Kino_The Philosophers

Diskutier oder stirb

Man stelle sich vor, der nukleare Holocaust droht - und im rettenden Bunker gibt es für ein Jahr lang Luft und Lebensmittel für 10 Personen. Das Problem ist nur, daß man einer Gruppe von 20 Leuten angehört. Wer darf rein und wer muß sterben? Mit dieser Frage befassen sich die Figuren in "The Philosophers".    17.09.2013

Als der französische Essayist Michel de Montaigne im 16. Jahrhundert sagte "Philosophieren heißt sterben lernen" hat er dies vermutlich nicht so gemeint wie Regisseur John Huddles in "The Philosophers". In dem Film läßt er nämlich 20 Jugendliche einer internationalen Schule in Jakarta am letzten Tag vor ihrem Schulabschluß im Philosophieunterricht debattieren, welche zehn von ihnen einen nuklearen Holocaust überleben dürfen.

Ihr Lehrer Mr. Zimit (James D´Arcy) gibt jedem von ihnen einen fiktiven Beruf sowie eine zusätzliche Eigenschaft, vom schwulen Bio-Bauerm über den impotenten Zimmermann bis hin zum genetisch makellosen Chemiker. Nun müssen die Teenager entscheiden, in welcher Konstellation die mögliche Wiederbevölkerung der Erde am besten gewährleistet wäre.

 

Während manche Schülerin nun ob eines derartig makabren Gedankenexperiments die Nase rümpft, steht für andere wie den durchschnittlichen James (Rhys Wakefield) die Abschlußnote auf dem Spiel. Da ist es schon recht hilfreich, daß er mit der Klassenbesten Petra (Sophie Lowe) liiert ist, die ihrem Liebsten ein ums andere Mal zur Seite steht.

Um etwas mehr Würze in das Experiment zu bringen, beteiligt sich Mr. Zimit selbst als sogenannte "Wild Card" ebenfalls daran. Seine provokant-radikalen Entscheidungen bringen die Jugendlichen immer wieder an ihre Grenzen - wenn auch nur auf der fiktiven Ebene, in der Huddles dem Gedankenexperiment Bilder verleiht.

Immer wieder wandert die Kamera also vom Klassenzimmer hinüber in exotische Gegenden wie eine Tempelruine oder eine tropische Insel, wo ein Bunker mit Sauerstoff und Lebensmitteln auf die einjährige Quarantäne für die zehn auserwählten Überlebenden wartet. Sein Interesse generiert "The Philosophers" nun durch jenes Gedankenexperiment.

Insofern ist der Zuschauer ein stimmloser Beobachter, dessen Entscheidungen nur bei sich selbst Gehör finden. Wen würde man selbst in den Bunker lassen? Und warum wundert sich die zur Mode-Bloggerin geloste Mitschülerin darüber, daß für sie kein Platz ist? Doch Mr. Zimit sorgt immer wieder dafür, daß alles weniger einfach ist als gedacht.

 

So sehen sich im zweiten Durchgang plötzlich einige Überlebende zum Tode verdammt, weil eine Information zutage gefördert wird, die ihre "berufliche" Qualität irrelevant erscheinen läßt. Insbesondere Petra realisiert allerdings mit der Zeit, daß Mr. Zimit ganz andere Pläne verfolgt, als es zuerst den Anschein hat. Und da beginnt der Film zu straucheln.

Gerade der dritte Akt, in dem die Star-Schülerin das Kommando an sich reißt, hadert mit mehr als einem Logikfehler. Die Prämisse des Films wird über Bord geworfen, um ihn auf eine für die Figuren persönlichere Ebene zu hieven. Und schon zuvor hielt er sich zumeist damit auf, uns Dinge zu zeigen, für die man als Zuschauer keine Ausbuchstabierung gebraucht hätte.

Im Klassenzimmer selbst wird nicht das ganze eine Jahr im Bunker durchgespielt; wieso man es dann uns zeigt, bleibt offen. Interessanter wäre es gewesen, sich derlei zu ersparen und zumindest einen weiteren, ernst gespielten Durchgang zu integrieren. Oder die Entscheidungen in den übrigen Durchgängen ausgiebiger durchzudiskutieren.

Entsprechend interessiert sich "The Philosophers" mit fortschreitender Laufzeit selbst immer weniger für die eigene Grundidee, was angesichts seines schicken Looks und der zwar nicht auftrumpfenden, aber ansehnlichen Jungschauspieler um Bonnie Wright ("Harry Potter 1-8") oder Daryl Sabara ("Spy Kids 1-4") schade ist.

 

Grundsätzlich ist "The Philosophers" aber ein durchaus netter Film über philosophische Fragen und Gedankenexperimente, von denen die Klasse zu Beginn auch einige der bekannteren Beispiele wie das Infinite-Monkey-Theorem oder das Trolley-Problem rezitieren darf, um dem Publikum eine Idee davon zu geben, was es in den folgenden 90 Minuten erwartet.

Dumm nur, daß - wie angesprochen - der Schlußakt dem Ganzen etwas den Wind aus den Segeln nimmt und in seiner Auflösung reichlich banal wirkt, selbst wenn die Einführung für das Gedankenexperiment durchaus glaubwürdig war. Über weite Strecken bringt einen Huddles aber zum unterhaltsamen Mitdenken. Und was kann man von einem Film schon mehr erwarten?

Florian Lieb

The Philosophers

ØØØ

Leserbewertung: (bewerten)

USA/Indonesien 2013

100 Min.

 

Regie: John Huddles

Darsteller: Sophie Lowe, James D´Arcy, Rhys Wakefield u. a.

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