Print_Armin Medosch - Freie Netze

Von Hotspot zu Hotspot

"Ab ins Web ganz ohne Kabel" - so könnte der Leitspruch der Netzbefreier lauten. Einer der "Telepolis"-Mitbegründer weiß Genaues darüber.    08.07.2004

Wieder einmal gehört Armin Medosch, der Mitbegründer und ehemalige Redakteur des Web-Magazins "Telepolis" zu denen, die die Nase ganz weit vorne haben. In den letzten Jahren beschäftigte er sich mit "Freien Netzen" und verfaßte darüber nun das gleichnamige Buch.

Darin geht es um drahtlose, freie Bürgernetze auf der Basis von WLAN-Technik zur Übertragung von Daten per Funk. WLAN heißt "Wireless Local Area Networks", also meist kleine lokale Netzwerke, die einen Teil ihrer ohnehin vorhandenen Bandbreite öffentlich zur Verfügung stellen - nicht unbedingt kostenlos, wohlgemerkt. Solche drahtlosen Einwahlpunkte, wie sie im Moment hauptsächlich in größeren Städten zu finden und in Metropolen wie New York oder London schon an der Tagesordnung sind, nennt man "Hotspots".

Armin Medosch machte sich in seinem Buch die Mühe, die gesamte Geschichte der "Free Networks" aufzurollen und erklärt in einem angenehm flotten Erzählton, auf welchen technologischen, kulturellen und sozialen Grundlagen "Freie Netze" basieren. Das Interessante daran: "Das Wachstum dieser drahtlosen Bürgernetze erfolgt organisch und dezentral. Kein Provider, ob kommerziell oder nicht, ist für den Aufbau der Netze verantwortlich." Und trotzdem gibt es keine Technologie, die sich - abseits der Industrie - in den letzten Jahren so schnell und rapide entwickeln konnte. Ihr Vorteil liegt auf der Hand: Wenn alle sich ihre ohnehin vorhandenen Netzanschlüsse (und damit Bandbreite) teilen, sinken auch für alle die Kosten. Da diese Entscheidung bei Menschen und nicht bei den großen Telekommunikationsfirmen liegt, könnte es gut sein, daß sich die pessimistische Sicht auf das Internet, wie sie John Walker, Mitbegründer von Autodesk und Programmierlegende, zuletzt propagierte, doch nicht erfüllen wird.

"Freie Netze" sind, wie auch "Freies Publizieren", eines der ganz großen Themen, mit dem sich Autoren, Journalisten, Verlage und Buchverkäufer aller Art auseinandersetzen müssen - ob es ihnen gefällt oder nicht.

Stefan Becht

Armin Medosch - Freie Netze


dpunkt Verlag (Heidelberg 2004)

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