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Puddingpeitsche für Lauserlieschen

What a Fuck! Gerödel und Geruckel von wahrhaft historischem Wert, zusammengefangen in einer in jedem Sinn erschöpfenden Monsterladung Kopulationsfilm.    01.12.2004

Wie geht denn das zusammen? Es gibt wohl kaum eine Zeit (außer der oft und gern zitatgerüttelten Nazi-Ära), in der Verkörperlichung und Emotionalisierung die Massenkultur mehr diktieren, als die unsere. Direktimpulse. Materialgläubige Ergebenheit. Spätkapitalistische Funktionalisierung des Ichs zur aussagefreien Feinmechanik inmitten der großen Ökonomisierungsmaschine.

Während aber angeblich anything goes, if it sells, während also die Pornographie als essentiell den Zeitgeist treffende Kunstform eine neue Blüte erleben müßte, rollen der Neo-Konservativismus und die neue Frömmelei mit Riesenschritten über die verschränkte Gemütlichkeit dieses neuen Zeitalters. Jesus ist wieder in, wie auch Dolferl, Reaganomics und Franz-Josef Strauss. Der Fortpflanzungsakt gilt nur mehr als pure Gesellschaftserhaltung abseits der vereinzelten Arbeitsdrohnen, die keine Orgiastik außer oberflächliches Weekender-Wechselgepuder kennen: im "Sex and the City"-Style die eigenen Zwangsneurosen an Plastikkörpern abvögeln, duschen und gehen. Diese neue Erotik aber ist nichts als gelebter Selbsthaß. Der Triumphzug des Jugendkults, der gespritzt gestählten Schönkörper ist nichts als der Fluchtweg vor der eigenen Körperverachtung.

Wie schön und subversiv ist es da doch, abseits von McCharts-Wesen und Daily-Soap-Barbies einmal über ein ultrabilliges Fickblatt zu stolpern, in dem die Schnaufberserker noch unreguliert und ganz und gar nicht hygienisch saftelnd ihre Bierwampen, Rückenhaare, baumelnden Schamlipperln und Stummelschwänze glaubhaft freudig ineinanderstecken. Ein anderes Geschlecht in der eigenen Fresse: Gibt es ein besseres Bild für Immanenz? Noch schöner ist es, in der Geschichtskiste zu wühlen und die unterwandernden, schmierigen, genußvoll letztklassigen und degenerierten Fickbilder aus einer Ära wiederzuentdecken, als sowas noch nicht als grundprinzipiell langweilig und tausendfach gesehen abgetan wurde. Das US-DVD-Label Cult Epics hat uns einen solchen Liebesdienst erwiesen und auf drei erschöpfend umfangreichen Bildträgern den Löwenanteil der privaten Pornofilmsammlung Editions Astarte veröffentlicht.

 

Französische Fickfilmchen von 1920 bis 1960, billigst produziert, schundig improvisiert, aber dermaßen libidinös offen, daß einem gelegentlich Maul, Klauen und Hosenschlitz schonungslos aufplatzen. Gerade die erste Vorkriegsära auf der prächtigen ersten DVD zeugt von enormem Witz und horizontaler Phantastik. Wenn die Kamera nicht gerade auf ein paar strippende, feiste Hinterhofwäscherinnen gerichtet wurde, wird hier mit einem wahrhaft brodelnden Threesome in der Mondänbar brilliert, darf sich ein Musketier das Festmahl von den Bedienungkörpern naschen, fickt der Jäger spontan den männlichen Teil des im Busch ertappten Liebespaars. Ein Meisterstück ist die sleazy Episode, als ein betrunkener Buchhalter in einer Hafenspelunke mit dem Zuhälter einer selten häßlichen Hure aneinandergerät und sich der Konflikt in einem unerwarteten Massenfick auflöst, der das gesamte Lokal einbezieht. So kann er sein, der Frieden auf Erden.

Die folgenden, nach Jahrzehnten geordneten DVDs stinken dagegen gewaltig ab, dienen aber ebenso prächtig als Zeitdokumente, sieht man auf ihnen doch, wie die Hinterzimmerpikanterien ebenso Opfer faschistischer Strammheit und des amerikanischen Herzeig-Puritanismus wurden, Sado-Maso und Körper-Modeschau das Freedom Fucking ablösten. Die Materialien sind zum Teil klarerweise arg zerschlissen, was weniger stört als das lieb- und infolose Aneinanderpappen der Filme, das Nichtübersetzen der französelnden Schrifttafeln und das Zududeln mit einer arg ekelhaften Billig-Sound-CD Marke Akkordeongedudel, wobei die Track-Pausen zwischen den Nummern sogar mitten in den Filmen stattfinden. So darf man einfach nur dankbar sein, diese Kleinodien überhaupt zu Gesicht zu bekommen, um die inzwischen populäre Mär zu zerbrechen, Pornofilm wäre erst ein Kind der sexuellen 68er-Befreiung gewesen, wie das zuletzt in der Affäre um Thor Kunkels Naziporno-Meisterstück "Endstufe" ebenso breit wie blöde propagiert wurde. So aber können Sie sich von der Historie eines Besseren belehren und freudig ans Bein spermen lassen. In diesem Sinne: Ficken macht frei!

Paul Poet

The Vintage Erotica Collection

ØØØ


Cult Epics (F 1920-1960/2004)

Triple DVD Region 0 NTSC

116/98/110 Min.

Features: Booklet, durchklickbare Foto-Pikanterien

Regie: The Mysterious Mr. X u. v. a.

Darsteller: Huren, Holzfäller, Spieler u. a.

 

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