Stories_Punk. Dead? Maybe. Teil 2: American Hardcore

Harte Heimwerker

Eine endlich auch in Österreich angelaufene Musikdoku versucht einer uramerikanischen Variante des Punk - der Hardcore-Bewegung - filmisch ein Denkmal zu setzen. Leider können aber auch Hardcore-Fans nicht unbedingt etwas mit dem Streifen anfangen ...    07.05.2007

Es stand überall zu lesen, in all den Qualitätszeitungen und solchen, die es gern wären: Die Dokumentation "American Hardcore" sei ein gelungenes Bild der amerikanischen Punkrock-Subkultur und deren bester Zeit in den frühen Achtzigern. Aber so einfach kann man es sich natürlich nicht machen.

Die Kino-Musikdoku von Paul Rachman beschreibt die amerikanische Hardcore-Szene von 1980 bis 1986, deren Ideologie und die Protagonisten. Fertig war der Film schon vergangenen Sommer; weil´s aber nicht eilte, kam er jetzt erst in die österreichischen Kinos. Ähem ... oder vielmehr das österreichische Kino.

In "American Hardcore" gibt es keine putzigen Pelztiere zu sehen, also wird man damit wohl kaum Familien in die Kinos locken können. Das ist schon OK so; der Film ist ziemlich eindeutig für die bereits informierte Zielgruppe gemacht und erhebt nicht den Anspruch, einer bis dato ahnungslosen Masse die wunderschöne Vielfalt des härteren Punkrock näherzubringen. Dafür hätte Rachman sein Werk übersichtlicher und vielleicht auch etwas schlanker aufbauen müssen.

Die Eingeweihrten kamen dann auch zur Premiere des Films im Wiener Top-Kino. Sie lachten an den passenden Stellen, wackelten zu bekanntem Liedgut mit dem Kopf und hatten das Gefühl, bei einem Klassentreffen zu sein - mit Bandshirts und Tattoos. Man kennt das alles.

 

Was der Film relativ Unwissenden, aber dennoch am Thema Interessierten ganz gut vermittelt, läßt sich kurz zusammenfassen: "Da war ein Haufen Leute mit einigem unzufrieden, und dieses Gefühl wurde in aggressive Musik umgesetzt." Dazu wird noch etwas weiter elaboriert: Aus besagter Unzufriedenheit - politisch mit dem Beginn der Reagan-Ära, gesellschaftlich mit der Wiederkehr einer Art Fifties-US-Biedermeier und den hängenden Augenlidern der Späthippies, musikalisch mit dem gnadenlos seichten Glamrock der 70er und der Wichtelhaftigkeit des UK-Punk - kam der Antrieb, lauter und selbständiger zu werden.

In Sachen Musik war die Motivation einfach: DIY, Do It Yourself. Künstlerischer Wert und qualitativer Anspruch waren nebensächlich, kreativer Output ohne großen Aufwand möglich. Ungefähr zur selben Zeit wagten sich Bands wie Bad Brains, Black Flag und die Dead Kennedys ans Tageslicht ihrer Heimatstädte und gaben Konzerte unterschiedlicher Qualität, Intensität und Publikumswahrnehmung in Garagen, Hinterhöfen, Jugendclubs, Bars, Shopping-Malls und Wohnzimmern. Bei der Produktion von Tonträgern spielten ökonomische Interessen keine Rolle. Man bastelte die Platten selbst, hatte alles vom ersten Ton bis zum Vertrieb unter Kontrolle. Und spielte man irgendwo außerhalb, so nächtigte man kurzerhand bei wohlgesinnten Konzertbesuchern auf dem Boden.

So verbreitete sich der Flächenbrand des Hardcore im amerikanischen Untergrund genauso schnell wie die Begleitmusik. Das Genre loderte eine Zeitlang lichterloh, nur um dann - laut den Filmemachern und Erzählern - ab 1986 wieder auszufransen und zu erlöschen. Ganz richtig ist das allerdings nicht: Hardcore starb nicht vor Bush I., sondern entwickelte sich weiter und beeinflußte nicht nur einige Bands, die heute sehr wichtig sind, sondern auch - viel wichtiger - unzählige kleine Lausbuben und -mädchen, die dadurch angeregt wurden, zu Stromgitarre und Schlagwerk zu greifen. Motto: Was Minor Threat können, schaffen wir auch. Daher diesmal unsere Hörempfehlung eins: Black Flag - Rise Above. (Es empfiehlt sich auch, den Song auf YouTube zu suchen und den jungen Herrn Rollins in Höchstform zu bewundern.)

 

"American Hardcore" basiert auf dem gleichnamigen und für lesenswerten Buch von Steven Blush. Die Dokumentation ist eine amüsante Kollektion von Interviews mit vielen in die Jahre gekommenen Protagonisten der damaligen Zeit. Das ist insofern witzig, weil im Dunkel des Kinosaals dem Publikum schonungslos vor Augen geführt wird, welche Folgen die jahrelange Beschäftigung mit lauter Musik und mittelweichen Drogen zeitigt. (Sehenswert: Harley Flanagan von den Cro-Mags als böser Bube in seinem Sesselchen vor der Heizung.) Das allerdings so stehen zu lassen, wäre nicht nur unvollständig, sondern auch unseriös. Schließlich geht ja der ganze Straight-Edge-Gedanke - die Abkehr von Drogen und Alkohol - auf Ian MacKaye und Minor Threat zurück.

Natürlich ist der Film auch mit musikalischen Leckerbissen und unzähligen Live- Mitschnitten in wildester Longplay-VHS (Betamax!)-Qualität gespickt - wiewohl wahrscheinlich nur eine Minderheit der Musikliebhaber diese mörderschnell genagelten Lieder, deren semantische Feinheiten maximal nachzulesen, niemals aber live zu erkennen sind, als "Leckerbissen" bezeichnen würde. Was uns wieder zu den anfangs erwähnten Eingeweihten bringt ...

So gut "American Hardcore" nämlich allgemein in den Medien wegkommt, so wenig hat der Film Massen-Appeal - schafft es zugleich aber nicht, Experten wirklich zufriedenzustellen. Für Besessene (die die musikalische Finesse eines knapp eineinhalbminütigen Hammers der Angry Samoans in einem Atemzug mit anerkannten Meisterwerken der Pop-Geschichte nennen würden) ist die Doku ein gelungenes Sammelsurium aus raren Stücken. Dieselben Leute sind dann aber auch überkritisch genug, um zu bemerken, daß Regisseur Rachman weder Hüsker Dü noch die Dead Kennedys vorkommen läßt - und daß (abgesehen vom Abspann) kein einziges Lied ganz ausgespielt wird, obwohl gerade in diesem Genre die Songs eh so gut wie nie über die Dreiminutengrenze kommen ...

In diesem Sinne unsere Hörempfehlung zwei: Angry Samoans - Lights Out.

 

Noch was: Einerseits ist es ein bißchen ärgerlich, die wichtigsten Protagonisten der Szene in aktuellen Interviews zu sehen, ohne zu erfahren, was sie seit dem Abklingen von Hardcore gemacht haben - andererseits wirkt dieser Zeitsprung jedoch auch ganz erfrischend.

Was Dave Dictor von MDC live vor zwei Wochen in Wien demonstriert hat, sagt er auch im Film: Bei fast allen Beteiligten ist trotz der weißen Haare, der verblaßten Tätowierungen und der gemütlicheren Leibesfülle der zornige Funke, der Hardcore zum Brennen gebracht hat, noch deutlich zu sehen. Man nehme nur Keith Morris von den Circle Jerks, oder - großartig - HR von den Bad Brains. Booom!

Stephan Skrobar

American Hardcore


USA 2006

100 Min.

Regie: Paul Rachman

Darsteller: Henry Rollins, Flea, Steve Soto u. a.

Links:

Millions of Dead Cops

Punk. Dead? Maybe. Teil 1: MDC in Wien


Ernsthaft: Was wurde aus Hardcore? Stephan Skrobar hat den Musikstil nicht aus den Augen verloren. Erster Teil: ein Live-Bericht und der Beginn einer unregelmäßigen Serie über Hardcore-Punkrock.

Links:

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