Texte_Viennale 2009/Journal I

Orakel und Debakel

Prophezeiungen, Botschaften und Manifeste: Der neue französische Regiemeister Jacques Audiard denkt in "Un prophète" den Gangsterfilm neu; US-Drehbuchautor Oren Moverman arbeitet sich in "The Messenger" an der Heimatfront im Irak-Krieg ab - und in "RIP: A Remix Manifesto" wird äußerst amüsant mit der US-Unterhaltungsindustrie abgerechnet.    27.10.2009

Abel Ferrara geht´s nicht besonders. Das dürfte keinem entgangen sein, der sich neulich auf das öffentlich-rechtliche Kulturauftragsabarbeitungsformat verirrt hat und den vor etwa zwei Jahrzehnten noch als legitimen Scorsese-Nachfolger gehandelten Filmemacher dort in einem Gespräch rechtschaffen neben der Spur stranden sah. Aber vielleicht ist es ja auch weniger schlimm als angenommen, und er hat einfach nur Werner Herzog gesehen - oder zumindest dessen aus jeder möglichen Betrachtungsweise unnötiges Remake seiner eigenen cinematographischen Koks-Cop-Katharsis "Bad Lieutenant". Das taufte man originellerweise Bad Lieutenant: Port Of Call New Orleans und besetzte es - noch origineller - mit Nicolas Cage in der legendären Harvey-Keitel-Rolle. Ausgerechnet. Gern hätte sich der um einen Artikelanfang drückende Autor dieser Zeilen selbst ein Bild von dem unerhörten Unterfangen gemacht, doch die Ticket-Beschaffungsmühle kam ausgerechnet hier das erste Mal zum Stillstand. Vielleicht war´s ja auch besser so.

 

Wenden wir uns also Erfreulicherem zu: Jacques Audiards Un prophète, dem ersten Festival-Highlight. Audiard, eine wahrlich einzigartige Erscheinung im derzeitigen französischen Autorenkino, lieferte bereits mit den zwei Vorgängerfilmen "Sur me lèvres" ("Lippenbekenntnisse") und "De battre mon coeur s´est arrêté" ("Der wilde Schlag meines Herzens") Großartiges; der heurige und verdiente Cannes-Preisträger "Un prophète" spielt jedoch in einer ganz anderen Liga. Was sich zunächst wie ein straightes Gefängnis-Sozialdrama anläßt - junger Delinquent mit Migrationshintergrund landet im Knast und muß sich dort auf die harte Tour Respekt und vor allem Schutz erarbeiten, indem er sich der korsischen Mafia als unterwürfiger Handlanger andient - entfaltet mit jeder Minute (und es sind derer doch 150) mehr von einer Sogwirkung, die Genrekonventionen zunehmend transzendiert. Im selben Ausmaß, wie die eigentlich zutiefst amoralische Zentralfigur (für die man dank der brillanten Performance von Tahar Rahim dennoch ungeteilte Sympathie empfindet) mit den Gegebenheiten umgehen, lesen, verstehen und manipulieren lernt und seine Position damit unbemerkt, aber sukzessive verbessert, verformt sich auch das filmische Grundgerüst. Man könnte "Un prophète" problemlos als knallharten, komplex konzipierten Mafia-Thriller mit großem Wendungsreichtum und enormer Dynamik sehen. Daß es dem Regisseur daneben noch gelingt, Statements zu ethnischen Konflikten und Machtgefügen sowie ästhetisch einfach atemberaubende Szenen (Schießereien wie einst bei John Woo, gefolgt von traumhaften Phantasieszenen) unterzubringen, macht seinen Film noch sehenswerter.

 

Gar nicht genug empfehlen kann man auch Brett Gaylors Dokumentionsfilm RIP: A Remix Manifesto, die so böse wie amüsante Abrechnung mit dem mittlerweile nur noch unmoralisch zu nennenden Gebaren der Unterhaltungsindustrie - hier im speziellen der Musik- und Film-Multis. Da sich die Fülle der darin verarbeiteten und verbreiteten Informationen nicht ohne Verluste wiedergeben läßt, seien interessierte Leser auf die offizielle Seite des "Manifestos" verwiesen (siehe Links), wo man sich den gesamten Film konsequenterweise gratis ansehen - und ihn bei Lust und Laune auch noch bearbeiten - kann.

Weniger schrill als still nähert sich dagegen The Messenger seinem Thema: dem Irak-Krieg und seinen unmittelbaren Folgen (natürlich nur jenen für die USA und ihre Bevölkerung). Jetzt könnte man freilich einwenden, daß es zu dem Thema bereits etwa zwei Dutzend aktuelle Filme gibt und zwei Drittel davon nicht wirklich gut oder gar notwendig sind. Das Regiedebüt des Drehbuchautors Oren Moverman (u. a. "I´m Not There") entpuppt sich in all seiner nuancierten, aber auch pointierten Abbildung des Wirkens zweier US-Army-Soldaten, die Angehörigen von Gefallenen die Todesnachricht betont unemotional überbringen sollen, dies aber in Wahrheit aber nicht so souverän wegstecken können, als löbliche Ausnahme - insbesonders auch wegen der Performance der beiden Hauptdarsteller Woody Harrelson und vor allem Ben Foster. Zweiterer beweist hier erstmals, daß er nicht nur Szenen stehlen, sondern auch ganze Filme tragen kann.

Christoph Prenner

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