Stories_M. Night Shyamalan Revisited, Pt. 2

Die Welt ist kein Dorf

Er hat uns tote Menschen sehen lassen und Märchengestalten in den Swimmingpool geschubst. In "The Happening" geht dafür gleich die ganze Welt unter ... Teil zwei von Dietmar Wohlfarts Karriererückblick.    29.05.2008

Im ersten Teil seiner Werkschau zeichnete Dietmar Wohlfart den Höhenflug des Wunderkinds M. Night Shyamalan nach. Leider bewahrheitete sich auch für den Mann mit dem sechsten Sinn die alte Binsenweisheit: Der Aufstieg kommt vor dem Fall.

 

Die Zeichen stehen auf Untergang

 

Der finanzielle Erfolg von "Signs" blieb nicht ohne Folgen: Shyamalan verstand die prall gefüllten Kassen wohl auch als Affirmation seiner Abwendung von gediegenen, geschlossenen Handlungsabläufen. Stattdessen setzte er weiterhin auf schicksalshafte Verstrickungen, Vorsehungen und wundersame Überraschungsenden. Diesen eigenwilligen Weg beschritt er auch mit "The Village" und beendete damit die Allianz mit seinen Fans sowie dem Hause Disney.

"The Village" lief im Hochsommer des Jahres 2004 an und bescherte dem erfolgsverwöhnten Aufsteiger, der wiederum als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent fungierte, eine erste Niederlage. Die Handlung entfaltet sich abermals auf dem vertraut-heimatlichen Boden des Regisseurs, wenngleich er den Schauplatz diesmal in eine unerschlossene Gegend und zudem vergangene Epoche Pennsylvanias verlegte: Die Einwohner einer im Wald gelegenen Gemeinde des ausgehenden 19. Jahrhunderts leben in Frieden, obwohl ein latentes Angstgefühl die Siedlung umfängt. Die unterschwellige Furchtsamkeit der Dorfbewohner fußt auf einem alten Abkommen, das einst mit den geheimnisumwitterten Kreaturen des Waldes geschlossen wurde. Darin verpflichtet sich die Bevölkerung, die Grenzen der Ansiedlung nicht zu verlassen, während im Gegenzug die potentiell unheilvollen Geschöpfe der näheren Umgebung dem Dorfe fernbleiben.

In unendlicher Langsamkeit offenbart Shyamalan die Geheimnisse von "The Village". Dabei verläßt er sich vollkommen auf seine Prämisse, die man durchaus auch als Allegorie auf die aggressive US-Außenpolitik in Zeiten des internationalen Terrorismus oder als Generalkritik an der modernen Gesellschaft deuten kann. Zwar gelingt es ihm wieder einmal, eine gespenstische Atmosphäre zu etablieren; der Film krankt jedoch unter anderem an seinem sturen Vertrauen in die unvermeidliche Schlußwendung, die dem eher schematisch konstruierten Streifen das dringend benötigte Volumen nachträglich nicht mehr verschaffen kann. Durch die Zurücknahme erzählerischer Geschliffenheit triumphiert Stil über Substanz, und "The Village" bleibt ein träges Mystery-Machwerk, das sich selbst zu ernstnimmt.

Nachdem die Kritiker über Shyamalan hergefallen und die gewohnt eindrucksvollen Einspielergebnisse ausgeblieben waren, sah sich das bislang hochgehandelte Jungtalent mit dem Vorwurf der Ideen- und Phantasielosigkeit konfrontiert. Doch der Gescholtene trat den Vorwürfen der "Ungläubigen" mit der Verwirklichung eines in all seiner Unschuld und Naivität fast schon wieder radikal anmutenden Projekts entgegen.

 

I want to believe ...

 

Daß es sich bei M. Night Shyamalan nicht gerade um den bescheidensten Vertreter seiner Zunft handelt, machte spätestens der "Village"-Fehlschlag deutlich.

Sein anschließender filmischer Konter basierte auf einer mehr oder weniger schlichten Märchengeschichte, deren Urversion ursprünglich Shyamalans Kinder zur Schlafenszeit gelauscht hatten. "Lady in the Water" widmet sich der Geschichte des Hausmeisters Cleveland Heep (Paul Giamatti), der eines Nachts im Swimmingpool der von ihm betreuten Wohnanlage verunfallt und von einer rätselhaften jungen Frau namens Story (Bryce Dallas Howard) vor dem Ertrinken gerettet wird. Wie sich herausstellt, stammt die apathische Story nicht von dieser Welt. Sie entpuppt sich als Meernixe, als Fabelwesen auf einer wundersamen Mission.

In "Lady in the Water" nimmt Shyamalans Fatalismus endgültig überhand; sein Faible für eindringliche Symbolik gerät aus dem Ruder. Statt die Ausgangssituation zu einer tragfähigen Geschichte auszubauen und sich auf deren Weiterentwicklung zu konzentrieren, läßt er die Grundidee des Films fast unberührt im Raum stehen und verfolgt die vitalen Erzählstränge nur halbherzig weiter. Wer sich auf den kuriosen Plot einläßt, hat gute Chancen, an diesem hanebüchenen Umriß einer potentiell interessanten Story zu verzweifeln. Auch Shyamalans Entscheidung, seinen traditionellen Cameo-Auftritt diesmal zu einer nicht unerheblichen Nebenrolle auszubauen, erweist sich als Bumerang.

Dabei stand die gesamte Produktion von Anfang an unter keinem guten Stern. Ursprünglich hatte Shyamalan das Projekt - wie bereits seine populären Vorgängerarbeiten - für Disney entwickelt. Als hochrangige Studiooffizielle nach Sichtung eines Rohschnitts ihren Unmut über die 70-Millionen-Dollar-Gutenachtgeschichte äußerten, vollführte Night einen emotionalen Überschlag und brach abrupt mit seinem bisherigen Arbeitgeber. Glaubt man Michael Bamberger, dem Autor des Buches "The Man Who Heard Voices: Or, How M. Night Shyamalan Risked His Career On A Fairy Tale And Lost", so paßt die Entscheidung, einen Studiowechsel in jener unkontrollierten Art und Weise vorzunehmen, zum Wesen des Filmemachers.*

Im Sommer des Jahres 2006 hatte "Lady in the Water" unter dem Warner-Bros.-Banner schließlich Premiere. Nicht nur Warner, sondern auch die Studiogewaltigen Disneys sahen der Performance des Streifens begreiflicherweise mit besonderem Interesse entgegen. Shyamalans Zweifler wurden schließlich in ihren Vorbehalten bestätigt, als "Lady" von den Rezensenten in der Luft zerrissen wurde und an der Kinokasse unterging.

 

Etwas muß geschehen

 

Nach dem vernichtendsten Niederschlag seiner Laufbahn ist es um M. Night Shyamalans Reputation nicht gerade gut bestellt. Der Mann steht unter enormem Druck - ein angemessener Befreiungsschlag scheint überfällig.

Anfang 2007 bemühte er sich um den Verkauf seines Drehbuchentwurfs "The Green Effect". Doch Meetings mit den diversen Studios verliefen nicht nach Wunsch. Shyamalan hatte mittlerweile die Aura des Erfolgsmenschen eingebüßt. Zusammen mit seiner Idee lehnte man nicht zuletzt auch den in Mißkredit geratenen Regisseur selbst ab. Nach einer Drehbuchrevision kehrte er schließlich mit "The Happening" zurück, einer modifizierten Fassung des vormals abgelehnten Skripts. In der 20th Century Fox fand er einen Verleih und Geldgeber, also begann er im Sommer mit den Dreharbeiten, die wie üblich in und um Philadelphia stattfanden.

"The Happening" konfrontiert eine Kleinfamilie (Mark Wahlberg gibt deren Oberhaupt) mit den Auswirkungen einer vermeintlichen Klimakatastrophe. Das aktualitätsbezogene Bedrohungsszenario dürfte jedoch mehr als den rein ökologischen Aspekt abdecken; ist es doch unwahrscheinlich, daß Shyamalan seinem angestammtem Sujet entsagt. Eher ergäbe eine Orientierung an frühere Erfolge - insbesondere dem Blockbuster "Signs" - Sinn. Shyamalan benötigt mittlerweile ja einen überzeugenden Treffer, um wieder auf die Beine zu kommen.

Ein Comeback ist dem eigensinnigen Spannungskünstler jedenfalls zuzutrauen. Sollte es Shyamalan gelingen, seine alten Stärken anzuzapfen und in vernünftige Bahnen zu lenken, dürfte einem atmosphärischen Sommer-Hit nichts mehr im Wege stehen. Dann wäre das Vertrauen in den Wunderknaben und seine mystischen Erzählungen erneut hergestellt - und wir könnten wieder anfangen zu glauben.

Dietmar Wohlfart

The Village

(auf DVD von Buena Vista/Touchstone)

Leserbewertung: (bewerten)

USA 2004

Darsteller: Bryce Dallas Howard, Joaquin Phoenix, William Hurt u. a.

Links:

Lady in the Water

(auf DVD von Warner)

Leserbewertung: (bewerten)

USA 2006

Darsteller: Paul Giamatti, Bryce Dallas Howard, Andrew Aninsman u. a.

Links:

The Happening

(demnächst im Kino/20th Century Fox)


USA 2008

Darsteller: Mark Wahlberg, Zooey Deschanel, John Leguizamo u. a.

 

Kino-Startermin: 13. 6. 2008

 

Links:

Michael Bamberger - The Man Who Heard Voices

Or, How M. Night Shyamalan Risked His Career On A Fairy Tale And Lost

Leserbewertung: (bewerten)

Gotham Books (USA 2007)

 

* Der Autor begleitete Shyamalan während sämtlicher Produktionsstufen seines erklärten Herzensprojekts und durchleuchtete dabei insbesondere auch die Persönlichkeitsstruktur des Regisseurs. Das vor Pathos triefende, unfreiwillig komische Werk "Lady in the Water" erwies dem Filmemacher wahrlich keinen guten Dienst. Statt ihn ins bestmögliche Licht zu rücken, erzielte Bamberger den gegenteiligen Effekt und porträtiert Shyamalan als eitlen, obsessiven und emotional instabilen Egozentriker.

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