Stories_Neal Stephenson - The System of the World

Betriebssystem– Analyse

Während hierzulande erst der zweite Teil der "Barock"-Trilogie erhältlich ist, ist das englische Original längst abgeschlossen. Stefan Becht liefert einen Ausblick auf Band drei - verfaßt von dem Mann, der "Second Life" bereits 1992 erfand.
   07.03.2007

Der amerikanische Autor Neal Stephenson, der durch seine Bücher "Snow Crash", "Diamond Age" und "Cryptonomicon" bekannt wurde, hat Wort gehalten: Innerhalb eines Jahres legte der Science-Fiction-Autor alle drei Bände seines "Barock-Zyklus" vor, je Buch um die 950 Seiten stark. Das war 2004. Seit Oktober 2006 liegt der zweite Band "The Confusion" auch auf deutsch vor: 1019 Seiten, wieder wunderbar übersetzt von Nikolaus Stingl und Juliane Gräbener-Müller, erschienen im Manhattan-Verlag.

Teil drei, "The System of the World", ist in den USA mittlerweile bereits als Taschenbuch erschienen - Grund genug, der geneigten EVOLVER-Leserschaft schon lange vor der deutschen Veröffentlichung Einblick in das Buch zu gewähren.

Rekapitulieren wir: "The Confusion" endet, nach einer wild bewegten Piratenreise rund um die Erdkugel, mit der Ankunft Jack Shaoftes, König der Vagabunden und einer der Protagonisten, in seiner Heimatstadt London im Oktober 1702. Dort sagt er keinem Geringerem als Isaac Newton, dem Begründer der modernen Physik und oberstem Münzvorsteher der Britschen Krone, den Kampf an.

 

"The System of the World" beginnt zwölf Jahre später, exakt am 15. Januar 1714, mit der Ankunft von Daniel Waterhouse in England und endet am Freitag, den 29. Oktober 1714, in London, wo sich fast die ganze Geschichte abspielt. Waterhouse, seines Zeichens Puritaner, Naturwissenschaftler, Erfinder, Kryptograph, Mitglied der Royal Society und Freund Newtons wie Leibnizs, ist das alles verbindende und zusammenführende Element des "Systems". Stephenson nimmt damit den Faden, den er in "Quicksilver" mit der Heimrufung beziehungsweise Beorderung Daniels aus Amerika gesponnen hat, um den Wissenschaftsstreit zwischen Leibniz und Newton zu schlichten, wieder auf - und führt in "The System of the World" alle Handlungsstränge und Personen, die er in "Confusion" über die ganze Welt verteilt hat, zusammen.

Nicht von ungefähr hat der Autor dafür das Jahr 1714 gewählt: Nach dem Tod von Königin Anna besteigt der deutsche Kurfürst von Hannover als Georg I. den englischen Thron. Damit wird seine charismatische Schwiegertochter Caroline von Ansbach zur Prinzessin von Wales und 13 Jahre später zur Königin von England. Sie war es auch, die Daniel mit nachdrücklichen Bitten und einem "Versorgungsangebot" für seine Familie, überbracht durch Enoch Root, dazu bewegt hat, sein selbstgewähltes Exil in Amerika aufzugeben und sich auf den Weg nach England zu machen. Noch einmal erlebt Daniel, nun schon ein älterer, jedoch rüstiger Mann, ganz ähnlich wie im Winter des Jahres 1688/89, in dem Wilhelm von Oranien durch die "Glorreiche Revolution" als Wihelm III. den Thron bestieg und damit das protestantische und freiheitliche Verfassungsleben Englands einläutete, ein Jahr der grundlegenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in England, in deren Mühlen er unweigerlich immer tiefer hineinschlittert.

Kaum in London angekommen, entrinnt Waterhouse nur knapp einem Attentat - wobei offen bleibt, ob es ihm oder vielleicht doch Isaac Newton galt. Ob es der Bau von Daniels merkwürdiger Maschine ist, die aus Wasser Energie (und zwar elektrischen Strom) macht, seine Verwicklung in die Ränke um den sagenhaften Schatz von "Salomons Gold" (also Gold, aus dem sich wieder Gold gewinnen läßt), oder um seine Bemühungen, des Vagabunden Jack Shaftoe, der in der Zwischenzeit zu Jack, dem Münzer, geworden ist, habhaft zu werden: Daniel Waterhouse muß mehr als einmal um seinen Kopf fürchten. In all dem Wirrwarr, im dem auch Eliza, die Gräfin von Zeur und Herzogin von Qwghlm, wieder eine tragende Rolle spielt - nicht nur als eine der Investorinnen in Daniels Maschine - geht es in erster Linie doch immer um die Macht und die Währungen, die diese Macht aufrechterhalten und garantieren: Gold, Geld (1694 wurde die Bank von England gegründet), der Handel, Informationen und so manch anderes.

 

Daß sich an diesem Geschäft - der Politik - bis heute nicht viel geändert hat, ist einerseits eine Binsenweisheit. Andererseits ist es faszinierend, zu beobachten, wie man bereits vor 300 Jahren die Grundlagen für das Handels-, Wirtschafts-, und Betriebssystem von heute gelegt hat und sich daran seither nur wenig geändert hat. Nichts anderes erleben wir derzeit mit der Website "Second Life", für die auch - wen wundert´s - Neal Stephenson mit seinem 1992 erschienen Buch "Snow Crash" die geistige und inhaltliche Grundlage lieferte. Seine Helden, allen voran Hiro Protagonist, kämpfen in dem Roman als Avatare in der virtuellen Welt, dem "Metaversum", um Sein oder Nichtsein, um Daten, Strukturen und Geld. Die "Settings", die Grundeinstellungen der Betriebssysteme, egal ob "Metaversum", "Barock-Zyklus", "Cryptonomicon" oder "Second Life", darauf weist uns Stephenson immer wieder hin, sind hochmanipulativ und von wenigen essentiellen Faktoren abhängig. So wie Gold immer noch eine Währung garantiert, sind es heute Informationen, die sich zu Geld respektive Gold ummünzen lassen.

Nicht umsonst schlägt Stephenson mit dem "Barock-Zyklus" den Bogen zu seinem 1999 erschienen SF-Buch "Cryptonomicon". Dort trifft man nicht nur auf die Nachkommen der Protagonisten aus der Trilogie, sondern es geht immer noch um den sagenhaften, den sagenumwobenen Goldschatz, der die neu einzuführende Währung eines neutralen Datenhafens garantieren soll. Auch wenn der Autor 1999 wohl noch nicht ernsthaft mit dem Gedanken gespielt haben wird, "Cryptonomicon" eine zeitlich vorausgehende Fortsetzung folgen zu lassen, hat er es schon mal vornehm angedeutet. Rudolf von Hacklheber, Nachfolger des deutschen Bankiers Lothar von Hacklheber aus dem "Barock-Zyklus", sagt in dem späteren Sequel nämlich zu Bobby Shaftoe:

 

Enoch und ich sind uns niemals begegnet. Aber es gab gewisse alte Familienverbindungen ... Diese Verbindungen ergäben eine ellenlange Geschichte. Ich müßte praktisch ein Buch darüber schreiben.

 

So kam´s dann wohl auch. Enoch der Rote, alters- und zeitlos durch alle Bände unterwegs, der schon die Schlüsselfigur in "Cryptonomicon" abgab und getrost als Alter ego von Stephenson bezeichnet werden darf, verknüpft durch die Eröffnungsszene in "Quicksilver" den Barock-Zyklus mit "Cryptonomicon". In "System of the World" hält er sich vornehm zurück, ist jedoch alles andere als unwichtig. Welche Winkelzüge und welch listiges Taktieren schließlich dazu führen, daß sehr wohl ein Kopf in der Schlinge landet, auch wenn es nicht der von Daniel ist, wird der geneigte Leser selbst herausfinden.

Im Gegensatz zu "The Confusion", das Stephenson mit einem Paukenschlag eröffnete und die Handlung danach auf allen Ebenen vorantrieb, braucht das fast 900 Seiten starke "The System of the World" gut 400 Seiten Anlauf, um richtig loszulegen. Nicht, daß es an Handlung oder Wirrnissen mangeln würde, im Gegenteil: Jack Shaftoe brilliert beispielsweise in einer wunderbar undurchsichtigen Doppelrolle. Doch die Faszination der Dichte, besonders zum Ende hin, die einen regelrecht in das Buch hineinsaugt, stellt sich erst in der zweiten Hälfte ein. Was dann passiert? Jede Menge.

Soviel sei verraten: Wer sich auf die Reise durch den fast 3000 Seiten starken "Barock-Zyklus" begibt, wird auch in "The System of the World" immer wieder wunderbar überrascht und mit einem fabelhaften Epilog belohnt, der mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Also - worauf warten Sie noch?

Stefan Becht

Neal Stephenson - The System of the World


The Baroque Cycle, Vol. III

 

William Morrow/HarperCollins (New York 2005)

 

Autorenphoto © Hill House
Links:

(Not) welcome to the Metaweb


Wer Orientierung im Personen-, Namens-, Orts- und Zeitdschungel der Saga suchte, dem empfahlen wir bisher das dazugehörige "Metaweb". Offensichtlich hat man das aber mittlerweile abgeschaltet ... Dort fanden sich mehr als 1000 Artikel, eingebettet in die freie Web-Enzyklopädie "Wikipedia", die sich mit den Personen, Charakteren, Hintergründen, Vorlagen und Orten beschäftigten, die im "Barock-Zyklus" eine Rolle spielen. Bliebe also nur, sich mühsam durch die "Wikipedia" zu arbeiten. Ja, wenn Sie uns nicht hätten ...

Als "Nebenlektüre" zum "Barock-Zyklus" sei Das moderne Weltsystem II - Der Merkantilismus von Immanuel Wallenstein, erschienen im Promedia-Verlag, empfohlen.

Links:

Kommentare_

hir0 - 25.03.2007 : 23.04
und wie schon bei confusion harre ich der veröffentlichung der deutschen version aus... das dauer immer so lang!
carapace - 01.08.2007 : 17.09
wann kommt denn die deutsche übersetzung? danke!
mephisto - 02.06.2008 : 16.31
Die deutsche Übersetzung wird im Oktober 2008 ausgeliefert. Endlich!

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