Texte_Viennale 2009/Journal II

Himmel und Hülle

Die armen Bobos kennen Lebensfreude bestenfalls aus dem Ethno-Supermarkt und Sex nur aus dem Kulturfernsehen. Deswegen erregen sie sich in ihren öden Bobo-Zeitungen auch - mit klammheimlicher Geilheit - so vehement über die neuen pseudopornographischen Kinomanipulationen eines Lars von Trier oder Steven Soderbergh. Da flüchtet man sich als normaler Mensch lieber auf den Mond.    01.11.2009

Angekündigte Aufreger fanden auch auf der heurigen Viennale bislang nicht statt. Zumindest nicht bei The Girlfriend Experience und Antichrist, den proklamierten Skandalfilmchen aus dem beliebten Themenkreis Sex. Und zumindest nicht bei Menschen, die mit dem Thema auch noch im wirklichen Leben zu tun haben und nicht mehr nur über die Beschäftigung damit in Gscheiterl-Druckwerken.

Anders läßt sich beispielsweise das große Geschrei, das in der Filmfestival-Berichterstattung um "Antichrist" herrschte und herrscht, kaum erklären. Klar, bei einem neuen von Trier muß schon einmal aus Prinzip etwas expressiver Laut gegeben werden als sonst - aber aus welchem Grund, das bleibt in diesem Fall wohl noch länger ein Rätsel. In Wahrheit verläßt man den Film nämlich weder besonders verstört oder eventuell sogar erhellt (wie noch bei "Breaking The Waves" etwa), sondern recht unterwältigt von allzu viel prätentiöser Kunstgewerblerei. In ästhetischer Hinsicht wirkt allein der Prolog mit Händel-Untermalung und aufgesetztem Schwanz-in-Großaufnahme-Einsatz eher wie der Versuch eines hormonell herausgeforderten Heranwachsenden, eine Mineralwasserwerbung zu produzieren. Und die optische Umsetzung wird später nicht viel einfallsreicher. Auch auf inhaltlicher Ebene kommt von Trier nie auch nur in die Nähe einer stringenten Sprache - ist die Geschichte dieses vom plötzlichen Kindstod traumatisierten Ehepaars (Willem Dafoe, Charlotte Gainsbourg) auf Waldsafari nun eine behäbige Abrechnung mit der Psychotherapie, Natur-Allegorie-Kunde für Dummies oder eher doch nur Selbstzweck, um danach in (hui!) schmutzigen (Torture-)Porn-Untiefen zu wildern? Letzteres kann man aber freilich auch ohne den schwerfälligen Überbau haben - schlag nach bei Bava, Argento, Miike (um einmal wirklich drei Namen zu nennen) oder gar bei einem x-beliebigen "Saw"-Teil. Aber mit so etwas will der Durchschnitts-Bobo ja dann doch wieder nichts zu tun haben, obwohl der Erkenntnisgewinn dabei nicht wirklich geringer ausfallen würde.

Steven Soderbergh muß man in dieser Hinsicht zugute halten, daß er sich für seinen "The Girlfriend Experience" zumindest einen echten Porno-"Star" vor die Linse geholt hat - der dann auf den Namen Sasha Grey hört. Kameraerfahrung kann man der Dame (im Gegensatz zum restlichen Amateur-Cast) freilich nicht absprechen und ebenso nicht, daß sie ihre erste Sprechrolle erstaunlich souverän meistert. Nur wird auch der Sinn dieser recht unterkühlten wie -inszenierten Soderberghschen Fingerübung (offenbar zwischen seinem zweiteiligen "Che"-Megalomanie-Projekt und dem nächsten Blockbuster "The Informant" entstanden) nicht wirklich ersichtlich: Klar, das Leben als High-Scale-Escort-Lady mag schon einmal bis zur totalen Selbstverleugnung am Ego kratzen, aber das hätte man sich so auch schon früher gedacht. Und dann ist diese Grey auch noch fast in jeder Szene komplett zugeknöpft - pardauz, so wird das noch nicht einmal was mit der versprochenen Voyeurismus-Befriedigung (oder war ganz plump gerade das der Punkt?).

 

Zu Erfreulicherem, wenngleich auch nicht erhofft Bahnbrechendem: Moon von David Bowies Sohn Zowie Bowie - ähem, sorry - Duncan Jones natürlich. Der wurde einem im Vorfeld ja als so etwas wie der "thinking man´s SF-Film des Jahrzehnts" verkauft - eine Vorgabe, die so leider nicht ganz erfüllt wird. Dennoch gehört diese Geschichte dieses einzigen man on the moon, dem in den letzten Wochen seines Diensts im Zuge einer Energiegewinnungsmission allerhand Mysteriöses passiert, zu den weit erfreulicheren Genre-Beiträgen der jüngeren Vergangenheit und fällt genau in jene Kategorie von SF-Streifen - wie zuletzt etwa ausgerechnet Soderberghs "Solaris"-Neuauflage -, die sich mehr Gedanken zu den diversen Zukunftsfragen und damit verknüpften -technologien machen als darüber, wie man etwas möglichst wirkungsvoll in die Luft fliegen läßt (wiewohl so etwas hier keineswegs gering geredet werden soll, nur hat es proportional halt leider überhandgenommen). Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß "Moon" nicht wunderbar anzusehen wäre. Im Gegenteil: Für ein Minibudget von fünf Millionen Dollar sitzt hier vom Retro-Future-Set-Design bis zu den wenigen, aber geglückten Action-Sequenzen alles am rechten Platz. Trotzdem steht und fällt der Film mit seinem Hauptdarsteller Sam Rockwell, der (ohne zuviel verraten zu wollen) hier, nun ja, in mehrfacher Hinsicht gefordert ist, ohne dabei je ins Schleudern zu kommen. Preisverdächtige Performance auf jeden Fall, die über eine gewisse Ausgedünntheit der Story gern hinwegsehen läßt.

Christoph Prenner

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