Stories_Nachruf auf einen guten Freund

Mein Walkman und ich

Es bleibt ein denkwürdiger Moment: Der Tag im Jahre 2010, an dem ich meinen Walkman durch einen Mp3-Player ersetzte und meine 15 Jahre privater Musikgeschichte - als Kassettensammlung dokumentiert - von einem gut sichtbaren Regal mitten im Zimmer in einen Kasten verfrachtete.    17.09.2010

157 Mix-Tapes habe ich seit 1994 zusammengestellt, 157 mal 90 Minuten, das ergibt 235,5 Stunden Musik. Das würde alles auf meinen neuen Player passen, das verblüfft mich immer wieder. Die Anzahl neu aufgenommener Kassetten hat mit Beginn der 00er-Jahre stetig nachgelassen - zu sehr haben sich mittels Napster kompilierte Mix-CDs in den Vordergrund gedrängt. Zu den 157 guten Stücken kommen eine Schuhschachtel voll alter FM4-Tapes, mehrere Livekonzertmitschnitte, Kaufkassetten und etliche von Freunden auf Kassetten überspielte CDs.

Auf Kassette 1, entstanden 1994, finden sich die Smashing Pumpkins, Melvins, Soundgarden und die Stone Temple Pilots. Auf Kassette 157, fertiggestellt im Dezember 2009, findet sich mehr oder weniger Aktuelles von Juliette Lewis, Röyksopp, Kreisky, Soap&Skin, ...

"Bibliotheken" oder wie das heute heißt, so genau weiß ich es noch nicht, habe ich auf den Kassetten auch schon eingerichtet: In frühen Jahren entstanden in regelmäßigen Abständen "Punk"-Kassetten und solche mit dem Thema "Traurig". Die normalen Tapes selbst waren immer möglichst unterschiedlich gestaltet, um für jede Gemütslage innerhalb von 90 Minuten das passende Lied parat zu haben. In einer dicken, handschriftlich geführten Mappe sind die Bands in alphabetischer Reihenfolge erfaßt, samt den Stücken und den Kassettennummern, auf denen sie drauf sind. Das wird natürlich aufgehoben.

 

Der gesamte Freundeskreis wurde mit Mix-Tapes versorgt, alleine 63 gab es für die Exfreundin, mit Titeln und Erklärungen dazu und Listening-Sessions. Das hatte Stil, hatte Klasse. Mußte ausgewählt und abgewogen werden, mußte stimmig und abwechslungsreich sein. Wenn ich das heute mit dem USB-Stick mache, wirkt es immer plump. Listet der doch ein paar 100 Songs lieblos von A bis Z auf, die ich innerhalb weniger Sekunden per Drop & Drag beliebig und ohne nachzudenken zusammenstellen kann.

Die frühen FM4-Radiomitschnitte sind mitunter katastrophal falsch beschriftet. 1994, Internet zum Nachforschen? Fehlanzeige. Man mußte sich auf das Gehörte verlassen - sofern Titel und Interpret denn auch erwähnt wurden. So wurde eine von Brezel Göring gesungene Stereo Total-Nummer am Kassettencover zu "irgendein Typ, der so auf Franzos' macht".

In Mußestunden nehme ich mir heute einen FM4-Mitschnitt aus der Schuhschachtel und tippe mit, was denn da so zu hören war - das ergibt einen interessanten Blick auf meinen Hörgeschmack im Laufe der Zeit. Das meiste kenne ich mittlerweile namentlich, den Rest erledigt eine Lyric-Suchmaschine.

Diese seit 1997 mitgeschnittenen FM4-Kassetten sind auf alten Ö3-Tapes aufgenommen, die zu diesem Zeitpunkt schon mindestens 10 Jahre am Buckel hatten. Das heißt: diese Kassetten sind mittlerweile bis zu 25 Jahre alt - und sie funktionieren immer noch. Meine älteste CD kommt da noch nicht heran.

 

Wieviele Walkmans (oder Walkmen?) ich im Laufe meines Lebens verbraucht habe, kann ich nicht mehr nachvollziehen. Im Schnitt hat einer - immer Sony, man achtet ja auf die Marke - zwei Jahre gehalten. Waren es zehn? 15? Ich hab meistens schnörkellose Modelle gekauft, ohne Radiofunktion, die schienen mir robuster. Einfach war es trotzdem nicht: Habe ich den dauerstrapazierten Walkman nicht vorzeitig ruiniert, ist irgendwann der Moment gekommen, an dem sich das Kassettendeck nicht mehr richtig schließen ließ und alle Aufnahmen zu eiern begonnen haben. Und der Gürtel-Clip ist meistens schon nach wenigen Wochen abgebrochen.

Auf Reisen habe ich immer ein sperriges Ladegerät mitgeschleppt, um Kosten für neue Batterien zu sparen, und rund 10 Kassetten. Und einen zweiten Walkman mit Radioempfang, ein einmal irrtümlich gekauftes Modell, bei dem das Kassettendeck schon defekt war. Waren die Batterien für Kassetten zu schwach, konnte man immer noch eine zeitlang radiohören.

Im Laufe der Zeit ist es immer schwieriger geworden, die Dinger zu besorgen. Bei meinem letzten Einkauf Ende 2008 erklärte man mir bei Niedermeyer, es würden keine Kassetten mehr produziert (was natürlich Unsinn ist), und einen Walkman führten sie schon lange nicht mehr. Bei Hartlauer wiederum erklärte man mir, es würden keine Walkmans mehr produziert (was natürlich genauso Unsinn ist), und sie hätten auch keine mehr. Glücklicherweise hörte ein anderer Mitarbeiter das Gespräch mit und erinnerte sich an einen versteckten Restposten im Haus.

 

In den letzten Jahre haben viele meinen Walkman belächelt oder ehrlich gestaunt, wenn sie ihn entdeckt haben. Nur einmal habe ich gehört: "Ich liebe dich ja wegen deines Walkman". Aber das scheint mir nicht ganz ehrlich gewesen zu sein ...

 

Noch liegt er auf seinem Stammplatz im Vorzimmer neben der Eingangstür, griffbereit zum Mitnehmen, aufgeladene Batterien sind auch noch drinnen. Eine leichte Staubspur hat er schon angesetzt ...

Martin Zellhofer

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