Im Namen der Wissenschaft

1972 wurde an der Universität Stanford ein psychologisches Experiment durchgeführt: In einer simulierten Gefängnissituation sollte erforscht werden, wie sich die Individuen (Wächter-Häftlinge) zueinander verhalten würden. Nach sechs Tagen mußte der Versuch abgebrochen werden, weil die Situation dramatisch außer Kontrolle geriet. Auf diese Fakten stützt sich der Roman "Das Experiment Black Box" von Mario Giordano.

In seinem Vorspann zitiert Giordano ein ähnliches Experiment (u. a. bekannt als das "Experiment Abraham"): Der 37jährige Bruno Batta fragt den "Wissenschafter": "Und wie geht´s jetzt weiter, Professor?" nachdem er einer Versuchsperson den höchstmöglichen Elektroschock verabreicht hatte und das Opfer sich nicht mehr rührte. Selbstverständlich war diese Situation fingiert, was die Versuchspersonen, die am "Drücker" saßen, jedoch nicht wußten. Ihre Obrigkeitshörigkeit ging über Leichen.

Im vorliegenden Roman greift der Autor dieselben Strukturen auf. Dr. Thon ist ein karrieregeiler Wissenschafter. Das Gehirn ist für ihn eine "Black Box", in die die Wissenschaft zu seinem Ärger nicht hineinblicken kann. Durch "Störungen" des Systems erhofft er sich aber "Aufschlüsse". Simpler formuliert: Er arbeitet an der ultimativen Form der Gehirnwäsche. Und nicht ganz zufällig ist das Militär an dem Experiment, das er ausarbeitet, extrem interessiert.

Thon inseriert in Zeitungen und sucht nach Versuchspersonen (in der Folge salopp VPs genannt). Eine Gruppe von "normalen" Männern wird aus den zahlreichen Bewerbern - die Aufwandsentschädigung für 14 Tage ist nicht unbeträchtlich - ausgewählt. Der Zufallsgenerator erstellt zwei Gruppen: Wärter und Häftlinge. In einem künstlich in den Kellerräumen des Uni-Instituts für Psychologie eingerichteten Gefängnis beginnt das Horrorstück. Bereits nach zwei Tagen hat sich die Situation verselbständigt. Die "Häftlinge" sind entpersonalisiert und werden nur noch mit Nummern angesprochen, die "Wärter" tragen Uniformen, Spiegelbrillen und Schlagstöcke. Sie sind mit einer Ausnahme vom ersten Moment gewaltbereit und mißbrauchen ihre "Macht" - was ganz klar dem Inhalt der Verträge, die mit den VPs abgeschlossen wurden, widerspricht. Die ganze perverse Situation wird von Thons Studenten per Monitor überwacht - und außer seiner Assistentin, der heftige Zweifel an dem Experiment kommen, hat niemand Einwände.

Die "Häftlinge" werden gedemütigt und gequält. Für "schwere Vergehen" setzt es Einzelhaft in einer engen, vollkommen lichtlosen, schalltoten Zelle. Für Nummer 77, den Photojournalisten Tarek, ist aber genau das der Horror, den George Orwell so unvergleichlich in "1984" mit der Panik vor den Ratten beschrieben hat. Und er muß ihn durchstehen. Die Situation eskaliert schließlich, als Tarek versucht, mit Hilfe eines "Wärters" einen Kassiber nach draußen zu schmuggeln, um die Medien auf dieses menschenunwürdige Experiment anzusetzen. Der Herr Doktor ist verreist, um auf einem Symposion mit den ersten Daten seines Geisteskindes anzugeben und sich nebenbei mit einer Studentin zu vergnügen. Da Thon unerreichbar bleibt und sich die Lage dramatisch zuspitzt, will die Assistentin die ganze Sache abbrechen. Und damit geht der wahre Wahnsinn erst richtig los...

Die Rundumhandlung um "Black Box" wäre eigentlich gar nicht notwendig gewesen; der Kern des Plots ist völlig ausreichend. Stellt man allerdings in Rechnung, daß der Roman verfilmt wurde, erklärt sich der Bedarf an möglichst vielen und dichten Bildern.

"Das Experiment Black Box" schildert eindringlich, beängstigend und erschreckend realistisch, was passiert, wenn der wildgewordene Kleinbürger, der im eigenen Leben eine dämliche Null ist, die immer auf der Verliererseite steht, an einem Zipfel der Macht beteiligt wird - und welche Argumente die Wissenschaft bereithält, um alles, was machbar ist, zu legitimieren. Im Grunde ist es ein Buch über Strukturen des Faschismus, das aber ohne Zeigefinger, sondern stattdessen mit einer spannenden Handlung daherkommt. Und vielleicht fördert genau das politisches Denken mehr als die "richtige" Ideologie an der falschen Stelle...

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Über den Autor:
Mario Giordano wurde 1963 in München geboren. Er studierte Psychologie und Philosophie in Düsseldorf. 1992 begann er zu schreiben, anfangs Kinder- und Jugendbücher, später auch Literatur für Erwachsene. Er ist außerdem als Drehbuchautor für Kino und Fernsehen tätig. Seit 1994 lebt er in Hamburg. "Das Experiment Black Box" wurde mit dem bayrischen Filmpreis 2001 ausgezeichnet.