Games_Metal Gear Rising: Revengeance

"I am lightning, the rain transformed"

Als 2001 "Metal Gear Solid: Sons Of Liberty" erschien, war die Überraschung groß. Der altgediente Hauptcharakter Solid Snake war durch einen blonden, androgynen Frischling namens Raiden ersetzt worden. Der junge Mann traf bei der westlichen "Metal Gear"-Fan-Gemeinde auf starke Ablehnung, und so spielte in den nachfolgenden Teilen wieder Snake die Hauptrolle. Mit "Metal Gear Rising: Revengeance" gibt der prominente Spieleentwickler Hideo Kojima dem unbeliebten Charakter nun eine zweite Chance.    15.04.2013

Wollte nicht jeder in der Kindheit irgendwann einmal ein Ninja sein? Die lautlosen Killer mit phantastischen akrobatischen Fähigkeiten, die sich dank jahrelangem Martial-Arts-Training bei bei Bedarf auch in Einmannarmeen verwandeln konnten, eroberten die westliche Phantasie atemberaubend schnell. Jack alias Raiden wurde der Jugendtraum erfüllt, aber nicht auf freiwilliger Basis. Vielmehr war eine seiner Missionen fehlgeschlagen, und die Patriots, eine mächtige Geheimgesellschaft, nahmen ihn gefangen und führten an ihm Experimente durch. Sie ersetzten große Teile seines Körpers durch synthetisches Material und machten ihn so nach und nach zu einem Cyborg. Er entkam der Gefangenschaft, um schließlich der PMC (Private Military Company) "Maverick Security" beizutreten. Sein neuer Körper - in Kombination mit hartem Training - erlaubte es Raiden, als Cyborg-Ninja übermenschliche Leistungen zu erbringen, und so wurde er zu einem gefürchteten Krieger auf dem Schlachtfeld.

Das Spiel beginnt 2018. Raiden arbeitet als Leibwache für einen afrikanischen Premierminister, der sein vom Krieg zerrüttetes Land wieder zu stabilisieren versucht. Doch plötzlich wird die Limousine des Politikers von bis an die Zähne bewaffneten Cyborgs angegriffen. Die Aggressoren gehören der PMC "Desperados" an und erklären, daß sie für Krieg sorgen müssen, da sonst wahre Soldaten keinen Platz mehr in der Welt hätten. Sie töten den Minister und lassen Raiden nach einem kurzen, einseitigen Kampf schwer verletzt zurück. Er kann gerettet werden, bekommt einen verbesserten Körper verpaßt und macht sich auf die Jagd nach den Kriegstreibern.

 

Die "Metal Gear"-Reihe war stets für drei Dinge bekannt: spannendes Stealth-Gameplay, kinoreife Inszenierung und phantastische Boßkämpfe. Zumindest bei den Punkten zwei und drei läßt sich Platinum Games nichts zuschulden kommen. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern ist "Rising" jedoch kein Schleich-, sondern ein Action-Spiel. Während Solid Snake noch jeder Konfrontation aus dem Weg gehen mußte, sucht Raiden den offenen Kampf mit seinen Widersachern.

Als Waffe dient ihm dabei ein sogenanntes High Frequency Blade, also ein Schwert, durch desse Klinge Schwingungen in hoher Frequenz gejagt werden, wodurch man damit beinahe alles zerschneiden kann. Das klingt etwas weit hergeholt, funktioniert in der (Spiel-)Praxis allerdings wirklich wunderbar. Sehr viele Gegenstände in den Levels sind tatsächlich dynamisch zerteilbar. Dieses Feature macht Spaß und läßt sich sogar taktisch einsetzen. So bringt man beispielsweise durch das Umschneiden von Säulen ganze Brücken zum Einsturz, um oben stehenden Gegnern einen Freiflug zu gönnen. Apropos Gegner: Auch die kann man bei ausreichender Energie in mundgerechte Stücke aufteilen. Dies passiert im "Blade Mode", der die gesamte Spielwelt in Zeitlupe versetzt und dem Spieler so genug Zeit läßt, die Schnitte sorgfältig zu plazieren. Wenn man dabei noch die Reparatureinheit eines gegnerischen Cyborgs erwischt, bevor der zu Boden fällt, erhält man eine komplette Auffrischung der Lebensenergie. Diese Funktion (genannt "Zai Datsu") motiviert zum Meistern des "Blade Mode" und sorgt immer wieder für ein angenehmes Erfolgserlebnis, wenn der Schnitt gelingt.

Das Ergebnis einer solchen Metzelei wird sehr explizit dargestellt. Es fließt reichlich Blut in "Metal Gear Rising", und wenn dann ein feindlicher Soldat in 22 Teilen am Boden liegt, ist das sicher kein Anblick für jedermann. Das Spiel nimmt sich des Aspekts "Töten für den guten Zweck" allerdings auf sehr reife Art und Weise an, speziell bei einem Ereignis etwa in der Hälfte der Story. Doch möchte ich hier nicht zu viel verraten.
 

Die Zwischensequenzen sowie die allgemeine Inszenierung des Spiels werden Fans der Serie nicht enttäuschen. Raidens Abenteuer ist von vorn bis hinten ein Feuerwerk an knalligen Effekten, dichter Dramaturgie und optischer Brillanz. Wie man es von "Metal Gear" gewöhnt ist, wird in der Inszenierung immer wieder übertrieben, alles wirkt ein wenig wie eine seltsame Mischung aus japanischer und amerikanischer Popkultur. Doch das ist nun einmal Teil des Charmes der Reihe, für den sicher nicht jeder empfänglich ist. Die Ästhetik leidet darunter nicht sonderlich.

Speziell in den Kampfsequenzen zeigt Raiden, was ein Cyborg-Ninja so alles auf dem Kasten hat. Er vollführt akrobatische Meisterleistungen, schlägt Salti, läuft über Raketen und wütet ganz allgemein unter seinen Feinden, daß es eine wahre Freude ist. Eine Spaßbremse ist dabei allerdings die Steuerung, die eingängiger hätte sein können. Bei der immensen Geschwindigkeit der Kämpfe verliert man teilweise das Gefühl, noch wirklich Kontrolle über Raiden zu haben, und verliert sich in wildem Knöpfehämmern auf gut Glück. Erst nach viel Einarbeitungszeit bekommt man ein Gefühl für die Bewegungen und kann so einen wilden Kampftanz aufs Parkett legen. Dank einem interessanten Block-System und verschiedenen Gegnertypen bleiben die Auseinandersetzungen spannend, und die Boßgegner verlangen dem Spieler viel Können und Geduld ab. Dafür machen sie auch großen Spaß, solange man nicht damit beschäftigt ist, den Schirm anzubrüllen.

"Metal Gear Rising" ist definitiv für all jene geeignet, die gern lange an einem Spiel sitzen, um es schließlich zu meistern. Die höheren Schwierigkeitsgrade werden so manchen in den Wahnsinn treiben. Der Frust gewinnt dabei aber nur selten die Überhand, da "Rising" bei aller Schwierigkeit immer fair bleibt. Fast jeder Tod erfolgt aus nachvollziehbaren Gründen, und die Lernkurve steigt dementsprechend angenehm. Irgendwann will man einfach besser werden. Wer für diese Art der Motivation anfällig ist, sollte definitiv zugreifen. Von der überkandidelten Story und der oft recht schrägen Inszenierung sollte man sich dann aber nicht abschrecken lassen.

Andererseits: Wann bekommt man schon einmal die Gelegenheit, als Cyborg von 1,80 Meter einen 15 Meter hohen Roboter mit einer 20 Meter langen Klinge zu zerteilen? Eben.

 

Philipp Grüll

Metal Gear Rising: Revengeance

ØØØØ

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(Platinum Games)

Erhältlich für: PS3, Xbox 360

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