Akzente_Tina Leisch - Medea bloss zum Trotz

Women in cages

Das Prinzip der Rache ist eine der elementarsten Lebenserfahrungen, schneidet erfrischend hemmungslos durch Gesellschaftsauftrag und PC-Behaviorismus. Nichts ist entsprechend logischer, als "Medea" - das "Revenge Epic No. 1" - mit Häftlingen hinter Zellenmauern zu inszenieren.    13.11.2007

Niemand kann Tina Leisch vorwerfen, sie hätte kein gutes Händchen für die Theaterbretter, die gesellschaftskritische Themen auf den richtigen Punkt hämmern. Brechts "Dreigroschenoper" im besetzten Kirchweger-Haus, teils dargeboten von trinkfreudigen Schnorrer-Punks, war als 94er-Debüt eine rasante Wucht. Taboris "Mein Kampf" in Hitlers Asyl, dem Männerwohnheim Meldemannstraße, brachte 2002 einen berechtigten Nestroy-Preis. Das reizvolle Häkelmuster, die "echten" Darsteller für "echte" Problemthemen einzusetzen, zieht sich durch ihr gesamtes Schaffen: Obdachlose, Asylanten, Rassenparias, Jugendkriminelle. Und es schmeckt bei ihr weitaus besser, als wenn bei einem Star-Regisseur wie Peter Sellars der reale Aussätzige zur phlegmatischen Bühnenstaffage wird, um einem saturierten Bürgerpublikum ein bisserl Frisson in den unterzuckert sozialbewußten Kreislauf zu jagen. Das Outsidertum stellt hier die Grundbesetzung, nicht den Kick.

 

"Medea bloss zum Trotz" ist nun "Euripides"-Rewind. Insassinnen des Frauengefängnisses Schwarzau verfaßten die Klassikbalz um das enttäuschte meuchelwütige Weib, das mit Kindern, Kegel und gebrochenem Herzen vom flotten Argonauten Jason alleingelassen wird, da er lieber ganz neoliberal auf reichere Frauenschau geht, um die eigene Lebenserfahrung bereichert neu und boten sie mit Brüdern im Knaste - Kollegen aus Gerasdorf - dar. Am Ende müßten natürlich alle sterben - komplette Auslöschung als Folge des gebrochenen gesellschaftlichen Liebesversprechens.

Hier sitzt das kleine "Mad Girl", die verlassene griechische Junkie-Braut, längst hinter Gittern und schafft es gerade einmal, ihren Babies auf Besuch Rattengift ins pinke Flascherl zu ballern, bevor es auch dafür wegen verlorenen Sorgerechts zu spät wird. Der Strizzi-Mann freilich ist längst über alle Berge und pimpert eine "Grade", während der Messerwetzerin Depression, Spaß mit´m "Kas" (Slang für Bewacher: "Kaiserlicher Arrestschließer"), modische Selbstverstümmelung oder zwangsediertes Lesbengenecke übrigbleiben. Dann doch lieber Blutrache als abendfüllende Unterhaltung.

Prinzipiell kommt es auch enorm gut, wenn das weibliche Dreierteam Leisch, Alma Hadzibeganovic und Sandra Selimovic das Stück als bobo-modernen Drahtverhau aus Wiederkehr der klassisch immergleichen, also ewiggültigen Handlungsmuster mit NeoCon-Floskeln, Vorstadt-Disco und jugendmodernem Häfn-Slang vermengen. Das atmet am Probesteg den Geist von "Uhrwerk Orange", Neoverismo, Schlingensief und Pasolini. Auch "My Private Idaho" versetzte Shakespeare-Pathos unter angeschwulte Jungverbrecher.

Praktisch sitzt man wie die Insassen hinter Eisenstäben in einem zum Zuchtlager umfunktionierten Barockschlößchen und darf in einem Sportkabinenflair verbreitenden Mittelschultheatersaal den realen Verurteilten beim Äffchenmachen aus dem eigenen Leben zusehen. Schüchtern tapsen die Schauspielversucher mit zugekleisterten Gesichtern (Amphitheater? Ich-Abstraktion? Anonymisierung?) durch den Kreislauf der Sozialmisere. Man kann ihre eigenen Geschichten ahnen - und dankbar sein, daß der Strafvollzug solche kleinen Freiheiten erlaubt. Das rührt. Das gibt Mitleid. Aber beim zweiten Gedanken, soweit man dazu fähig ist, macht es fuchsteufelswild.

 

Nach einer Stunde Spielzeit sitzt man nämlich selbst zwischen Brathenderl und Erdäpfelsalat. Die "Künstler" sind wieder glücklich weggesperrt, ohne daß man ein Wort mit ihnen wechseln oder ihnen wirklich gratulieren, also eine Selbstbestätigung hätte geben können. Und die allfälligen Bürgermeister und Wärterbeamten gratulieren sich mit Blumensträußerl und BussiBussi für die eigene Offenherzigkeit. Helau! Helau! 50 Jahre Schwarzau!

Fast scheint sich da bei Tina Leisch die widerborstige Gewandung (wahrscheinlich sogar unfreiwillig) mit einer bourgeois-konservativen Message zu vermengen. Und der Holzhammer trifft spätestens dann allzu versöhnlich, wenn sogar Gustavs feiner Soundtrack wie ein DenkMalNach-Jingle alle fünf Minuten zur Knopfdruck-Intermission verkommt - der Job, den sonst bei uns die Blaskapellen erledigten. So bleibt von "Medea", einer der wesentlichsten Geschichten über das Aufbäumen des Einzelnen gegen das gesellschaftliche Zwangsnetz, nur eine mögliche Aussage: Die Zucht der Masse hat dich doch lieb. Und Gefängnisse können richtig cool sein. Das freilich schmeckt reichlich schal. Hoffen wir auf Leischs Film, den sie parallel hinter den Kulissen gedreht hat und der nächstes Jahr erscheinen soll. Der wird hoffentlich mehr sein als nur "Licht ins Dunkel". Und Tusch ...

Paul Poet

Medea bloss zum Trotz

ØØØ

Häfntheater mit Gesang & Musik

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(Photos © Fabio Peissl)

Von Tina Leisch und Alma Hadzibeganovic

Regie: Tina Leisch, Sandra Selimovic

Musik: Eva Jantschitsch

Kostüme: Sandy Sekanina
Darsteller: Miranda, Chantal, Sophia, Fabienne, Cindy, Julia, Jarett, Justin, Ennis, Big Joe, Joker

 

Letzte Vorstellung: 15. 11., 19 h

Justizanstalt Gerasdorf, Steinfeld/St. Egyden

Kartenreservierung: medeakarten@gmx.net oder 0681/10367851

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Mirko Herzog - 04.06.2009 : 14.48
Hallo, Evolver-Team: Wäre es möglich, zu Paul Poet einen (eMail-)Kontakt zu bekommen? Es geht um Bilder, die vermutlich aus seinem Film zum Schlingensioef-Container stammen und die wir im Technischen Museum Wien gern für eine Ausstellung verwenden würden. Mfg Dr. Mirko Herzog. Tel.: 01 - 8 999 8 - 2240
Paul Poet - 04.06.2009 : 15.35
Lieber Mirko! Bin doch eh öffentliche Person - paulpoet@gmx.net Bitte per Mail wegen Details kontakten. ich bin grad schwer verkühlt und da eiterrasselt es mir zu sehr am telefon. Liebe Grüsse, PP

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