Stories_Trash-Kino

Tout pour le Trash!

Echte Trash-Filme waren ehrlich, auf ihre Weise subversiv und besaßen im Gegensatz zu den heutigen Epigonen Charme. Popkultur-Experte Christian Keßler widmet ihnen einen Lobgesang. Wir wünschen viel Vergnügen!    03.07.2014

Wir befinden uns in müllfixierten Zeiten. Auf der einen Seite wütet das Essig-Syndrom in den Filmdosen und frißt einen Meter Zelluloid um den nächsten einfach weg, schmatz-schmatz. Die Vergangenheit landet im Abfalleimer. Auf der anderen Seite sieht man ein Kino, das weitgehend charmefreie Budgetbesäufnisse als den letzten Schrei in Sachen Kinokunst anpreist, wie ein Kindergeburtstag für ein Kind, dessen Eltern ihren Nachwuchs nicht wirklich lieben. Über kurz oder lang werden die materiellen Medienträger sowieso Geschichte sein - da hat der Essig keine Chance mehr. Vielleicht werden die Träume, die einem das Kino einst bescherte, irgendwann gespritzt werden wie ein Medikament, ganz steril und umstandslos.

 

 

Das sogenannte Trash-Kino hat sich im Laufe der Jahre eine Nische geschnitzt, die einst tief im Dschungel der Subkultur angesiedelt war, mittlerweile aber eindeutig eine Sache des Mainstreams geworden ist. Der Mainstream - das sind nicht mehr Michael Bay und der ganze andere Konsensmampf aus Hollywood, sondern auch all jenes, was nimmermüde auf DVD herausgedroschen wird. Immer mehr muß produziert werden, jeder Monat hat seine Neuveröffentlichungen, eine Schlock-Hydra mit Tausenden von Köpfen. Daß die Tendenz somit zur Generalvermüllung geht, liegt auf der Hand. Ein klassisches B-Movie wie I Walked With A Zombie oder auch ein klassischer Autokinoheuler wie Die Nacht der Lebenden Toten haben keine Chance mehr, wenn sie ihr Dasein auf Podesten fristen, die umspült werden von billig produziertem Zombie-Kokolores, der meistens nicht viel mehr darstellt als das Hangeln nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Kein Herz, kein Hirn, keine Eier.

Da den meisten Genrefans zumindest schwant, daß wir alle vom Mist umzingelt sind, ist die Stunde für Trash-Filmer gekommen! Computergenerierte Haie beißen in Passagierflugzeuge, riesige Komodowarane haben Christopher Atkins (oder einem anderen einstigen "Star für 15 Minuten") die Freundin geklaut! Monsterquallen über Kärnten! Weinbergschnecken über Paris! Radioaktiv verseuchte Hartz-IV-Bezieher versetzen Bottrop in Angst und Schrecken! Kein Thema kann beknackt genug sein, als daß es nicht irgendwo von einem Geldgeber abgesegnet werden würde.

 

 

 

Grundsätzlich finde ich das ja gut. Bedenkliche Zeiten erfordern bedenkliche Maßnahmen. Das Problem ist nur, daß diese gagaistischen Spektakel mit ihrem chronischen Augenzwinkern meistens keinen Deut charmanter sind als die Hollywood-Big-Budget-Filme. Sie sind bewußt geschmacklos, kalkulierter Trash, die professionellen Erben von John de Bellos fröhlich dilettierendem Gemüseschocker Angriff der Killertomaten aus dem Jahre 1978. Sie ähneln für mich den Hosen mit aufgesteppten Reißverschlüssen, die man Anfang der 80er Jahre in zahllosen Boutiquen und sogar Kaufhäusern kaufen konnte, als kommerzielle Resteverwertung der sogenannten Punk-Revolution. Sie sind wie politische Satire im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Sie sind überflüssig.

 

Dabei kann gutes Trash-Kino das Leben bereichern. Tim Burton setzte der Person des Exploitation-Filmers Ed Wood 1994 ein liebevolles Denkmal. Hochtrabende Nullen hatten dem ebenso enthusiastischen wie einzigartigen Ed Wood das Label "Schlechtester Filmemacher aller Zeiten" angedichtet. Dralle Unwahrheit! Ich habe unzählige lustlos und zynisch heruntergekurbelte Machwerke gesehen, die wirklich eine Verschwendung von Lebenszeit darstellten. Wenn Bela Lugosi in Bride of the Monster seine "Home? I have no home!"-Ansprache hält, dann ist das kostbarer als die gesammelte Lebensleistung einer ganzen Reihe von Leuten, die heutzutage als Trash-Gurus abgefeiert werden. Wie viele Nichtskönner berufen sich auf den "Godfather of Gore", auf Herschell Gordon Lewis, und haben nichts, aber auch gar nichts verstanden von der Chuzpe, der Abenteuerlust, der Kreativität, die solche Leute verströmten!

 

Es geht mir mit meiner Polemik nicht darum, Hundehaufen zu polieren. Niemand, der seine sieben Sinne beieinander hat, wird ernsthaft Filme von Leuten wie Wood, Lewis oder Doris Wishman auf eine Stufe mit denen von Heroen wie Orson Welles heben wollen. Aber im Gegensatz zu den heutigen Trash-Simulationen, die den Eindruck vermitteln, als seien sie spezifisch für "Die schlechtesten Filme aller Zeiten"-Reihen im Fernsehen hergestellt, besaßen sie einen rätselhaften Charme, sie hatten Überzeugungskraft. Sie waren ehrlich. Sie waren auf ihre Weise wirklich subversiv, ein merkwürdig entgleistes Kommerzprodukt, der aus der Art geschlagene böse Vetter mit der Axt. Ein manchmal launiger, manchmal kiebiger Gegenentwurf zu dem, was man als Konvention empfand. John Waters´ Pink Flamingos (1972) funktioniert noch heute wunderbar als Kastenteufel für all jene, die sich mal so richtig schrummifummi durchunterhalten lassen wollen und stattdessen völlig verstört und entgeistert aus dem Kinosaal wanken. Die besten dieser Filme versehen den Zuschauer mit einem Weltbild, das nicht seinem eigenen entspricht. Sie leisten das, was Kino leisten sollte - sie lassen uns aussteigen aus dem, was wir als normal empfinden, aus der Kuschelzone der trügerischen Geborgenheit. Sie konfrontieren uns mit lustlosen Frauen mit unglaublich großen Brüsten, mit menschenfressenden Kaninchen, mit koprophagen Transvestiten, mit Vampirgrafen auf Abwegen. Gutes Trash-Kino läßt das Kinn des Zuschauers klangvoll auf dem Boden auftrumpfen. Gutes Trash-Kino ist kein augenzwinkerndes Spiel mit Tabubereichen, kein simulierter Regelverstoß, sondern der wahre Jakob. Drin ist, was draufsteht. What you buy is what you get.

 

 

Den Begriff "Trash-Kino" mag ich überhaupt nicht. Ramsch ist Ramsch, Mist ist Mist. Diese filmischen Klabautermänner, diese Beispiele für anmutig zelebriertes Rabaukentum als Mist zu bezeichnen, finde ich abwertend. Tatsächlich gewähren uns diese Filme eine Reise in jene Bereiche des menschlichen Wesens, die uns vom konventionellen Kino vorenthalten werden. Sie wohnen dort, wo die Zahnbürste nicht mehr hinkommt. Dafür liebe ich sie! Natürlich kann man über sie lachen, ob ihrer scheinbaren Unprofessionalität, ob der unübersehbaren Mängel, die auf ein zu niedriges Budget oder ganz einfach handwerkliches Ungeschick zurückzuführen sind. Aber ich würde vorschlagen, stattdessen lieber mit ihnen zu lachen! Oder mal gar nicht zu lachen, zur Abwechslung. Lieber verbringe ich 90 Minuten auf dem 70er-Jahre-Beat-Fauteuil in Doris Wishmans Wohnzimmer, eingekeilt von Chesty Morgans enormer Oberweite und einer surrenden Kamera, als der vorsätzlichen Rundumbeschmunzelung anheimzufallen, die man heutzutage mit dem Trash-Kino verbindet. Das ist viel schöner, als auf einer Beerdigung laut zu pupsen! Ich kann jedem nur dringend empfehlen, sich näher mit dem Kino der Absonderlichkeit zu befassen. Vielleicht verliert man sein Herz, vielleicht verliert man seinen Verstand, aber all jenen, die lieber gefährlich leben als in einer Simulation, verspreche ich einen großen Sack voll Spaß!

 

 

Christian Keßler

A Private Education

Schmutz & Schund


Jeder versucht sich am Trash - doch nur wenige wissen, wie er wirklich funktioniert. Um das Kunstschul-Unwesen hintanzuhalten, lud die österreichische Literaturzeitschrift "etcetera" zur Präsentation ihrer "Schund"-Ausgabe daher den Privatgelehrten zu einem Vortrag, der es wissen muß: Dr. Trash.
Der EVOLVER präsentiert dieses Manifest exklusiv - und fachgerecht illustriert - im Internetz. Wir bitten um höchste Aufmerksamkeit.

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Willkommen im EVOLVER-Trash-Museum!


Wer seit 1996 online wildert, hat naturgemäß einiges im Archiv. Daher stellen wir hier einen Teil des "Trash-Museums" aus unserer 2001 eingestellten "The Internet Is Dead"-Edition vor.
Viel Spaß beim Stöbern!

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Denn sie wissen nicht, was sie tun ...

Pulp Fiction


Wenn sogenannte "Kritiker" eines können, dann ist das g´scheit reden oder sich selbst und ihr halbgares Fachwissen zwischen den Zeilen in den Mittelpunkt stellen. Halten Sie sich lieber an echte Experten wie Martin Compart - der verrät Ihnen diesmal die wahre Bedeutung von "pulp fiction".

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Bekenntnisse aus dem Untergrund

Gene Gregorits - Midnight Mavericks


Mit "Mitternachtskino" kratzten Hoberman und Rosenbaum 1983 bereits an der Oberfläche. Doch erst Gene Gregorits taucht mit einem Interview-Band richtig in die Welt der subversiven Kunst ein - und liefert intensive Gespräche mit subkulturellen "Helden".

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