Stories_M. Night Shyamalan Revisited, Pt. 1

Believe it or ... not!

Ein Wunderkind unter Druck: Nach zwei veritablen Mißerfolgen und einem unschönen Arbeitgeberwechsel steht "Sixth Sense"-Schöpfer M. Night Shyamalan mit dem Rücken zur Wand. Dietmar Wohlfart blickt zurück - und sieht den angeschlagenen Exzentriker am Scheideweg: Ob "The Happening" auch tatsächlich eines wird?    02.05.2008

Ein feinsinnig konstruiertes Edel-Mystery-Drama regierte den Spätsommer des Jahres 1999. Woche um Woche hielt sich "The Sixth Sense" an der Spitze der amerikanischen Kino-Charts. Offenbar wollte sich ein perplexes Publikum ein ums andere Mal von einem melancholischen Knaben und dessen unheimlicher Gabe gefangennehmen und verführen lassen. Das geheimnisvolle, clevere Filmjuwel mit seinem verstörend-faszinierenden Donnerschlagfinale mußte auf Herz und Nieren getestet werden. Schließlich konnte der Streifen wohl kaum einer zweiten, wenn nicht gar dritten Sichtung standhalten. Doch genau das tat die ausgefallen zurückgenommen inszenierte Geistergeschichte, deren eigentlicher Protagonist trotz kindlichen Alters Erstaunliches zu leisten vermochte. Die positive Mundpropaganda verhalf dem für Hollywood-Verhältnisse moderat budgetierten Underdog aus dem Hause Disney zu konstant hohen Einspielergebnissen - und auch die Kritiker schlugen sich geschlossen auf seine Seite.

Der unerwartete Siegeszug ging auf das Konto des Drehbuchautors und Regisseurs M. Night Shyamalan. "The Sixth Sense", der an Shyamalans 29. Geburtstag Premiere feierte, ließ ihn zum neuen Star am Regiefirmament aufsteigen. Prompt stellte manch einer übertriebene Vergleiche mit "Nights" erklärten Vorbildern - den Regietitanen Spielberg und Hitchcock - an. Immerhin vermochte der Senkrechtstarter seinen glänzenden Ruf mit den beiden Nachfolgern "Unbreakable" (2000) und "Signs" (2002) souverän zu festigen, wobei letzterer trotz abfallender Qualitätskurve sogar mit den astronomischen Box-Office-Resultaten des Debüts konkurrieren konnte. Später sollte die schimmernde Patina des jungen Hoffnungsträgers jedoch ihren Glanz einbüßen: Nach der gemischten Rezeption von "The Village" (2004) und Shyamalans gänzlich abgelehntem "Lady In The Water" (2006) nahm die Negativpresse überhand. Der Wunderknabe zog das Feuer seiner Fans und des Studios auf sich.

 

Stilvolle Konsolidierung

 

Gerade einmal zwei Regiearbeiten, deren gemeinsamer Etat sich im einstelligen Dollarmillionenbereich bewegte, gingen auf Shyamalans Konto, bevor er mit "The Sixth Sense" einen modernen Klassiker schuf. Sechs Oscar-Nominierungen und mehr als 290 Millionen Dollar US-Einnahmen später kam im November 2000 seine zweite Disney-Arbeit in die US-Kinos.

Im nachhinein läßt bereits "Unbreakable" eine Prioritätenverschiebung im Schaffen des Regisseurs erkennen. Der Vorgänger hatte sein unwiderstehliches Geheimnis ausgefeilt kunstvoll und ausgeklügelt entfaltet; "Unbreakable" fiel da schon wesentlich schicksalslastiger aus: Comic-Fan Shyamalan widmete sich in dem Film der Geburt eines Superhelden. Der Security-Mann David Dunn (Bruce Willis) überlebt ein für alle Insassen außer ihm selbst fatales Zugunglück auf phantastische Weise unverletzt. Das Wunder wirft elementare Fragen auf: Wann hat sich David zuletzt krank gemeldet? Hat er sich überhaupt je zuvor körperliche Verletzungen zugezogen?

Shyamalan zeigt den Verpuppungsprozeß des melancholischen Jedermanns in ästhetischen Bildkompositionen, erzählt seine Geschichte mit außerordentlicher Langsamkeit und bleibt dabei trotzdem den alten Gesetzmäßigkeiten des Superhelden-Kosmos treu. Eindrucksvoll stellt er sich somit als stilvoller Erneuerer und Bewahrer mythischer Comic-Erzählwelten vor. Tim Kring sollte Jahre später aus einer ähnlichen Rezeptur seine quotenstarke TV-Superheldentruppe "Heroes" formen.

 

Mit "Unbreakable" zwingt der Regisseur sein Publikum, einen Schritt auf ihn zuzugehen. Im Vorteil sind jene, die ein gewisses Grundverständnis für die amerikanische Comic-Mythologie aufbringen. Vom überwiegenden Rest der Zuseher verlangt Shyamalan viel guten Willen. Künstlerisch konnte sich Shyamalan damit konsolidieren, wenngleich der kommerzielle Erfolg im Falle von "Unbreakable" überschaubar blieb. Fast unbemerkt hatte sich der narrative Fokus des Überraschungsspezialisten jedoch verlagert: In Zukunft sollte er von seiner Gefolgschaft bedeutend größere Vertrauensbeweise einfordern.

 

Zeichen und Wunder

 

Mit "Signs" setzte der indischstämmige Autor/Regisseur in mehrerer Hinsicht Zeichen. Zum einen erwies sich die Kooperation mit Australiens Exportschlager Mel Gibson als enorm gewinnträchtig - der sinistre Kornkreis-Thriller schwemmte ein Vermögen in die Kassen Disneys. Gleichzeitig frönte der junge Star-Regisseur seinem Hang zum Fatalismus und zur Symbolik und verließ langsam die Pfade der bisher praktizierten, ausgetüftelt-strukturierten Narration.

"Signs" erzählt die Geschichte des ehemaligen Pastors Graham Hess (Gibson), der nach dem Unfalltod seiner Frau vom Glauben abgefallen ist und seither zusammen mit seinen Kindern und dem jüngeren Bruder Merill (Joaquin Phoenix) zurückgezogen auf einer Farm lebt. Erst die Invasion feindlich gesinnter Aliens zwingt Hess, seine Beziehung zu Gott und seinen Glauben im allgemeinen neu zu bewerten.

Niemals stand M. Night Shyamalan Alfred Hitchcock näher als mit seinem partiell packenden Außerirdischen-Thriller: Er nützt den Raum des Hess-Anwesens geschickt aus und plaziert seine Schockmomente wirksam und wohldosiert. Dabei bedient er sich bewährter Geisterhaus-Taktiken und arbeitet mit Spiegeln, Türspalten und bedrohlicher Geräuschkulisse, unterstützt von seinem Hofkomponisten James Newton Howard, der den Hitchcock-Weggefährten Bernard Herrmann musikalisch auferstehen läßt.

In "Signs" gebraucht der Regisseur demonstrativ jene Bausteine, die zu seinen unverrückbaren inhaltlichen Pfeilern und Erkennungsmerkmalen geworden sind und einen echten "Shyamalan" auch für den gemeinen Kinogänger erkennbar machen: Kinder in Schlüsselpositionen, ein abgekapselter Jedermann und sein unbewußter Weg in die Katharsis, der Einsatz von Wasser als nicht unbedingt lebensspendendes Grundelement, der hitchcocksche Kurzauftritt des Regisseurs und das obligatorische Überraschungsfinale.

Wieder arrangiert er diese prägenden Grundstoffe zu einem insgesamt sehenswerten Ganzen, das sich von den bisherigen ätherischen Geister- und Comic-Dramen vor allem durch einen hochgeschraubten Thrill-Level und die Orientierung an konservativeren Drehbuchstrukturen unterscheidet. Was die Funktionalität des Showdowns anbelangt, kommt Shyamalan gerade noch einmal mit einem blauen Auge davon: In der Auflösung, die zugleich auch eine seelische Befreiung des Protagonisten darstellt, zieht er dem Filmpublikum die fatalistische Keule mit Anlauf über.

Um die kühne Shyamalan-Logik akzeptieren zu können, ist für den Zuseher ein geistiger Distanzsprung des Glaubens unabdingbar. Nur so kann in Einklang gebracht werden, wie Ex-Pastor Graham Hess - direkt konfrontiert mit der Geiselnahme seines asthmakranken Sohnes durch eine außerirdische Lebensform - sich im entscheidenden Augenblick an den lange zurückliegenden, vermeintlich belanglosen Ausspruch seiner sterbenden Gattin erinnert, der nun im Angesicht der Krise in neuer Aussagekraft erstrahlt, Grahams Glauben anfacht und eine Kettenreaktion in Gang setzt, in deren Folge Junior gerettet und das Monster unschädlich gemacht wird.

Freilich wurde das wahnwitzig konstruierte Finale nur bedingt wohlwollend aufgenommen. Besser kamen da schon die - in der Tradition Hitchcocks gehaltenen - Spannungsmomente an, die der geistige Enkel des "Master of Suspense" routiniert aufbaute. Die Kinogänger stürmten jedenfalls die Vorstellungen und bescherten Mr. Shyamalan einen zweiten Blockbuster.

 

Lesen Sie im zweiten Teil, wie es mit Plot-Twister Shyamalan weiterging: vom Kassenschlager zur ersten Niederlage. Die Welt ist halt doch kein Dorf!

Dietmar Wohlfart

The Sixth Sense

(auf DVD von Mawa/VCL)

Leserbewertung: (bewerten)

USA 1999

Darsteller: Bruce Willis, Haley Joel Osment, Tony Collette u. a.

Links:

Unbreakable

(auf DVD von Buena Vista/Touchstone)

Leserbewertung: (bewerten)

USA 2000

Darsteller: Bruce Willis, Samuel L. Jackson, Robin Wright Penn u. a.

Links:

Signs

(auf DVD von Buena Vista/Touchstone)

Leserbewertung: (bewerten)

USA 2002

Darsteller: Mel Gibson, Joaquin Phoenix, Rory Culkin u. a.

Links:

Kommentare_

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slow - 08.05.2008 : 10.43
"Lady in the Water" ist wohl einer der meist unterschätzten, vielleicht der bestes Film des Jahrzehnts. Dass ein Publikum, vielleicht mit falschen Erwartungen, Shyamalan seit "The Villgae" nicht mehr folgen kann, sagt nichts über die Qualität seiner Filme, eher etwas über die heutige allgemeine gesitige Trägheit. "Signs" wurde übrigens auch erste abgelehnt, viele haben dann aber doch noch gelernt, dass der Film, der übrigens nicht von einer Alien-Invasion handelt, diese ist nur Metapher, großartig ist. Shyamalan ist sicherlich kein zweiter hitchcock oder Spielberg, aber er ist ein erstklassiger Shyamalan, und das sollte das breite Publikum wieder schätzen lernen, sonst geht hier ein weiteres Talent den Kommerz-Bach runter, ich sage nur David Fincher ....
theycalledhimhorse - 12.05.2008 : 20.32
also ganz ehrlich: schlimmer und peinlicher als mns in "lady in the water" ist noch nicht mal spielberg den "kommerzbach hinuntergegangen". aber fincher? was für eine dumme anmaßung. "the village" war wohl wirklich mns' reifster film, die wasserlady aber ist wirklich nur noch lobotomisierendes pseudoschlaumeierkino für leute, die von allgemeiner "geistiger trägheit" schwafeln, ohne das wortunkonstrukt überhaupt fehlerfrei zu papier bringen zu können.
slow - 12.05.2008 : 21.15
Wie wäre es, wenn du Deine Meinung begründetest, statt mich herabzusetzen? Argumente ad hominem sind keine gültigen, wie man als gebildeter Mensch wissen sollte. - Oh, wenn ich mich ganz fest konzentriere, kann ich sogar orthographisch und grammatikalisch korrekt schreiben. Und vielleicht sogar mit Sinn und Verstand. ;-)

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