Print_Simon Braund - Die besten Filme, die Sie nie sehen werden

Tod in der Entwicklungshölle

Eine Filmgeschichte der anderen Art bietet ein soeben bei Olms in Zürich erschienener Sammelband. Der Autor vereint darin prominente Leinwandprojekte, die - aus welchem Grund auch immer - über das Vorbereitungsstadium nicht hinausgekommen sind.    04.04.2014

Daß Stanley Kubrick einen "Napoleon"-Film plante, ist inzwischen bestens dokumentiert, und Terry Gilliams gescheiterter "Don Quixote"-Film ist sogar selbst Thema eines eigenen Dokumentarfilms geworden. Natürlich kommen diese beiden Paradestücke entgleisten Filmemachens in dem von Simon Braund kenntnisreich zusammengestellten Band auch vor, doch dessen wahrer Reiz liegt in den eher entlegenen Projekten.

Die "Casablanca"-Fortsetzung "Brazzaville" oder ein chaotischer weiterer "Pink Panther"-Film aus der Feder des alternden Peter Sellers sind Erlebnisse, die vielleicht wirklich besser auf das Kino im Kopf beschränkt bleiben, doch auf Francis Ford Coppolas "Megalopolis" ("eine epische Saga über den Kreuzzug eines Mannes, der New York in ein modernes Utopia verwandeln will") und David Lynchs "Ronnie Rocket"-Vision wäre man schon neugierig gewesen.

 

 

Höchst mannigfaltig und dann doch auch wieder nur allzu menschlich sind die Gründe, warum diese und andere Filmprojekte den Tod in der Entwicklungshölle gestorben, also über Vorbereitung und Planung nicht hinausgekommen sind: Meist sprang ein Finanzier ab, oft dauerte die Finalisierung des Drehbuchs zu lange, dann hatten die vorgesehenen Stars anderweitige Vertragsverpflichtungen, ähnliche Konkurrenzproduktionen tauchten auf, und in einigen Fällen (Sergio Leone, David Lean) starben die Regisseure vor der Zeit.

   Simon Braund und sein Autorenteam schildern diese Tragödien des Scheiterns nicht trocken und historisierend (obwohl das Buch streng chronologisch nach Jahrzehnten strukturiert ist), sondern in einem (stellenweise fast schon zu) flapsigen Stil, der vor Tratsch und Gossip nicht zurückscheut, sich aber andererseits auch zu punktgenauen knappen Charakterisierungen verdichten kann: "James Ellroy ist nicht jedermanns Geschmack. Seine pessimistischen Kriminalromane sind weniger düster als vielmehr vernichtend, nicht einfach nur knallhart, sondern strychningetränkt."

Besser kann man es nicht sagen.

Natürlich lassen sich gegen die Auswahl der vorgestellten Nicht-Filme Einwände formulieren. Warum von Hitchcock (der gleich zweimal vorkommt, ebenso wie Kubrick) zwar das wenig relevante Audrey-Hepburn-Vehikel "No Bail For The Judge" vorgestellt wird, nicht aber Hitchs fertig geplanter letzter Thriller "The Short Night" (von dem ein komplettes Script existiert), ist umso rätselhafter, als David Lean mit seinem (ebenfalls durch den Tod des Regisseurs abgebrochenen) "Nostromo"-Film durchaus zu Ehren kommt. Leans zweiteilige "Bounty"-Version (von der bereits Plakatentwürfe vorlagen) wird dagegen nur kurz erwähnt. Und daß Joseph Conrads "Nostromo" später immerhin als TV-Film realisiert wurde, verschweigt das Buch ebenfalls, obwohl jedem einzelnen Kapitel ein eigener "Was danach geschah"-Kasten beigegeben wurde.

Aber was zählen solche Einwände schon, wenn man endlich einmal Näheres zu Alejandro Jodorowskys mythenumwabertem "Dune"-Projekt erfährt? (Es wäre, glaube ich - im Gegensatz zu den Autoren -, ein ungenießbarer Schwurbelfilm geworden; Jodorowsky hatte Frank Herberts Roman nicht einmal gelesen!) Carl Theodor Dreyers "Jesus"-Projekt nimmt ebenso plastische Gestalt an wie Robert Bressons "Schöpfung" (mit einer dunkelhäutigen Eva im Paradies!). 

Mit daran beteiligt ist die graphische Ausgestaltung des Bandes: Photos, Kostüm- und  Dekorationsentwürfe illustrieren jedes Kapitel, und als besonderen Clou haben namhafte Graphiker ein (fiktives) Plakat zu jedem (Nicht-)Film gestaltet - für Kubricks "Napoleon" etwa einen genialen Pferdekopf mit Dreispitz.

In Summe liegt hier eines der anregendsten Filmbücher der Saison vor; anregend über die Anlaßfälle hinaus auch insofern, als man unwillkürlich ins Grübeln kommt: Ist am Ende auch die realisierte Filmgeschichte weniger das Werk von Künstlern und Genies als das zufällige Resultat unkontrollierbarer Konstellationen? Hat der Hellerfranzi ausnahmsweise Recht - sind die wahren Abenteuer wirklich nur im Kopf?    

 

   

Hans Langsteiner

Simon Braund - Die Besten Filme, die Sie nie sehen werden

ØØØØØ

(The Greatest Movies You´ll Never See: Unseen Masterpieces by the World´s Greatest Directors)

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Edition Olms (CH 2014)

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