Video_Guilty of Romance

Liebe und Schuld

Er ist einer der kontroversesten Regisseure seines Landes und der ganzen Welt. Auch mit seinem jüngsten Film untermauert der Japaner Sono Sion seinen Ruf als Provokateur, indem er wie gewohnt Sex, Lust und Gewalt in einen Schmelztiegel wirft. Das Resultat ist wie immer eine wahrhafte Tour de Force - zumindest für die Figuren seines Films.    04.12.2012

Wer die Welten von Sono Sion betrachtet, könnte leicht den Glauben an die Menschheit verlieren - schon allein dadurch, daß sein aktueller Film "Guilty of Romance" als Abschluß seiner sogenannten "Haß"-Trilogie mit "Love Exposure" und "Cold Fish" gesehen wird. Im neuen Werk vermischen sich erneut Sex, Lust und Leidenschaft mit Gewalt und Psychoterror. Mittendrin steckt eine Gruppe seelisch und emotionell unerfüllter Frauen, die sich nach ihrem Untergang sehnen.

 Das narrative Konstrukt des Films ist ein Kriminalfall um eine unidentifizierte Leiche, wegen dem Ermittlerin Yoshida (Miki Mizuno) zu Beginn den Duschensex mit ihrem Liebhaber in einem Love-Hotel des Tokioter Sexviertels Maruyama-cho unterbrechen muß. Ein Kuddelmuddel aus Leichenteilen und Mannequins wirft Rätsel auf, während der Film seine eigentliche Hauptfigur, die Literatengattin Izumi (Megumi Kagurazaka), per Rückblende einführt.

 

Izumi ist ganz Heimchen und Hausfrau und legt ihrem Ehemann Yukio (Kanji Tsuda) jeden Abend die Pantoffeln zurecht. Allerdings ist das nicht wirklich erfüllend. "Ich will etwas tun, bevor ich 30 werde", schreibt sie daher eines Abends in ihr Tagebuch. "Irgendwas. Unbedingt. Dieses Gefühl der Ausweglosigkeit irgendwie besänftigen." Daher nimmt die 29jährige schließlich einen Job in einem Supermarkt an und gerät auf die schiefe Bahn.

Über eine vermeintliche Model-Agentin kommt sie zu einem Job als Sexmodel, lernt dabei ihre Sexualität kennen und verirrt sich nach einigen belanglosen Affären nach Maruyama-cho. Hier trifft sie nach einem Zwischenfall auf die vulgär-flamboyante Mitsuko (Makoto Togashi), die des Nachts Hure ist und tagsüber Semantikprofessorin an einer ehrenwerten Universität. Mitsuko nimmt Izumi unter ihre Fittiche und lehrt sie, sich selbst zu finden.

Was folgt, ist eine Parade von Fleischeslust, die "Guilty of Romance" den Charakter eines Softpornos verleiht. Um ihre eigene Identität zu finden, so Mitsukis Logik, müsse sich Izumi vollständig erniedrigen. Sex mit Fremden auf der Toilette oder mit geilen Geschäftsleuten sei dabei kein Ehebruch, solange sie als Gegenleistung Geld erhält. Umsonst, so die Professor-Hure, darf ihren Körper nur Yukio bekommen.

 

Es ist daher eine Ironie des Schicksals, daß der Gatte sexuell an seiner Frau überhaupt nicht interessiert ist. Hin und wieder darf sie mal seinen Penis anfassen, das ist aber auch schon das höchste der Gefühle. Yukio sei ein so reiner Mensch, gesteht Izumi später, "so rein, daß ich nicht mithalten kann". Ist man also nicht rein, muß man schmutzig sein. Und wer schon schmutzig ist, stört sich nicht daran, daß er noch dreckiger wird.

Derartig hemmungslos lebt auch Mitsuki ihr Leben, die - mit einem Elektra-Komplex ausgestattet - auf ihre Weise ebenso nach Erfüllung strebt wie Izumi. Sie ist auf der Suche nach dem Eingang zum Schloß, sagt sie in Anlehnung an Kafkas unvollendeten Roman, auf der Tonspur von Gustav Mahlers "5. Sinfonie" befeuert. Wie oft sieht man schon zwei sich prostituierende Frauen Franz Kafka interpretieren?

 Ironisch fällt auch eine Szene aus, in der Sono eine Lesung von Yukio begleitet, in der er von einer seiner Figuren schwärmt, "aus dem Käfig befreit, ihre Instinkte auslebend". Im Publikum sitzt derweil Izumi, durch ihren neuen Lebensstil ihr Gefühl der Ausweglosigkeit besänftigend - und dabei nichtsahnend, daß Mitsuki sie allmählich in einen Abgrund zerrt. In gewisser Weise könnte man "Guilty of Romance" folglich als eine Mischung aus "Belle de jour" und "Faust" sehen.

 

Unterdessen sieht sich Yoshida durch den Fall der anonymen Leiche mit ihrem eigenen Doppelleben konfrontiert. Stolze 153 Frauen wurden in den vergangenen sechs Monaten in Tokio als vermißt gemeldet. "Viele weggelaufene Ehefrauen", sagt ihr unerfahrener Kollege Kimura. Es scheint, daß viele japanische Frauen Alternativen zu ihren ausweglosen Alltagsexistenzen suchen. So erklärt sich vermutlich auch, weshalb es kaum eine weibliche Figur in Sonos Film gibt, die keine Affären unterhält.

"Frauen sind rätselhaft", weiß Yoshidas Ehemann, und sie selbst sagt: "Bei Frauen ist nichts unmöglich." Könnte auch sie irgendwann so enden wie jene Frau, die sie in ihren Tagträumen verfolgt und die sich einst wegen ihrer Affären umgebracht hat? Wird auch Yoshida irgendwann in einer verregneten Gasse gefunden werden? Und um wessen Leiche handelt es sich überhaupt: um Mitsukos oder Izumis?

 Ingesamt ist "Guilty of Romance" durchaus dem Pinky-Violence-Genre zuzuordnen und gerät bisweilen auch aufgrund seiner Länge etwas anstrengend. Allerdings wäre die den Kriminalfall aussparende internationale Schnittfassung auf ihre Weise vermutlich noch anstrengender. Zwar nicht ganz so stark und einprägsam wie "Cold Fish" und insbesondere "Love Exposure" vor ihm, ist Sonos "Haß"-Abschluß dennoch eine interessante Seherfahrung.

 

Das Label Al!ve vertreibt die 143minütige Originalfassung statt der gekürzten internationalen Version, deren HD-Bild sich auf der Blu-ray zumeist durchaus sehen lassen kann. Nur bisweilen fällt das Bild in dunklen Innenraumszenen etwas grobkörnig aus. Auch die Tonspur ist zufriedenstellend und liefert klar verständliche Dialoge. Als Extra gibt es ein 50minütiges "Making of", das nur bedingt hinter die Kulissen blickt.

Florian Lieb

Guilty of Romance

ØØØ

Koi no tsumi

Leserbewertung: (bewerten)

J 2011

Al!ve

 

Blu-ray Region B

 

143 Min. + Zusatzmaterial, dt. Fassung oder jap. OF

Features: Making of

 

Regisseur: Sono Sion

Darsteller: Megumi Kagurazaka, Miki Mizuno, Makoto Togashi u. a.

 

 

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Video
The Dead Don´t Die

Scripted Reality

Jim Jarmusch machte zuletzt Vampire zu Rockstars und Busfahrer zu Dichtern. In seinem jüngsten Film "The Dead Don´t Die" finden sich Kleinstadtpolizisten infolge einer Klimakatastrophe plötzlich in der Zombie-Apokalypse wieder. Das Ergebnis ist erwartungsgemäß so skurril wie schrullig und verquickt dabei geschickt klassische Zombie-Tropen mit Meta-Momenten und bissiger Persiflage auf die amerikanische Rechte.  

Video
The Game Changers

Vegane Erektionen

Willst du groß und stark werden, dann mußt du ordentlich Fleisch zu dir nehmen. Diesem Glauben hängen vor allem Männer gern nach - so auch der britische Mixed-Martial-Arts-Kämpfer James Wilks. Zumindest so lange, bis er sich nach einer Verletzung schlau machte und entdeckte, daß viele erfolgreiche Athleten vegane Ernährung bevorzugen, um mehr Leistung bringen zu können. Oscar-Gewinner Louie Psihoyos dokumentiert diese Erkenntnis in seinem Netflix-Film "The Game Changers".  

Video
One Cut of the Dead

Director´s Cut

Mehr als 50 Jahre ist es her, daß George A. Romero in "Night of the Living Dead" Zombies als reanimierte Kannibalen salonfähig machte. Seither treiben die Untoten munter ihr Unwesen, sei es im Schnee ("Dead Snow"), im Zug ("Train to Busan") oder beim Schulball ("Dance of the Dead"). Umso beachtlicher, daß Ueda Shin’ichirō in seiner No-Budget-Komödie "One Cut of the Dead" dem Genre dennoch etwas Originelles abgewinnt.  

Video
Song to Song

Ein Lied, das ihr liebt

Der Tenor nach Terrence Malicks jüngstem Werk fiel aus wie immer: Der Auteur präsentiere stets dasselbe - ähnlich wie die Kritik an seinen Werken, die sich in Witzeleien über gehauchte Erzählstimmen, an Parfümwerbung erinnernde Kameraarbeit und das Frohlocken in den Feldern erschöpft. Sein neuer Film wird ihm kaum neue Anhänger bescheren, liefert Fans aber das, was sie an ihm schätzen.  

Kino
Right Now, Wrong Then

Die Macht der Worte

Kleine Dinge können eine große Wirkung haben. Das veranschaulicht auch Regisseur Hong Sang-soo in seinem jüngsten Film. Der beginnt nach der Hälfte seiner Laufzeit einfach nochmal von vorne - mit einigen Abweichungen, die der Geschichte eine neue Wendung geben. Das Ergebnis daraus: ein vergnüglicher Doppel-Film über den Moment des Augenblicks.  

Kino
Blair Witch

Wie verhext!

Vor 17 Jahren avancierte der sehr preisgünstige Found-Footage-Horror "Blair Witch Project" zum Kassenschlager im Kino. Dennoch folgte auf den Indie-Hit lediglich eine einzige Fortsetzung, die den Erfolg nicht wiederholen konnte. Nun bringt Regisseur Adam Wingard die Kameras und den Schrecken zurück in den Black Hills Forest - und das durchaus überzeugend.