Stories_Viennale 2008/Rewind

Kunst, Kampf & Knarren

"Schau die Hälfte": Das war dieses Jahr notgedrungen das Credo des Viennale-Hofberichterstatters Ihres Vertrauens. Die wahren Highlights hat er dennoch nicht ausgelassen. Welche das waren, lesen Sie hier.    29.10.2008

Die geschätzte EVOLVER-Kollegenschaft will dem Autor dieser Zeilen wohl bis heute nicht so recht Glauben schenken, was dessen Einschätzung des bei der Viennale 2005 gelaufenen "Takeshis´" anbelangt. Dennoch muß auch mit drei Jahren Distanz daran festgehalten werden: Das war und ist der schlimmste Ausrutscher, den Takeshi Kitano hinlegen konnte. Ob es daran lag, daß es dessen Nachfolgerstreifen "Glory to the Filmmaker!" überhaupt gar nie zu uns schaffte? Wie dem auch sei: Achilles and the Tortoise (Achilles to kame), der nunmehr dritte Teil in der "Kitano in seiner Rolle als Künstler"-Selbstbespiegelung, ist definitiv ein großer Schritt aus dem Schlamassel und zurück in die richtige Richtung. Zwar ist Takeshi auch hier noch lange nicht wieder auf der Höhe seiner Schaffenskraft angekommen, aber dennoch ist diese sich über mehrere Jahrzehnte streckende Geschichte eines Jungen/Jugendlichen/älteren Herrn, der sein Leben ganz in den Dienst der Malerei stellt und darob alles (auch Selbstmorde und andere Tragödien) um ihn herum zu vergessen scheint - ohne daß ihn dies auch nur einen Zentimeter weiter bringen würde beim Bestreben, von seiner Kunst leben zu können - eine wunderbar kurzweilige, schwarzhumorige Angelegenheit. Wie sich Kitano hier über den Kunstbetrieb und seine Mechanismen ausläßt, sich selbst und sein Schaffen (alle im Film präsentierten Werke sind Takeshis eigene) aber dabei nicht ausspart, das hat zumindest den Autor dieser Zeilen wieder versöhnlich gestimmt mit dem japanischen Großmeister.

 

Aber noch ein weiterer EVOLVER-Liebling feierte bei der heurigen Viennale eine Art künstlerische Wiederauferstehung: Darren Aronofsky, Mastermind hinter den grandiosen "Pi" und "Requiem For A Dream" - und zuletzt mit der prätentiösen Esoterik-Oper "The Fountain" leider kapital bauchgefleckt -, hat mit The Wrestler wieder zurück zur Form gefunden. Wenngleich man auch konstatieren muß, daß man es hier mit einem anderen Aronofsky zu tun hat als mit dem, den man bisher gekannt zu haben glaubte. Die Geschichte vom in die Jahre gekommenen und abgewrackten ehemaligen Wrestling-Superstar (auf den ge- und zerschundenen Leib geschrieben für Mickey Rourke), der sich nunmehr auf deutlich kleineren Bühnen im wahrsten Sinne durchschlägt und nach einer Herzattacke gar zum Überdenken seines gesamten Lebens gezwungen wird, ist so gut wie gar nicht mehr vom streng durchkonzipierten und -komponierten Formalismus, für den der Regisseur bislang so geschätzt wurde, durchzogen. Vielmehr gibt es hier viel Handkamera und eine beachtliche Nähe zu den Figuren bzw. eben zuvorderst zu der Figur, sowohl visuell wie auch emotional. Wenn Randy "The Ram" Robinson - so der Name des Protagonisten - etwa versucht, mit seiner entfremdeten Tochter wieder Kontakt aufzunehmen oder die einzige ihm gebliebene weibliche Bezugsperson, eine Stripperin, umgarnen möchte, dann hat das etwas ungewohnt Einfühlsames. Als Konterpart dazu versteht es Aronofsky, laut Eigenauskunft nie großer Wrestling-Fan, aber auch den Zirkus der Kolosse in aller seiner Dualität aus knochenbrechender Härte im Ring und kampfkameradschaftlicher Solidarität außerhalb desselben mit Nachdruck einzufangen. Und doch blitzt zum Ende hin (Vorsicht: Spoiler!) wieder der altbekannte Fatalismus des Filmemachers durch. Es gibt eben bei Aronofsky auch weiterhin - und hier muß dieser Gemeinplatz wieder einmal angebracht werden - kein richtiges Leben im falschen.

 

Nicht bloß einem Liebling, sondern gleichsam einem Säulenheiligen dieses Magazins ist die Dokumentation Gonzo: The Work and Life of Dr. Hunter S. Thompson gewidmet. Alex Gibney, der 2007 für "Taxi To The Dark Side" den Oscar für die beste Dokumentation erhalten hat und auch für die hervorragende "Enron"-Doku verantwortlich war, zeichnet, ja klar, "das Leben und Schaffen" des einzig wahren Gonzo-Journalisten aller Zeiten mit teils wirklich rarem und außergewöhnlichem Material nach - von seiner frühen Besessenheit von "Der große Gatsby" über seine Tour mit den "Hell´s Angels", seine Kandidatur für den Posten des Sheriffs von Aspen, den seit "Fear and Loathing in Las Vegas" ohnehin allseits bekannten Wüsten- und Drogen-Trip (seines Alter egos Raoul Duke?) bis hin zu seinen späten Jahren, seinem mehr oder minder angekündigten Selbstmord und dem von Johnny Depp finanzierten Kanonenbegräbnis führt die von Depp selbst auch kommentierte Reise. Zu Wort kommen dabei unter anderem Thompsons zwei Ehefrauen, sein Sohn Juan, Cartoonist und partner in crime Ralph Steadman, Tom Wolfe, Weggefährten beim "Rolling Stone", Jimmy Carter und viele andere mehr, die sich zu Waffenfetischismus, politischem Engagement (wobei Hunters Unterstützung des Demokraten McGovern eindeutig zu viel Platz eingeräumt wird) und allgemeinem Wesens-Wahnsinn äußern. Daß eine so komplexe und schwer faßbare Figur wie Thompson trotz all dieser erhellenden Erkenntnisse dennoch ein Mythos bleibt und bleiben muß, war wohl absolute Absicht. Der Meister selbst hätte es nicht anders gewollt.

Christoph Prenner

Viennale 2008

17.-29. Oktober 2008

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