Stories_Symposium über den Groschenroman

Für eine Handvoll Cents

Was wir über den sogenannten Schundroman noch nicht gewußt haben, oder: "Die schwere Kunst der leichten Unterhaltung." Stefan Becht war live dabei.    13.05.2004

Was schreibt jemand, der auf keiner Bestseller-Liste auftaucht, den als Autor keiner kennt und der trotzdem 160.000 Leserbriefe bekommt? Pünktlich, jeden Tag um 7.45 Uhr ("Mal fünf Minuten früher oder später sind schon drin.."), sitzt Helmut Rellergerd, ein bescheidener, freundlicher Herr Ende fünfzig und bekannt unter dem Pseudonym Jason Dark, vor seiner Olympia-Schreibmaschine und dichtet an seiner Grusel- und Geisterserie "John Sinclair". Und das - sehr diszipliniert, wie er selbst sagt - seit 1973, als das erste "Sinclair"-Groschenheft "Die Nacht des Hexers" im Bastei-Verlag erschien.

Inzwischen hat er 282 Romanhefte und Taschenbücher geschrieben, die (Lizenzausgaben mitgerechnet) über 270 Millionen Mal verkauft wurden. Fast so viele, wie jährlich von den "Schundromanen" mit so bekannten Namen und Helden wie "Jerry Cotton", "Dr. Stefan Frank - dem Arzt, dem die Frauen vertrauen" oder "Perry Rhodan" in Deutschland über die Kiosktheken gehen: 300 Millionen Stück. Allein der im Bergischen Land beheimatete Bastei-Verlag liefert wöchentlich gut eine Million Exemplare seiner Groschenromane aus und hat seit 1953 über zwei Milliarden Stück verkauft. Heute beträgt der durchschnittliche Ladenpreis 1,35 Euro - eine Handvoll Cents.

Weil aber diese Mediengattung, um es einmal vorsichtig auszudrücken, ein Image-Problem hat, luden Bastei und die Ursula-Lübbe-Stiftung nun ins Haus der Geschichte nach Bonn zu dem Symposium "Die schwere Kunst der leichten Unterhaltung" ein. In drei Podiumsdiskussionen, denen jeweils ein Walter-Benjamin-Zitat zugeordnet wurde, wie zum Beispiel "Tasten wir uns unbeholfen an diese unbeholfenen Werke heran", das ja immer gut funktioniert, sollte dieses spezielle Genre der Volksliteratur beleuchtet werden. Flankiert wurde die Veranstaltung von der Ausstellung "Mythen für Millionen", die bis 2. Mai im Haus der Geschichte zu sehen war.

Der Bastei-Verlag gehört zur Verlagsgruppe Lübbe, einem der letzten großen und konzernunabhängigen Buchverlage Deutschlands, den wir getrost als Gemischtwarenladen bezeichnen dürfen, allerdings als sehr erfolgreichen. Ähnlich illuster und verschieden wie die Buchprogramme der Lübbe-Verlage waren die Menschen, die in den Podiumsrunden beieinander saßen: Vom Schriftsteller und Drehbuchautor Bodo Kirchhoff, der Erfinderin und Autorin von "Dr. Stefan Frank", Elfie Ligensa, bis zum Groschenromansammler Heinz J. Galle und dem Kulturkorrespondenten der "Süddeutschen Zeitung" in Paris, Johannes Willms, reichte die Bandbreite. Wild ging´s her und hin und wieder zurück - von der Einsamkeit des Schreibers zur Einsamkeit des Lesers, vom Abbilden des Zeitgeistes in den Groschenheften, um das, was gekauft und das, was wirklich gelesen wird, um die festen Erwartungen, die erfüllt werden müssen und um das vorgegebene Happy-End im Genre der Groschenromane.

Doch bereits im ersten Podium, der "Erforschung der geologischen Struktur des Buchgebirges" brachte der Suhrkamp-Autor Andreas Maier ("Wäldchestag", "Klausen") schnell auf den Punkt, worin der prägende, der essentielle Unterschied zwischen "Literatur" und der "Unterhaltungs-Literatur" eines Groschenromanes besteht: in der Wahrhaftigkeit. Maier nannte es "meine Suche nach der Wahrheit, der ich mich unterordnen muß", und damit formulierte er das, was uns in der Literatur berührt, weil es verdichtet auftaucht und es plötzlich Wörter (und damit Bilder) gibt für Situationen, Lebenszusammenhänge und -gefüge, die bisher namenlos und trotzdem bekannt, vertraut waren - der einzigartige, berührende Punkt. Wie im richtigen Leben, wo wir ja auch den Unterschied zwischen einer durchaus gut geführten Unterhaltung mit Menschen und dem vertrauten, intensiven Gespräch mit Freunden spüren. Stunden später sagte der sprach- und schauspielbegabte Maler Johannes Grützke nichts anderes, als er ins Publikum rief: "Es geht doch um die Wahrhaftigkeit, um nichts anderes!"

Als wahrer Stachel im Fleisch der Diskutanten entpuppte sich die Schriftstellerin und Autorin des S.-Fischer-Verlags, Marlene Streeruwitz ("Verführungen", "Jessica, 30"). Sie legte schon vor Jahren eine dreiteilige Heftchenserie vor, richtig schön schundig, allerdings im Suhrkamp-Verlag erschienen und im Schuber versteckt. Ihrer durch und durch kritischen Haltung, ihren literaturwissenschaftlichen Kenntnissen und ihrem steten Nachhaken verdankten Podium und Publikum, daß der Nivellierung der Genregrenzen und dem Abgleiten ins Alltäglich-Banale rigoros der Riegel vorgeschoben wurde. Gar nicht gesprochen wurde leider über die Darreichungsformen bzw. Verpackungen von Literatur. Weil es eben schon einen Unterschied macht, ob das Werk fein gebunden, mit Lesebändchen, Schutzumschlag und Vorsatzpapier versehen, im Suhrkamp-, Fischer- oder Schoeffling-Verlag erscheint oder "nur" als Reclam-Heftchen oder Groschenroman im Bastei-Verlag. Denn, wie wir seit Marshall McLuhan wissen: "The Medium is the message".

Auch die eigentliche Verlagsseite, der tägliche Umgang mit und die wirtschaftlichen Komponenten der Unterhaltungsliteratur kamen überraschender- und sicherlich gutgemeinterweise zu kurz. Doch der Verleger Stefan Lübbe hatte ja schon zu Beginn gesagt, dies sei nur der Auftakt einer ganzen Reihe von Veranstaltungen und Maßnahmen für die Populärkultur. Und für einen ersten Versuch war das Symposium schon ganz gut gelungen. Allerdings könnte es gut sein, daß es gar nicht so schwer ist, leicht zu unterhalten. Denn auch wenn sie eine eigene Kunstform sein mögen, geht es bei den Groschenromanen vor allem darum, zu unterhalten. Tiefe, Vertrauen, Ernsthaftigkeit und vielleicht ein bißchen Wahrhaftigkeit sind hingegen niemals leicht und keine Unterhaltung. Außer, wenn sie noch dazu gut verpackt sind...

Stefan Becht

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