Stories_Porträt: Andreas Gruber, Pt. 1

Evil in Residence

Trotz aller Widerstände lebt die düstere Phantastik auch in Österreich - wenngleich sie nach wie vor Seltenheitswert genießt. Der gebürtige Wiener Schriftsteller Andreas Gruber kann das vielleicht ändern ...    18.03.2008

Ich weiß nicht, womit wir es hier zu tun haben. Sei vorsichtig!

(aus: "Der Judas-Schrein")

 

Andreas Gruber ist gebürtiger Wiener - genauer gesagt, seit 28. 8. des legendenumwobenen Jahres 1968. Nach einer von "Raumschiff Enterprise" und "Clever & Smart"-Comics versüßten und inspirierten Kindheit lernte er an der Wirtschaftsuniversität Wien die Trockenheit des "wirklichen" Lebens kennen - und möglicherweise den wahren Horror, der sich hinter Kürzeln wie BWL, VWL oder Nebelbegriffen wie Shareholder Value versteckt. Derzeit arbeitet Andreas Gruber halbtags im Büro eines Pharmakonzerns (nein, es handelt sich nicht um die Umbrella Corporation!) und lebt mit Ehefrau und Sohn in Grillenberg in Niederösterreich.

Vor allem aber schreibt er: 1996 begann er mit Autorenporträts, die in der Zeitschrift "Space View" abgedruckt wurden. Ab 1997 verfaßte er seine eigenen Kurzgeschichten für Fanzines wie "Fantasia", "Nocturno", "Sagittarius", "Solar-X" und das "Andromeda-SF-Magazin". 1999 war er mit einer seiner Stories Preisträger des NÖ Donaufestivals. Mittlerweile erschienen seine Texte in zahlreichen Phantastikmagazinen wie auch in Literaturzeitschriften außerhalb des Phantastik-Kontextes, unter anderem in "Alien Contact", "Etcetera", "Nova", "Omen", "Podium", "Orkus" und "Space View" sowie in Anthologien der Verlage Aarachne, Shayol, Wurdack und vieler anderer. Einige der Kurzgeschichten liegen bereits in Übersetzungen sowie als Hörspiel/Hörbuch vor.

Die Stoßrichtung war von Anfang klar: Thriller, Science Fiction, Horror, Phantastik. Wobei wir es bei letzterem immer mit dunkler Phantastik zu tun haben - auf putzige Elfen oder esoterisch verhuschte Trolle wird man bei Andreas Gruber wahrscheinlich lange warten. Weniger bekannt, aber ebenfalls entdeckenswert ist Grubers schwarzer, bisweilen satirischer (und zum Teil höchst unkorrekter) Humor, den er zumeist in Short stories einfließen ließ (und läßt), die man in Literaturzeitschriften wie "Dum", "Etcetera" oder "Podium "abdruckte.

Bald ging´s jedenfalls ans Eingemachte: Sein Horror-Kurzgeschichtenband "Der fünfte Erzengel" wurde für den Deutschen Phantastik-Preis 2001 nominiert und erreichte den 4. Platz. Mit seinem zweiten Kurzgeschichtenband "Die letzte Fahrt der Enora Time" erzielte er 2002 den 1. Platz beim Deutschen Phantastik-Preis in den Kategorien "Beste Kurzgeschichte" und "Beste Kollektion" sowie den 2. Platz beim Deutschen Science-Fiction-Preis und den 3. Platz beim Kurd-Laßwitz-Preis. Der Roman "Der Judas-Schrein", als Hardcover im Festa-Verlag erschienen, gewann 2006 den Deutschen Phantastik-Preis in der Kategorie "Bestes Romandebüt". 2006 erhielt Gruber das Arbeitsstipendium Literatur 2006 des österreichischen Bundeskanzleramtes - was beweist, daß tatsächlich noch Zeichen und Wunder geschehen.

Ende 2007 erschien der Roman "Schwarze Dame" im Festa-Verlag, Anfang 2008 folgte der Roman "Das Eulentor" im Blitz Verlag. Derzeit sind der Roman "Die Engelsmühle" und die Taschenbuchausgabe von "Der Judas-Schrein", beide im Festa-Verlag, in Vorbereitung. Ein Ende ist nicht abzusehen.

Eines vielleicht noch: Andreas Gruber macht keine Filme! Nie. Hat nicht, wird nicht! Aber die Zeiten, in denen man ihn noch mit einem gleichnamigen österreichischen Filmregisseur verwechselt hat, sind ohnehin schon vorbei ...

 

Gott möge sie schützen - und uns!

(aus: "Das Eulentor")

 

Am stärksten ist Andreas Gruber dann, wenn er, wie in seinen aktuellen Romanen "Das Eulentor", "Schwarze Dame" und der Neuauflage von "Der Judas-Schrein", die Leserschaft in der scheinbaren Sicherheit der Normalität wiegt, um - beinahe schleichend - die Düsternis, den Horror an den Rändern einsickern läßt, was wiederum zu völlig verfahrenen, ja hoffnungslosen Situationen führt, in denen sich die Protagonisten wiederfinden.

Ob es sich um übersinnliche beziehungsweise außerirdische Attacken handelt oder das Grauen schlichtweg im Menschsein begraben ist: Gruber nimmt sich Zeit, die handelnden Charaktere und deren Setting einzuführen und den Lesern begreifbar zu machen. Das läßt die darauffolgenden grenzüberschreitenden Erfahrungen für seine Figuren und die Leser dann nur umso schlimmer ausfallen.

Die Charaktere und Szenerien sind klar verortet: Österreich stellt zumeist die Bühne oder zumindest den Ausgangspunkt dar. In Schwarze Dame reist beispielsweise der Wiener Versicherungsdetektiv Peter Hogart nach Prag, um dort in einem Kunstraub zu ermitteln. In der "Goldenen Stadt" gerät er - wie der klassische Hitchcock-Held - unversehens in eine Mordserie, die er unter anderem mit Hilfe einer Privatdetektivin und der Kenntnis eines ganz bestimmten Films, der wiederum mit alten Prager Mythen zu tun hat, zu klären versucht. Ein Wespennest ist ein Erholungsheim dagegen.

Gruber baut die Spannung ziemlich fingernägelfeindlich auf - daß man im letzten Drittel das Gefühl hat, der Erzählbogen ließe etwas nach, liegt nicht zuletzt daran, daß er zuvor die Schraube einfach ausgiebig hochgedreht hat. "Schwarze Dame" zählt sicher zu den konventionelleren Gruber-Elaboraten der letzten Zeit (was dem Lesevergnügen keinen Abbruch tut), das Thema und dessen Aufbereitung würden jedoch auch einem Thomas Harris oder Jean-Christophe Grangé gut zu Gesicht stehen.

In Das Eulentor legt Andreas Gruber die Nerven der Leserschaft tatsächlich bloß. Im Jahre 1911 segelt der Wiener Ärztesohn Alexander Berger gemeinsam mit dem Kartographen Hansen und einer Handvoll Norweger mit dem Schiff "Skagerrak" gleichsam ans Ende der Welt. Während ihrer dreimonatigen Expedition wollen sie die Insel Spitzbergen kartographieren. Doch dabei geht alles schief, was nur schiefgehen kann. Inmitten zerklüfteter Gletscher und arktischer Temperaturen erleiden die Teilnehmer lebensbedrohliche Erfrierungen, stürzen in Gletscherspalten oder verschwinden nachts unter ungeklärten Umständen im Blizzard. Kurz vor Abbruch der Expedition entdecken die Überlebenden schließlich einen Schacht, der senkrecht und scheinbar endlos tief in die Erde führt. Mehr und mehr tut sich der Verdacht auf, daß es sich nicht um eine naturgegebene Anomalie handelt, sondern um ein Bauwerk unvorstellbaren Ausmaßes.

Gruber, der seiner Hauptperson - aus deren Sicht er den Roman auch schildert - immer wieder Erinnerungen an die Verlobte, eine junge Burgschauspielerin, gestattet (beziehungsweise den Protagonisten damit quält), wandert hier auf den Spuren von Jules Verne, Edgar Allan Poe und John Carpenter in ein "Herz der Finsternis", dessen Geheimnis bis zum Schluß Geheimnis bleibt.

Auch im Showdown (z)erklärt Gruber nichts über Gebühr - in seiner Nachhaltigkeit ist das Ergebnis wohl einer effizientesten Horrorromane der letzten Zeit. Allerdings: Wer glaubt, von der doch eher Action-getriebenen "Schwarzen Dame" Rückschlüsse auf dieses Buch ziehen zu können, wird möglicherweise überrascht sein. Das Grauen in "Das Eulentor" ist ein ziemlich stilles - aber es gibt aus. Silence Is The New Loud.

Eine gelungene Verknüpfung aus beiden Richtungen bietet schließlich Grubers Meisterstück Der Judas-Schrein (Lesen Sie dazu unsere EVOLVER-Review).

Daß der "seriöse" Literaturbetrieb Andreas Gruber nicht sonderlich wahrnimmt, liegt nicht zuletzt daran, daß er sich eben erfrecht, Genreliteratur zu bieten (und noch dazu unterhaltsame), was in Österreich immer noch als "Pfuigack" gilt. Darüber - und warum man als "Unterhaltungsautor" trotzdem nicht das Gehirn an der Garderobe abgeben muß - spricht er demnächst im EVOLVER-Interview. Und über einiges mehr ...

 

"Ich weiß, was du denkst", sagte sie leise. "Aber es kommt noch schlimmer."

(aus: "Der Judas-Schrein")

Thomas Fröhlich

Das Grauen kommt aus Österreich


Ganz Österreich ist in den Klauen der sogenannten Literaturpreis-Literatur, der neben politisch korrekter Fadesse striktes Unterhaltungsverbot zu eigen ist. Ganz Österreich? Nein. Ein kleines unbeugsames Dorf namens Grillenberg in Niederösterreich macht da nicht mit. Besser gesagt: ein Grillenberger Schriftsteller namens Andreas Gruber.
Dem EVOLVER sagt er, warum. Lesen Sie also demnächst das EVOLVER-Interview.

Links:

Der Judas-Schrein

ØØØØØ

(Festa-Verlag, 2008)

Leserbewertung: (bewerten)
Links:

Schwarze Dame

ØØØØ

(Festa-Verlag, 2007)

Leserbewertung: (bewerten)
Links:

Das Eulentor

ØØØØ 1/2

(Blitz-Verlag, 2007)

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Links:

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