Print_Frank Miller - Sin City #2: Eine Braut, für die man mordet

Die Rechnung ohne die Braut

Dreckig, fies und extra hartgekocht offenbart sich auch Band zwei des Millerschen Noir-Epos. So schön kann Sünde sein ...
   09.08.2005

Während das deutschsprachige Publikum sich noch ein paar Tage gedulden muß, bis es endlich die Robert-Rodriguez-Verfilmung der legendären Geschichten rund um Frank Millers ganz persönlichen Sündenpfuhl sehen darf, hat der deutsche Cross-Cult-Verlag nach der Graphic Novel "Stadt ohne Gnade" ("The Hard Goodbye") auch den Folgeband "Eine Braut, für die man mordet" als edle Hardcover-Ausgabe herausgebracht.

 

"Es gibt ein Wort für jemanden wie mich, aber das nimmt niemand in den Mund. Niemand will die Wahrheit sehen. Denn sonst würde man Menschen wie mich umbringen, sobald wir uns zu erkennen geben.

Aber nein. Sie verschliessen die Augen und lamentieren von Psychologie und erzählen, niemand sei von Grund auf böse. Deshalb habe ich gewonnen. Deshalb gewinne ich immer!"

 

Die Handlung findet ungefähr zur selben Zeit wie Marvs Rachefeldzug für Goldie statt. Diesmal dreht sich alles um den Schnüffler Dwight, der nach einem etwas aus dem Ruder gelaufenen Auftrag von seiner alten Liebe Ava heimgesucht wird. Bildschön wie die Sünde drängt sich die Femme fatale zurück in sein Leben, doch Dwight bleibt standhaft - bis er mitansehen muß wie sie von einem schwarzen Hünen abgeführt wird. Zurück zu ihrem schwerreichen und einflußreichen Mann, der kein Faible für nostalgische Techtelmechtel zu haben scheint. Bevor er sich versieht, hat sich Dwight bereits an ihre Fersen geheftet, wird fachgerecht verprügelt und erfährt schließlich, daß die arme Maid gar furchtbar gequält wird.

Und weil ein Mann bekanntlich tun muß, was ein Mann tun muß, holt sich Dwight kurzerhand seinen alten Kumpel Marv als Verstärkung um reinen Tisch zu machen. Zu dumm, daß ihm Ava ein kleines Detail verschwiegen hat ...

 

Millers Geschichte offenbart sich wie schon ihr Vorgänger als wahre Lesefreude. Hier spürt man den Geist Mickey Spillanes & Co. förmlich aus jedem Panel triefen. Seine Helden gleichen - in Sin-City-Maßstäben gesprochen - edlen, aber zum Scheitern verurteilten Rittern, die in einer von Korruption, nicht einmal vorhandener Scheinmoral und menschlichem Unrat durchzogenen Stadt versuchen, für ein klein wenig Gerechtigkeit zu kämpfen. Daß sie sich nur all zu oft in feinsten Noir-Plots wiederfinden und letztlich in verschiedenen Variationen an der Nase herumgeführt werden, um dann wie Marv im ersten Band als Schlachtvieh zu enden, trübt die von Miller in großartigen s/w-Bildern eingefangene und bewußt überzeichnete Lektüre keineswegs. Weil das Gute meist eh nur im Kino gewinnt, wie man weiß. Auch in "Eine Braut, für die man mordet" steigt der Autor/Zeichner wieder in seine verkommene Welt hinab, die Dashiell Hammet oder Raymond Chandler mit Sicherheit das Fürchten gelehrt und Jim Thompson ein Grinsen entlockt hätte. Miller läßt uns Dwight auf seinem Abenteuer begleiten und führt uns erneut quer durch den Abfall der High-Society in die Altstadt, wo die leichten Mädchen dieses wunderschönen Babylon das Sagen haben und nach ihren eigenen Regeln leben. Wo sich die Cops nicht blicken lassen, herrscht Gerechtigkeit frei nach dem alten Testament.

Und auch wenn am - an Spillanes "Vengeance Is Mine" erinnernden - Ende von "A Dame to Kill For" wieder einmal gar nichts gut ist, und der Held den einen oder anderen Tod erleiden mußte, wurde doch ein Unrecht gesühnt und ein klein wenig Licht in die Millersche Düsternis gebracht.

Fazit: Unbedingt lesenswert, wenngleich nichts für literarische Warmduscher. Aber die lesen ohnehin keine Comics ...

 

"Ich war ein Narr. Ich dachte, da draußen gibt es eine besssere Welt. Ich dachte ich könnte ein Teil von ihr sein. Ich habe mich geirrt. In beidem."

 

PS: Im Jänner beginnen übrigens die Dreharbeiten zum zweiten

"Sin City"-Film, der laut Gerüchteküche auf dem vorliegenden Abenteuer Dwights basieren soll.

Jürgen Fichtinger

Frank Miller - Sin City #2: Eine Braut, für die man mordet

ØØØØØ

(A Dame to Kill For)


Cross Cult (D 2005)

 

Links:

Hardboiled im EVOLVER


Wer Gewalt sät ...

 

Freunden des gepflegten Bauchschusses ist dieser Mann schon die längste Zeit ein Begriff: Mickey Spillane, Schöpfer der legendären Private-Eye-Ikone Mike Hammer. Aber kennen Sie eigentlich auch Mikes "kleinen Bruder" Tiger Mann? Jürgen Fichtinger stellt einen Geheimagenten vor, neben dem James Bond wirkt wie ein Mitglied von "SOS Mitmensch".

 

Kurz, aber heftig

"Harte Zeiten brauchen harte Bücher." Unter diesem Motto wurde 1999 die anspruchsvolle Krimireihe "DuMont Noir" gestartet. Scheinbar waren die Zeiten nicht hart genug - denn ein Jahr später war alles schon wieder vorbei. Jürgen Fichtinger und Peter Hiess interviewten den Herausgeber (und EVOLVER-Autor) Martin Compart über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der deutschen sowie der internationalen Krimilandschaft.

 

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