Print_Al Cook - Kein Platz für Johnny B. Goode

Meister Koch

Der Blues ist immer und überall. Er ist nicht nur eine Musikrichtung, sondern auch eine Lebenseinstellung. Al Cook ist mit ihm aufgewachsen - und wir sind mit Al Cook aufgewachsen, ob wir das wußten oder nicht. Daher freuen wir uns auch so über seine Autobiographie. Armin Hell hat das Buch gelesen.    20.04.2017

Blues hat Würde.

Die ursprünglich oft nur minimal instrumental begleiteten, gesungenen Geschichten erzählen von Liebeskummer, anderen Ungerechtigkeiten und vom harten, entbehrungsreichen Leben auf der untersten Sprosse der gesellschaftlichen Leiter, ohne viel Aussicht auf Verbesserung, jedoch ohne dabei in jammerndes Selbstmitleid abzudriften.

Alois Koch - der Blutsverwandtschaft nach erwiesenermaßen ein verhinderter Freiherr von Gillern - sog den Blues schon mit der Muttermilch in sich auf. Seine Lebensgeschichte schildert er mit einer gehörigen Portion Sarkasmus und mit der packenden, geistreichen Feder eines Mannes, an dem sichtlich ein guter Schriftsteller verlorengegangen ist.

Sein strenger Vater, ein Kriegsveteran, der im Kaukasus gedient hatte, kümmerte sich zwar redlich und treusorgend um seine Familie, führte aber zugleich ein eisernes Regiment. Jeder, der an seinem Tisch sitzen und von seinem Brot essen wollte, hatte bedingungslos seinen Anordnungen zu gehorchen. Körperliche Züchtigungen und der alltägliche Psychoterror hinterließen schon früh tiefe Narben an der Seele des Sohnes.

Das erste Quantum Trost erfuhr der junge Alois Koch durch den "King" höchstpersönlich. Dessen heiß aus der Hüfte geschwungener, schweißnasser Rock´n´Roll fuhr ihm direkt in den Schritt und brachte nicht nur sein Blut in Wallung. Ohne gleich die Vorsehung deswegen bemühen zu wollen, kann man zumindest augenzwinkernd eine gewisse Ironie des Schicksals in den musikalischen Raum stellen, das da zwei "Blaublütige" zusammengeführt hat - freilich. ohne daß der Herr Presley jemals etwas davon erfahren hätte.

Doch als der König zur Armee eingezogen wurde und dort nicht nur Haare lassen mußte, sondern auch noch seine Eier verlor, wandte sich Cooks Interesse bald dem Blues der alten Meister zu. Nach dem Rock´n´Roll brachte er sich die unterschiedlichen Spiel- und Gesangstechniken des echten Blues bei und transformierte nebenher auch gleich zu dessen Wiener Schutzpatron.

Durch seine kraftvolle, rauhe Performance erspielte er sich schnell eine passable Fangemeinde. Daß es aber keineswegs leicht war, den Blues unters heimische Volk zu bringen, macht eine wunderbare Anekdote deutlich: Anläßlich eines Auftrittes irgendwo im steirischen Hinterland bekam er von den Ureinwohnern einen Hut voll gesammeltem Kleingeld überreicht, womit sie ihm - quasi durch den Enzian - sagen wollten, er möge doch endlich zu spielen aufhören. Aber aus Alois Koch war da schon längst Al Cook geworden und der ließ und läßt sich von solchen "Kleinigkeiten" nicht aus der Fassung bringen.

 

Ende der sechziger Jahre schossen plötzlich die Stromruderer - auch Elektriker genannt -  narrischen Schwammerln gleich aus dem heimischen Boden und machten sich in den einschlägigen Musiklokalen breit wie die gemeine Schuppenflechte, was die Sache auch nicht erleichterte. Denn die eben erblühten Blumenkinder des rasch um sich greifenden psychedelischen Wahnsinns legten dem "Alabama-Ferdl" des öfteren nahe, er möge sich doch bitte schleichen mit seiner armseligen Holzklampfen. Im Gegenzug läßt Cook jeden wissen, daß man weder die "Geröllheimer" - aka The Rolling Stones - lieben noch Eric Clapton für Gott halten muß. Letzteren degradiert er beinhart zum "Kläpperl". Die Pilzköpfe, von denen er einst die Idee des Konzeptalbums übernommen hat, weiß er aber mittlerweile sogar zu schätzen, wohl auch deswegen, weil die Musikindustrie seinen Ohren seither noch weit "Schlimmeres" zugemutet hat.

1969 bricht auch noch die Jimi Hendrix Experience im Konzerthaus zu Wien mittels barbarisch übersteuerter Marshall-Verstärker in brachialer Lautstärke über ihn herein. Cook läßt Hendrix als manisch-elektrischen Serienkiller auftreten, der die ohnehin gewaltige Leistungsstärke der Boxentürme mit Hilfe seiner geliebten Fender Stratocaster derart überfordert, daß diese gleich reihenweise verenden und Cook nur noch das Schreien und Quieken von Schweinen zu hören glaubt, die gerade geschlachtet werden. Dennoch gesteht er Hendrix zumindest eine konkurrenzlose Kunstfertigkeit im Umgang mit elektrischem Feedback zu und sieht in ihm einen Blues-Bruder und Leidensgenossen, der auch oft an der Unkenntnis seines Publikums zu verzweifeln drohte.

Cook, kein Freund jeglicher Art von Drogen, behält nach eigener Aussage seit jeher gerne einen klaren Kopf und liefert somit den lebenden Beweis dafür, daß ein guter Blues-Musiker nicht zwangsläufig auch eine Schnapsdrossel oder gar ein Giftler sein muß.

Es ist nur würdig und recht, daß Al Cook mit einer hohen staatlichen Auszeichnung für seinen jahrzehntelangen, unermüdlichen Einsatz zur Erhaltung des authentischen Blues und für sein Bemühen um würdigen Nachwuchs geehrt wurde. Einige durch Cooks Schule gegangene Musiker sahen sich aber in weiterer Folge gezwungen, diverse Zugeständnisse an den Mainstream zu machen, wenn sie eine Karriere über Gramatneusiedl hinaus ins Auge fassen wollten. Andere wiederum hatten irgendwann einfach keine Lust mehr, ausschließlich echten Blues zu spielen, oder vergaben ihr Herz und Talent gleich gänzlich an eine andere Musikrichtung. So sind außer ihm nicht viele übriggeblieben, die dem reinen Blues bis heute die Treue halten.

Wenn es auch so sein mag, daß Cook die Ablehnung und Ignoranz seitens maßgeblicher Veranstalter aufgrund seiner direkten, undiplomatischen, aber ehrlichen Art und seines unbeugsamen Rückgrats förmlich magnetisch angezogen hat, bleibt es doch eine Schande, daß er - als einer der wenigen noch lebenden authentischen Vertreter des Blues - deswegen seit langem von heimischen Festivals ausgeschlossen wird. Denn immerhin ist Al Cook der musikalische Vater einer ansehnlichen nationalen Blues-Family, deren kontinuierliches Wachstum ohne seine wegbereitende Pionierarbeit kaum möglich gewesen wäre. Natürlich ist er dafür nicht allein verantwortlich, sollte aber wenigstens für seinen großen Anteil daran entsprechend gewürdigt werden und nicht am äußersten Rand eines reichlich gefüllten Troges ein karges Gnadenbrot fristen müssen. Was nützt ihm eine Ehrung, wenn diese de facto nicht mehr wert ist als das mit falschem Gold lackierte Blech, aus dem sie besteht?

So geistert nicht nur ein imaginärer roter Faden namens Johnny B. Goode durch diese Geschichte, sondern auch noch der reale, rote Strick, den man seinem Protagonisten um den Hals gelegt hat.

Wer Cook einmal live erleben durfte, der weiß, daß den echten Blues authentisch spielen zu können keine Frage der Hautfarbe oder Herkunft ist, sondern eine des Gefühls und des Beherrschens der dazu notwendigen Techniken. Ich wünsche ihm, daß er doch noch Gelegenheit dazu bekommt, dies auch einmal in der Heimat seiner Musik und vor wirklichem Fachpublikum beweisen zu können. Dazu müßte er aber auch dort wahrscheinlich schon vorwiegend in Altersheimen mit mehrheitlich schwarzen greisen Altspatzen auftreten, die einst das Glück hatten, die Urheber des Blues noch live zu erleben. Und wenn der Kläpperl kein Feigling ist, soll er doch bitte einmal auf eine Session in Cooks "Blues-Kitchen" kommen oder ihn wenigstens zu sich in die Royal Albert Hall einladen. Damit auch "Gott" endlich einmal weiß, wo der Bartl wirklich den Most her holt.

 

Machen Sie sich eine Freude und gönnen Sie sich diese 770 Seiten einer Autobiographie, wie sie des Blues nicht würdiger sein könnte. Aufgrund des wirklich mitreißenden Schreibstils ist dieses Werk selbst Leuten zu empfehlen, die nicht den Blues haben. Und es ist jeden Cent seines Preises wert!

Armin Hell

Al Cook - Kein Platz für Johnny B. Goode

ØØØØØ

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Erschienen ist das Buch im Verlag Epikuros (ISBN 978-3-9503934-2-2) und kann sowohl bei Amazon als auch beim Autor selbst bestellt werden (office@alcook.at). Es ist 1612 Gramm schwer, 47 mm dick, 177 mm breit, 255 mm hoch und kostet 24,99 Euro.

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