion von Xerxes I. Herr zu werden? Oder wie Petrus rund ein halbes Jahrhundert später in Rom mit Jakobus und den anderen Jüngern Jesu in Kontakt blieb? Keine Möglichkeit, auszudrücken, ob es einem gefällt, daß Petrus nun erster Papst ist. Mehr schlecht als recht überlebte unsere Zivilisation also bis zum Jahr 2004, da Mark Zuckerberg - quasi ein Prometheus 2.0 - zusammenführte, was zusammengehörte.

Nach dreieinhalb Jahren war Facebook bereits 15 Milliarden Dollar wert, und Zuckerberg ist inzwischen der jüngste Selfmade-Milliardär aller Zeiten. Letztes Jahr erschien das Buch "The Accidental Billionaires" von Ben Mezrich. Es beschreibt die Anfänge der Facebook-Gründer um Zuckerberg und seinen Harvard-Kommilitonen und besten Freund, Eduardo Saverin.

 

Regie-Größe David Fincher nahm sich des Stoffes an; er wollte ihn so schnell wie möglich verfilmen und zeitnah ins Kino bringen. Nun startet also "The Social Network": Der Film erzählt die Geschichte von Mark Zuckerberg (dargestellt von Jesse Eisenberg), und wie er das wichtigste soziale Netzwerk der Gegenwart schuf.

Fincher beginnt mit jenem Abend des 28. Oktober 2003, als Marks  Freundin Erica (Rooney Mara) mit ihm Schluß macht, weil er sie von oben herab behandelt. Sie will seine Faszination für die Studentenverbindungen der Elite-Uni Harvard nicht teilen. Dabei bestimmen doch diese, ob man es später zu etwas bringt - da draußen, in der realen Welt. Mit zwei Bier intus und gekränktem Stolz wird gemeinsam mit seinen Mitbewohnern und Kumpel Eduardo (Andrew Garfield) "Facemash", ein Hot-or-Not-Ranking der Kommilitoninnen, erstellt. Mit Formeln, die, wie es sich für Genies gehört und wie es Ron Howard in "A Beautiful Mind" etablierte, auf die Fensterscheibe gekritzelt werden.

Innerhalb weniger Stunden legen Zuckerberg & Co. nun das Campus-Netz lahm, erregen die Aufmerksamkeit der Uni und einer elitären Studentenclique rund um die Zwillinge Cameron und Tyler Winklevoss (Armie Hammer) sowie Divya Narendra (Max Minghella). Die heuern Zuckerberg an, um ein soziales Netzwerk für sie zu programmieren. Er wird neugierig, beginnt zu tüfteln - und klaut ihnen die Idee. So, wie er Facebook einige Jahre später seinem Mitarbeiter und ehemals besten Freund Eduardo klauen wird.

Zwischen diesen beiden Handlungssträngen und den in Rückblenden erzählten früheren Ereignissen driftet Fincher nun hin und her. Man erfährt, daß Zuckerberg, dieser Nerd, der auch im Winter mit kurzer Hose und Badeschlapfen über den Schneebedeckten Campus hampelt, wenn er schon kein narzißtisches Arschloch ist, sich zumindest wie eines aufführt. So lautet zumindest das Urteil seiner Anwältin (Rashida Jones); und man kann ihre Antipathie nachvollziehen. Der Sturkopf wäre ja so gern Mitglied in einer der "wichtigen" Verbindungen; andererseits sagt er oft, was er denkt, und stößt damit nicht nur Fremde, sondern sogar seine Freundin vor den Kopf.

 

Das ist jedoch nicht die Person Mark Zuckerberg, und leider nicht einmal irgendeine Person Mark Zuckerberg. Drehbuchautor Aaron Sorkin, seines Zeichens Schreiberling der hochgeschätzten Fernsehserie "The West Wing", verliert sich in vielen geschwätzigen Dialogen, die in ihrer Spitzfindigkeit David Fincher vielleicht glauben lassen, daß sie in Verbindung mit seinem technischen Können aus "The Social Network" den "Citizen Kane" der John-Hughes-Filme gemacht haben.

Wirkliche Figuren sollte der Zuschauer aber nicht erwarten. Denn sie alle - von Mark über Eduardo bis hin zum Napster-Gründer Sean Parker (gespielt vom ehemaligen ‘N Sync-Sänger Justin Timberlake) - bleiben blaß, frei von jedwedem Charakter und letztlich Spielfiguren in einer marionettenhaften Inszenierung.

Man fragt sich vergeblich, warum Erica überhaupt mit jemandem wie Zuckerberg eine Beziehung eingegangen ist; was einen extrovertierten Menschen wie Eduardo zum besten Freund eines derart selbstverliebten Ekels machte; oder was eigentlich nicht nur Harvard-Studenten, sondern überhaupt eine halbe Milliarde Menschen an so etwas wie Facebook finden. Das hat dann auch nichts mehr mit Zeitgeist-Einfangen zu tun, oder mit Momentaufnahmen unserer Generation. Facebook ist letztlich nur eine gefragte Modeerscheinung, bis ein anderer Nerd in Badeschlapfen das nächste Internet-Tool erfindet.

Warum sich Sorkin so ausführlich mit den Klägern rund um die Winklevoss-Zwillinge beschäftigt, ist auch nicht ganz nachvollziehbar - verschwinden diese doch nach einem sinnlos inszenierten Ruder-Duell in England und einem peinlichen "Cameo" von Fürst Albert von Monaco auf einmal von der Bildfläche. Zuckerberg genießt derweil Blowjobs auf der Toilette: Ruhm zieht Frauen an wie Scheiße die Fliegen, gerade in Amerika. Er ist in seiner Sehnsucht nach Anerkennung ein Geplagter, jemand, der es nicht sich, sondern den Anderen beweisen will. Eine faustische Figur, die letztlich ihrem Mephisto alias Timberlake ins wenn schon nicht finanzielle, doch immerhin soziale Verderben folgt.

Dabei ist der interessanteste Aspekt von "The Social Network" nicht die Erfindung von Facebook selbst (oder ob die Plattform nun Ideenraub ist oder nicht), sondern die Freundschaft zweier Männer, die durch das Ego des einen von ihnen zerstört wird. Doch Sorkin kümmert sich nicht darum; erst gegen Schluß findet kurz so etwas wie ein Nachdenken von Eisenbergs Figur über ihr Handeln statt.

 

So zeigt der Film einen Mann mit vielen Arschkriechern um sich herum, aber ohne einen einzigen Freund. Der Protagonist, ein Dagobert Duck des 21. Jahrhunderts: Ein Twen, der im Geld schwimmt, aber ein sozialer Aussätziger bleibt.

Wie immer es um die Psyche des realen Mark Zuckerberg bestellt sein mag - sein filmisches Pendant hätte durchaus mit etwas (mehr) Leben ausgestattet werden können; ebeso wie der gesamte Film mit einer wirklichen Handlung. Denn so gut er auch von Fincher fotografiert ist - von technischer Seite läßt sich dem Film kein Vorwurf machen -, vermittelt er letztlich nicht mehr Informationen als einschlägige Wikipedia-Einträge und verliert sich stattdessen in Geschwätzigkeit und Belanglosigkeit.

Oder, wie es Stan in "South Park" so treffend formuliert hat: "Dude, fuck Facebook, seriously".

Florian Lieb

The Social Network

ØØØ

Leserbewertung: (bewerten)

USA 2010

121 Min.

 

Regie: David Fincher

Darsteller: Jesse Eisenberg, Justin Timberlake, Andrew Garfield u.a.
Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Video
Song to Song

Ein Lied, das ihr liebt

Der Tenor nach Terrence Malicks jüngstem Werk fiel aus wie immer: Der Auteur präsentiere stets dasselbe - ähnlich wie die Kritik an seinen Werken, die sich in Witzeleien über gehauchte Erzählstimmen, an Parfümwerbung erinnernde Kameraarbeit und das Frohlocken in den Feldern erschöpft. Sein neuer Film wird ihm kaum neue Anhänger bescheren, liefert Fans aber das, was sie an ihm schätzen.  

Kino
Right Now, Wrong Then

Die Macht der Worte

Kleine Dinge können eine große Wirkung haben. Das veranschaulicht auch Regisseur Hong Sang-soo in seinem jüngsten Film. Der beginnt nach der Hälfte seiner Laufzeit einfach nochmal von vorne - mit einigen Abweichungen, die der Geschichte eine neue Wendung geben. Das Ergebnis daraus: ein vergnüglicher Doppel-Film über den Moment des Augenblicks.  

Kino
Blair Witch

Wie verhext!

Vor 17 Jahren avancierte der sehr preisgünstige Found-Footage-Horror "Blair Witch Project" zum Kassenschlager im Kino. Dennoch folgte auf den Indie-Hit lediglich eine einzige Fortsetzung, die den Erfolg nicht wiederholen konnte. Nun bringt Regisseur Adam Wingard die Kameras und den Schrecken zurück in den Black Hills Forest - und das durchaus überzeugend.  

Games
Abzû

Abtauchen angesagt

Irgendwann verläßt man das heimische Nest und geht eigene Schritte. Manch einer orientiert sich dabei an dem, was er zu Hause gelernt hat - so wie Matt Nava, vormals Art Director des Studios thatgamecompany. Dort beaufsichtigte Nava die Hits "Flower" und "Journey"; nun präsentiert er mit "Abzû" einen spirituellen Nachfolger als erstes eigenes Game.  

Kino
John Wick

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Manchmal reicht ein bloßer Name, um einem das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Wie bei John Wick - einem Ex-Auftragskiller für den Mob, der aus der Rente zurückkehrt, als ihm der Sohn eines alten Weggefährten den Hund tötet. Keanu Reeves brilliert in diesem ebenso vergnüglichen wie kurzweiligen GunKata-Film.  

Video
The Immigrant

The American Dream is waiting

Ende vergangenen Jahres tauchte ein Film auf vielen Bestenlisten von US-Kritikern auf, der im Tenor der Preisverleihungen zum Jahresanfang unterging. Dabei hat James Grays jüngstes Werk viele Elemente, die ihn gerade für die Oscars interessant machen sollten.