Kino_Hellboy

Teuflisches Vergnügen

Mit der Verfilmung von Mike Mignolas "Hellboy" liefert Guillermo del Toro eine rundum gelungene Comic-Adaption. Anschnallen und anschauen!    16.09.2004

1944 versuchen die Nazis mit Hilfe des verrückten Grigori Rasputin (Karel Roden), ein Dimensionstor zu öffnen. Professor Trevor "Broom" Bruttenholm (John Hurt) gelingt es mit Hilfe der Alliierten, das diabolische Unterfangen gerade noch zu verhindern. Allerdings entschlüpft dem Portal ein kleines, teufelsähnliches Wesen, um das sich Bruttenholm, der Gründer des Bureau for Paranormal Research and Defense (B.P.R.D), fortan kümmert. Und der böse Rasputin wird kuzerhand vom Portal verschluckt.

60 Jahre später: "Broom" spürt sein nahendes Ende und beruft Agent John Myers (Rupert Evans) in die Abteilung, um den engagierten jungen Mann mit der Beaufsichtigung seines inzwischen erwachsen gewordenen und über zwei Meter großen Mündels Hellboy zu betrauen. Gemeinsam mit der B.P.R.D-Einsatztruppe, der auch der amphibische Abe Sapien (Doug Jones) angehört, soll Myers gegen das übernatürliche Böse kämpfen. Naturgemäß gelang es Rasputins Lieblingsschergen, dem stets in eine Gasmaske gehüllten Kroenen (Darth Vader meets SS) und der flotten Ilsa (Dyanne Thorne und die flotten Nazi-Miezen aus "Return to Castle Wolfenstein" lassen grüßen) nämlich, den verrückten Mönch wieder zum Leben zu erwecken. Grigori möchte prompt das Ende der Welt einläuten, und schon hat die liebenswerte Monster-Squad alle Hände voll zu tun. Fehlt nur noch Hellboys Love-Interest, die Pyromanenbraut Liz (Selma Blair), die mittels eines Erholungsurlaubs in der Nervenheilanstalt versucht, mit sich selbst ins reine zu kommen, statt Seite an Seite mit dem Bureau für Recht und Ordnung zu sorgen. Was jedoch keiner weiß: Hellboy selbst verkörpert den Schlüssel zur Vernichtung der Menschheit. Ob sich seine Erziehung gegen die teuflischen Gene behaupten kann?

 

Kein anderer wäre besser geeignet gewesen, den Schokoriegel mampfenden "Hellboy" zu verkörpern, als Ron Perlman, einer der wohl einprägsamsten Schauspieler Hollywoods. Er durfte schon an der Seite Linda Hamiltons in der Achtziger-TV-Serie " Beauty and the Beast" das Monster mimen, glänzte in der Eco-Verfilmung "Der Name der Rose" als erinnerungswürdiger Krüppel Salvatore, war auch im legendären Trash-Movie "The Ice Pirates" (dt.: "Krieg der Eispiraten") mit von der Partie und spielte in Jeunets pittoreskem "Die Stadt der verlorenen Kinder", bevor er als charismatischer Weirdo typegecastet wurde (z. B. in "Alien Resurrection", "Blade II"). Fast scheint es, als wäre ihm die Figur des Blue-Collar-Superhelden von Mignola/del Toro seit jeher auf den Leib geschrieben gewesen (unvorstellbar, daß sich die Studios über Jahre hinweg gegen die Besetzung gewehrt haben). Auch der Rest der Besetzung, allen voran der große John Hurt, fügt sich mühelos in das imposante Universum ein, das del Toro, seit Jahren bekennender "Hellboy"-Fan, geschaffen hat.

Der Regisseur, den einen durch die Blutsaugervariation "Cronos" oder den gelungenen "The Devils Backbone", den anderen durch den atmosphärischen Monsterstreifen "Mimic" oder das überdrehte "Blade"-Sequel bekannt, lieferte mit "Hellboy" eine mit viel Liebe zum Detail gestaltete Kinoadaption des Mignola-Comics ab. Dabei blieb er trotz einiger kleiner Änderungen dem Geist der Vorlage treu und versuchte nicht, "großes Drama" zu erzeugen, an dem bereits andere - Stichwort "Hulk" - zuvor gescheitert waren. Del Toros Weigerung, große Stars zu verpflichten, ersparte ihm ein Debakel à la "Catwoman"; sein Talent für den Einsatz von SFX sorgt dafür, daß die zahlreichen Effekte - davon erstaunlich wenig CGI - stets im Dienste der Story stehen, anstatt in eine zweite "Liga der außergewöhnlichen Gentlemen" auszuarten. Dank der eingespielten Zusammenarbeit mit Kameramann Guillermo Navarro werden Comic-Kenner mit Sicherheit die in einigen Einstellungen zu findende typische Mignola-Bildgestaltung wiederentdecken.

Lediglich das Drehbuch kränkelt. Trotz gelungener Charakterzeichnung gelingt es del Toro nicht, die Freak-Problematik konsequent durchzuziehen. Obwohl die Story deshalb recht flachbrüstig daherkommt, werden Freunde des Abstrusen Kleinigkeiten wie den Speer des Longinus, die Anspielungen auf die Thule-Gesellschaft oder die immer wieder amüsante Figur des Rasputin garantiert zu schätzen wissen. Schade, daß sich ein Großteil der humorvollen Story aus Wiederholungen desselben Action-Musters zusammensetzt (die Höllenhunde Samael geben für fortlaufende Unterhaltung einfach nicht genug her), weshalb man nach klar definierten Höhe- oder Tiefpunkten vergeblich sucht. Eine emotionale Verbindung zum Zuschauer wird nur selten erreicht, und so bleibt man die meiste Zeit am Rand, statt wie beispielsweise in "X-Men 2" mittendrin zu sitzen. Angesichts des Spektakels, das del Toro zu bieten hat, kann man dieses Manko jedoch getrost in Kauf nehmen. Was der Mann mit knapp 60 Millionen Dollar Budget auf die Leinwand gezaubert hat, ist wirklich erstaunlich.

Mit "Hellboy" gelang Mexiko-Export Guillermo del Toro zwar nicht der erhoffte Genre-Geniestreich, doch sehenswert - und dank Marco Beltramis gelungenem Score auch hörenswert - ist die zweistündige Pulpstory auf jeden Fall! Und wenn das für 2006 anvisierte Sequel mit einer abwechslungsreicheren Geschichte aufwarten kann, wird alles gut.

Jürgen Fichtinger

Hellboy

Unterschiede zwischen Film und Comic


Obwohl Mike Mignola Guillermo del Toro angeboten hatte, "seinen eigenen Hellboy" zu kreieren, bestand das charismatische Regie-Schwergewicht auf einer "gemeinsamen Version", und so kam es zu einer engen Zusammenarbeit. Mignola war mit dem Ergebnis sogar so zufrieden, daß er sich wünschte, manche der von del Toro ersonnenen Details in seine Comics einfließen zu lassen.

Im Drehbuch des Mexikaners finden sich zahlreiche Story-Elemente aus dem Mignola-Universum wieder. Das Schwergewicht lag dabei auf den ersten beiden "Hellboy"-Bänden. Die größten Freiheiten del Toros bestanden darin, aus dem im Comic als Wissenschaftler dargestellten Kroenen einen klingenschwingenden Assasinen zu basteln, Abe Sapien telepathische Fähigkeiten zu verpassen und eine Liebesgeschichte zwischen Hellboy und Liz ins Rollen zu bringen. Agent Myers kommt in den Comics nicht vor.

 

Hellboy

Das offizielle Magazin zum Film


Cross Cult (D 2004)

 

Wer sich genauer über die Hintergründe der Verfilmung informieren möchte, dem sei das offizielle Magazin zum Film ans Herz gelegt.

Dabei handelt es sich nicht um ein üppig bebildertes Promoheft, in dem ein paar nette Sätze vom Schlage "Alles war so wunderbar, und sowas haben Sie noch nie gesehen" eingestreut wurden. Stattdessen gibt es ausführliche Interviews mit Cast und Crew sowie informative Artikel über die Entstehung und die Filmemacher.

 

Links:

Mike Mignola: Hellboy - der Comic


Am Anfang war das Bild. Lesen Sie die ausführliche EVOLVER-Story zur Comic-Vorlage!

 

Links:

Marco Beltrami - Hellboy OST


Mit der musikalischen Untermalung zu "Hellboy" schuf Marco Beltrami seinen bisher abwechslungsreichsten Score. Lesen Sie dazu die ausführlichen Rezension im EVOLVER!

 

Links:

Interview Guillermo del Toro

(Update 10/08)


"Fat, catholic and repressed"

 

With the gigantic "Hellboy II: The Golden Army" in his pocket, Guillermo del Toro is ready for his biggest challenge so far: the two-part "Lord Of The Rings" prequel called "The Hobbit". Read how EVOLVER met one of its favourite directors ever - for an exclusive interview.

Links:

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