Kino_Viennale 2011/Journal II

Die Geister, die sie riefen

Zwei beachtliche Regiedebüts stehen im Mittelpunkt des zweiten Teils unserer Viennale-Berichterstattung: "Margin Call" und "Martha Marcy May Marlene" erzählen dabei auf sehr unterschiedliche Weise von der Schwierigkeit, Gewohnheiten hinter sich zu lassen.    31.10.2011

Zeitenwenden und Umbrüche. Die alte Welt steht nicht mehr, oder zumindest nicht mehr lang. Die neue ist noch nicht hinreichend ausformuliert. Sich in dieser Grauzone zu orientieren, kann zu ernsthaften Gleichgewichtsstörungen führen. Wohl dem, der sich zuerst wieder zurechtfindet.

Der US-Wirtschaftsthriller Margin Call verhandelt – wie auch der deutsche Verleihtitel Der große Crash nahe legt – eine Börsenkrise. Genauer gesagt die bislang (vor)letzte unter vielen, jene des Jahres 2008, noch genauer: die letzten Momente vor dem Ausbruch. In Zeit und Ort nachgerade kammerspielartig beschränkt auf 24 Stunden im Gebäude einer Investmentbank, beschreibt Regiedebütant JC Chandor, wie es mit einem Verdacht beginnt.

Ein kleines Rädchen im großen Geldverschiebwagen (gespielt von Neo-"Mr. Spock" Zachary Quinto, der auch produziert) meint, daß die Produkte, mit denen man hier handelt, eigentlich viel weniger wert seien als man vermutet. Es folgen unzählige panische Konferenzen auf zuerst niedrigen, dann immer höheren Hierarchieebenen, während eine Verkaufslawine von sogenannten "toxic papers" losgetreten wird, die die Weltwirtschaft letztendlich in ihren Grundfesten erschüttern soll.

Man muß sich "Margin Call" im Grunde als Katastrophenfilm vorstellen – allerdings als keinen, in dem mit großem Feuerwerk gegen Mutanten, Meteoriten oder Flutwellen angekämpft wird, sondern in dem in erster Linie via unzähliger Unterredungen ein Ausweg aus dem unvermeidbar bevorstehenden Zusammenbruch gesucht wird. Wobei der Meteorit hier aber auch gar nicht unbedingt zerstört werden soll, sondern - blanker casinokapitalistischer Logik folgend - bloß die anderen treffen; all jene, die ihn noch gar nicht am Horizont auftauchen sehen.

Daß die dialogzentrierte Umsetzung dieses "Inside Job" im Spielfilmformat so überaus zu fesseln vermag, ist nicht zuletzt auf das Mitwirken von schauspielerischen Schwergewichten wie Kevin Spacey, Jeremy Irons oder Stanley Tucci zurückzuführen. Sie geben ihren Figuren genügend Gravitas, um sie nicht als Gordon-Geckoeske Karikaturkapitalisten erscheinen zu lassen, sondern als schlichtweg charakter- und moralbefreite Player in einem sich längst von jeder Vernunft losgelöst habenden System, die aus den unterschiedlichsten Beweggründen (zuvorderst: sehr, sehr viel Geld) das tun, was sie tun. Auch wenn sie eigentlich alle wissen, daß ihre alte Welt längst untergegangen ist – wenigstens billig verscherbeln lassen sich die Bruchstücke ja trotzdem noch.

 

Ebenfalls einem so selbstschädigenden wie schwer entrinnbaren System verhaftet ist die Titelheldin von Martha Marcy May Marlene. Die von Elizabeth Olsen (der deutlich begabteren jungen Schwester der berüchtigten Olsen Twins) mit leiser emotionaler Eindringlichkeit verkörperte junge Frau ist soeben einer Sekte entflohen – einer Manson-Family-ähnlichen Aussteigerkommune, in der sich der charismatische Führer (intensiv wie immer: John Hawkes) seine Anhängerinnen mit Drogen gefügig zu machen pflegt, und die bei Hauseinbrüchen zur Aufbringung finanzieller Mittel auch vor drastischen Gewaltmaßnahmen nicht zurückschreckt.

Doch der Schritt nach vor (bzw. zurück) in die wieder neu zu entdeckende Normalität will der Aussteigerin auch nicht so recht gelingen: Die perfekte Spießbürgeridylle, die der Heimgekehrten von ihrer Schwester und deren Mann geboten wird, ist mit Marthas inzwischen radikal veränderten Lebenseinstellung nur noch schwer kompatibel. Als sich bei ihr dann auch noch nach und nach Paranoia und Verfolgungsangst einschleichen (ist der nette Barkeeper bei der Dinnerparty nicht doch ein Sektentyp, der sie beseitigen oder zurückholen möchte?), scheint ihr fragiles psychisches Gleichgewicht endgültig zu kippen.

Sean Durkin, ebenfalls ein Regiedebütant, switcht mit der gern zitierten traumwandlerischen Leichtigkeit zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her. Da die Hauptfigur optisch stets ident aussieht, läßt sich oft erst nach einer gewissen Zeit erkennen, ob das Gezeigte grade in der Kommunenzeit oder schon danach stattfindet. Das solcherart entwickelte, sich ständig steigernde Unruhepotential läßt "Martha Marcy May Marlene" seinen subtil schleichenden Schrecken beinahe beiläufig entfalten. Das allzu offene Ende mag manchen vielleicht enttäuschen, ist aber nur konsequent: So ganz kann man sich nie sicher sein, daß einem nicht doch noch die Fratze der alten Welt im Rückspiegel entgegenstarrt. Man hatte sie schließlich über all die Jahre nur zu sehr lieben und schätzen gelernt.

Christoph Prenner

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