Kino_Hotel

Imaginärer Horror

Style over Substance: Selten war diese Feststellung angebrachter als bei Jessica Hausners Psychothriller, der so manches hat, nur eben keinen psychologischen Thrill.    31.03.2005

Daß der österreichische Film in der Krise steckt (sieht man vom einsamen Lichtblick "Silentium" einmal ab) und Durchschnittlichkeit zu Devise und Richtmaß heimischer Filmschaffender geworden sind, ist keine besonders gewagte Diagnose. Um zu ihr zu gelangen, bedarf es keiner besonderen analytischen Fähigkeiten, ein Blick zur jährlich stattfindenden Status-Quo-Beweihräucherungsveranstaltung Diagonale reicht allemal. Der Abräumer des heurigen Festivals war Jessica Hausners "Hotel", der gleich zwei Hauptpreise einfahren durfte. Wer den Film, ein Musterexemplar bemühten filmischen Mittelmaßes, gesehen hat, möchte lieber nicht wissen, wie schlecht die Konkurrenz gewesen sein muß - angesichts von Kandidaten wie "Küss mich Prinzessin" oder "C(r)ook" kann man sich das ohnehin in den schlimmsten Farben ausmalen.

Dabei nimmt sich zumindest die Prämisse von "Hotel" durchwegs interessant aus: Weg vom in Österreich zu so zweifelhafter Berühmtheit gelangten Genre des Sozialpornos (zu dem Hausner mit dem desaströsen "Lovely Rita" auch ihr unrühmliches Scherflein beigetragen hat), hin zu den fremden, unerforschten Gefilden des Psycho- und Horrorthrillers.

 

Zur Handlung: In einem entlegenen Waldhotel im Niemandsland der österreichischen Alpen beginnt eine junge Frau (Franziska Weisz) ihre Anstellung als Rezeptionistin. Ihre Vorgängerin war von einem Tag auf den nächsten spurlos verschwunden und schon bald muß auch sie erkennen, daß in dem Hotel irgendetwas nicht stimmt. Was ist das für ein merkwürdiges undefinierbares Dröhnen, das sie verfolgt? Warum verschwinden Gegenstände? Warum verhalten sich ihre Kollegen so abweisend und kalt? Was hat es mit der Sage von der mythenumrankten Waldfrau auf sich, die im Wald spuken soll, seit sie einst am Scheiterhaufen verbrannt wurde?

Keine Angst, keine dieser Fragen wird auch nur annähernd beantwortet oder auch nur tiefergehend behandelt. Denn obwohl sich Hausner ausgiebigst bei Schockmeistern wie Kubrick (augenscheinlich: die "Shining"-Verweise), Lynch oder auch japanischen Meistern wie Kiyoshi Kurosawa bedient, fehlt ihr für den Aufbau von Spannung oder Tiefe ganz einfach und merklich das Talent. Nach etwas mehr als einer Stunde ist der Spuk, der keiner ist und auch keiner sein will, deswegen auch schon wieder vorbei. Bis dahin ist der Film keine Minute in Fahrt gekommen. Aber dafür hätte es ja zumindest eine einzige eigene Idee gebraucht.

Was haften bleibt, sind die teils großartigen, alptraumwandlerischen Bilder von Kameramann Martin Gschlacht, die für diese Stilübung fast fahrlässig verschwendet wurden. Man möchte sich gar nicht vorstellen, was man mit einem weniger substanzlosen Script daraus machen hätte können. "Hotel" ist Meta-Horror von und für Menschen, die sich offensichtlich für zu schlau für konventionellen Horror halten. Genau so verkopft und langweilig wie sich das anhört, ist es auch.

Christoph Prenner

Hotel

ØØ


Ö 2004

74 Min.

dt. OF

Regie: Jessica Hausner

Darsteller: Franziska Weisz, Birgit Minichmayr, Marlene Streeruwitz u. a.

 

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