Akzente_The Wild Bunch

Für eine Handvoll Eintrittskarten

Der Western ist tot - es lebe der Western! Wenn das Österreichische Filmmuseum diesen September im Bleihagel versinkt, sollte man sich nicht feige drücken. It´s Showdown, folks!    04.09.2007

I want to enter my house justified. (Sam Peckinpah)

 

Zum Auftakt der Herbstsaison 2007 präsentiert das Österreichische Filmmuseum den zweiten Teil seiner großen Western-Retrospektive. Nach den klassischen Western der 50er Jahre steht nun die Spätphase des Genres im Mittelpunkt - 34 Filme aus den USA und aus Italien, die vom Untergang, zumindest jedoch von den Veränderungen des Westerns, seiner Gestalten, seiner Utopien und seiner Legenden erzählen.

Nicht umsonst nennt sich die Veranstaltungsreihe "The Wild Bunch", nach dem gleichnamigen Film von Sam Peckinpah; hat doch Peckinpah selbst exemplarisch den Weg vom klassischen Western bis hin zum Spätwestern gefunden und beschritten - auch seine scheinbaren Nicht-Western wie "Straw Dogs" (Wer Gewalt sät, USA 1971) sind letztendlich Western, nur eben in anderem Gewand.

Um 1960 begannen die ungeschriebenen Gesetzestafeln des klassischen Westerns zu bröckeln: die heroische Landnahme, die ach so pittoresken Kämpfe gegen die rothäutigen Untermenschen, der unumstößliche Kanon der puritanischen Familienwerte schienen nicht mehr in Zelluloid eingemeißelt.

Nicht, daß dies von Anbeginn der Geschichte der laufenden Bilder tatsächlich ausnahmslos erfolgt wäre, doch erst Filme wie John Fords "The Man Who Shot Liberty Valance" (Der Mann, der Liberty Valance erschoß, USA 1962) mit John Wayne, Lee Marvin und James Stewart in den Hauptrollen - ein Film, der leider nicht in der Retrospektive zu sehen ist - zeigten den Hintergrund der amerikanischen Heldensage. Und der bestand aus Schmutz, Halbwahrheiten und glatten Lügen.

Dennoch: When the legend becomes fact, print the legend.

Mit der Akzeptanz des Mythos, auch wenn dieser "falsch" ist, endet "The Man Who Shot Liberty Valance" - und gerade diese Ambivalenz bringt einige der schönsten Beispiele später Western hervor.

 

Aber der Reihe nach: Schon in "The Magnificent Seven" (Die glorreichen Sieben, USA 1960) wurden die Marshalls, Sheriffs und "Teufelshauptmänner" vergangener Tage, also Personen innerhalb einer wie auch immer gearteten Gemeinschaft, durch reine "Professionals", Figuren ohne familiäre und gesellschaftliche Bindungen, abgelöst - ein Setting, das der italienische Western einige Jahre später mit seinen "Dollar"- oder "Django-Filmen" perfektionierte und gleichsam ad absurdum führte. Vorbilder für letzteres waren die japanischen Samurai-Filme von Leuten wie Akira Kurosawa. Es mag als filmhistorische Fußnote gelten, daß gerade einmal ein einziger (!) Western diesen japanischen Einfluß tatsächlich als solchen thematisierte: "Soleil Rouge" (Rivalen unter roter Sonne, GB/F 1971), eine englisch-französische Koproduktion unter der Regie des Bond-Regisseurs Terence Young mit Charles Bronson, Alain Delon und Kurosawa-Alter-ego Toshiro Mifune in den Hauptrollen, brachte den Culture-Clash auf die Leinwand, allerdings ziemlich unentschlossen und letztendlich an einem recht einfallslosen Drehbuch leidend.

 

Mündete der Italo-Western Marke "Schweigsamer Fremder mischt Stadt nachhaltig auf" à la Sergio Leone relativ rasch in die Revolutionswestern Marke "Nicht ganz so schweigsamer Fremder mischt Großgrundbesitzer und dessen Schergen nachhaltig auf und wird so Teil einer revolutionären Viertelstunde" à la Sergio Corbucci oder Sergio Sollima, entdeckte man in Hollywood nahezu gleichzeitig den "Radical Chic" (© Tom Wolfe) von Western, die eigentlich keine mehr sein wollten und das traditionelle Genre-Pferd beim Schwanz aufzäumten.

Filme wie Arthur Penns "Little Big Man" (USA 1970) mit Dustin Hofmann in der Titelrolle ließen die Summe der Mythen (von Wild Bill Hickok bis zum "heldenhaften" General Custer) in ungetrübt naiv-hippiesker Wie-es-wirklich-war-Manier (oder was man halt dafür hielt) vorüberziehen und entwarfen ein bewußt lächerliches Tableau amerikanischer Machtversessenheit, Ignoranz und ausufernder Zerstörungswut. Und - endlich: Auch den amerikanischen Ureinwohnern ("Die Indianer!") wurden Hauptrollen zugebilligt, die nicht ausschließlich mehr darin bestanden, Teil einer dem American Way of Life feindseligen Landschaft zu sein.

Doch auch hier gilt, daß die schönsten Filme die sind, denen eine gewisse Ambivalenz zueigen ist. Ersetzte besagter "Little Big Man" die alten Mythen einfach durch jene der Gegenkultur (und wirkt daher nicht erst heute selbst seltsam anachronistisch), so schildern einige der besten italienischen Western den Traum und gleichzeitig das Scheitern revolutionärer Strömungen. Unvergessen ist etwa Franco Nero in "Il Mercenario" (Mercenario - Der Gefürchtete, I 1968), der das kapitalistische System am nackten Frauenkörper erklärt: Der Kopf ist die herrschende Klasse, der Arsch sind die Armen, dazwischen liegt das unüberwindliche Rückgrat - der Mittelstand sorgt dafür, daß der Arsch dem Kopf nicht zu nahe kommt und macht so jegliche Revolution zunichte.

Na gut.

 

In den USA nahmen Monte Hellmans Wildwest-Roadmovies "The Shooting" (Das Schießen, USA 1966) und "Ride In The Whirlwind" (Ritt im Wirbelwind, USA 1966) mit Jack Nicholson den Abgesang auf die Ideale der Roaring Sixties von "Easy Rider" (USA 1970) vorweg.

Und in Don Siegels "The Shootist" (Der letzte Scharfschütze, USA 1976) spielte der krebskranke John Wayne einen krebskranken alternden Revolverhelden, der sich seinem eigenen Mythos entziehen und einfach (mit Lauren Bacall) zur Ruhe kommen will. Müßig zu sagen, daß ihm das nicht gelingt ...

Dennis Hopper wiederum brachte in seinem Film "The Last Movie" (USA 1971) mit Kris Kristofferson und Tomas Milian in zwei der unzähligen Hauptrollen das Dilemma des (damals) zeitgenössischen Westerns auf den Punkt. Die politisch-gesellschaftliche Realität macht die Fiktion - scheinbar - obsolet, doch letztere rächt sich an ihren Protagonisten mit tödlichem Ernst und ebensolcher Konsequenz.

Doch überlassen wir dem Duke, John Wayne - auf dem Weg zum Showdown auf einen Kurzabstecher im Saloon - die letzten Worte: This is my birthday. Gimme the best in the house.

"The best in the house" - davon gibt´s derzeit im Österreichischen Filmmuseum reichlich.

Thomas Fröhlich

The Wild Bunch

(Retrospektive Späte Western 1960-95)


Wann? 31. August bis 30. September

Wo? Österreichisches Filmmuseum, Augustinerstrasse 1, 1010 Wien

(Fotos © Österreichisches Filmmuseum)

 

3 Empfehlungen

 

Abgesehen davon, daß im Grunde jeder der gezeigten Filme sehenswert ist:

 

1.) Il Grande Silenzio ("Leichen pflastern seinen Weg", I 1968)

Apokalyptisch anmutendes Gewaltritual in einem trostlosen Schneefeld: Sergio Corbuccis Todesparabel mit Jean-Louis Trintignant und Klaus Kinski als Antagonisten. Erstmals in der restaurierten Fassung mit zwei Schlußvarianten.

 

2.) The Shootist ("Der letzte Scharfschütze", USA 1976)

John Waynes ergreifende Abschiedsvorstellung, inszeniert von "Dirty Harry" Don Siegel. Das filmische Äquivalent zu Johnny Cashs Rick-Rubin-Phase.

 

3.) Geronimo: An American Legend ("Geronimo", USA 1993)

Regisseur Walter Hill auf den Spuren John Fords mit Wes Studi als titelgebendem Häuptling. Hervorragendes Drehbuch vom selbsternannten "Zen-Faschisten" John Milius, dem die Welt auch das letzte Drittel von "Apocalypse Now" zu verdanken hat. Weit unterschätzte Indianerfilm-Perle.

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