Video_Die Bestie

Venus und Pelz

Walerian Borowczyks umstrittenes Werk "La Bête" gilt bei Kennern des etwas eigenwilligeren Films als sehenswerter Geheimtip. Zensurbehören war er hingegen stets ein Dorn im Auge. Das Spezialisten-Label Bildstörung präsentiert ihn jetzt erstmals ungekürzt im deutschen Sprachraum. Guido Rohm hat ihn sich angesehen und war alles andere als begeistert ...    18.11.2009

Manche Dinge tun weh. Manche Dinge schmerzen. Und manche töten. Zunächst einmal die erfreuliche Nachricht: Ich bin noch am Leben, aber mein Gemüt, meine Sinne und mein Geist wurden schwer in Mitleidenschaft gezogen. Ich bin verletzt. Ein Kriegsopfer. Was ist passiert? Nicht mehr und nicht weniger als ein Film. Aber das kann schon reichen, um einem (mindestens) das Wochenende zu versauen. Terroranschläge haben viele irre und bösartige Gesichter. Der virtuelle Terroranschlag "Die Bestie" konfrontierte mich mit der üblen und stinkenden Fratze einer teuflischen Gottheit namens Vollkommene Banalität. Hier ein Protokoll der Ereignisse.

 

19.35 Uhr: Noch ahne ich nichts Böses. Hätte mich doch nur ein Blitz getroffen oder eine Lähmung befallen. Es hätte alles anders enden können.

 

19.37: Ich spiele kurz mit dem Gedanken, einen Film von Ulrich Seidl einzulegen. Verflucht, wer oder was hindert uns immer wieder daran, die richtigen Entscheidungen zu treffen?

 

19.38: Ich stelle den Seidl-Film zurück und greife nach "Die Bestie". Stammt von dem jungen Label Bildstörung. Die haben bisher tolle Filme rausgebracht. "Die Bestie" sagt mir nichts. Lassen wir uns überraschen. Wird bestimmt ein toller Abend.

 

19.40: Meine Freundin setzt sich neben mich. Sie hat uns je ein Glas Wein eingeschenkt. Hätten wir den Verlauf des Abends erahnen können, hätte sie sich wohl für Whiskey entschieden - für jeden eine oder zwei Flaschen. Komasaufen ist im Gegensatz zu "Das Biest" wenigstens noch eine intellektuelle Herausforderung. Aber davon wußten wir in diesem Moment noch nichts. Noch ist die Stimmung gut. Ach, ein Erotikfilm, quiekt meine Freundin. Ich grinse zurück. So läuft das. Aber bei Tarantino, das Grinsen würde uns noch vergehen!

 

19.42: Ich starte den Film. Die Hülle verspricht einiges. Die "Katholische Filmkritik" rät ab. Da jubelt mein gottloses Herz. Aber die irren ja auch nicht immer. Rechts unten prangt in Form eines Türschildes: "IKONEN - Zeitschrift für Kunst, Kultur und Lebensart empfiehlt". Leider erfahre ich nicht, was sie empfehlen. Vermutlich den Film. Vielleicht auch das Label. Oder etwa den rituellen Selbstmord?

 

19.43: Der Anfang sieht vielsprechend aus. Pferde beim Ficken. Aha, denke ich. Das Bild sitzt. Das ist bestimmt eine Anspielung auf uns Menschen als animalische Kreaturen. Kein Fortschritt. Es geht immer nur ums Ficken. Gefällt mir.

 

19.44: Das Martyrium, meine Reise in die Abgründe des Nichts, beginnt. So, so. Aha. Die "Dialoge" fliegen an mir vorüber. Da ist eine Heirat geplant. Es geht um einen alten Besitz. Um eine alte Legende.

 

20.00: Das Gift wirkt. Meine Augen wollen nicht mehr so wie ich. Sie verweigern den Dienst. Ich werde mir den Film als Einschlafhilfe merken müssen.

 

20.15: Der Film zeitigt erste Erfolge. Das linke Auge meiner Freundin ist erblindet. "Du Glückliche", schreie ich sie an, "bete auch noch um das andere!" Sie versucht zu lächeln, kann aber leider nicht mehr antworten. Ich schaffe sie ins Bett rüber und schaue alleine weiter. Ich bin so einiges gewöhnt. Ich laß mich doch nicht von einem Film ins Bockshorn jagen.

 

20.30: Ich spüre erste Schmerzen im rechten Bein und fange an, unkontrolliert zu fluchen. Tourette. Was europäisches Kunstkino so alles anrichten kann ... Aber verdammt, ich werde durchhalten, und wenn ich dabei draufgehe. Ha!

 

20.45: Endlich tut sich was. Die Bestie kommt ins Spiel. Slapstick-artige Szenen. Ich komme aus dem Lachen gar nicht mehr raus. Die Tricktechnik ist bewundernswert schlecht. Das ist wahrscheinlich Absicht. Das ist Kunstkino. Die Bestie hat den Verstand im Schwanz sitzen und ejakuliert literweise Kunstsperma. Aha. Ich komme dahinter. Das ist ein Kunstspermafilm. Was für ein Klamauk.

 

21.10: Es ist vermutlich 21.10 Uhr. Ich kann es nicht mit Gewißheit sagen. Die Uhren sind alle stehengeblieben. Sie verweigern den Dienst. Einzelne Finger meiner rechten Hand funktionieren noch. Ich bin angeschlagen. Verflucht, Leute, ist da draußen jemand? Ich brauche Hilfe ...

 

21.30: Es schien mir wie eine Ewigkeit. Ich bin endlich zum Bonusmaterial vorgedrungen: ein Interview mit Regisseur W. Borowczyk. Der Typ ist die pure Langeweile. Ich begreife langsam. Das ist ein verfluchter Attentäter. Der soll uns einschläfern. Keine Ahnung, für wen der arbeitet. Wahrscheinlich ist er Vertreter für Valium und testet eine neue Form des Medikaments aus Zelluloid.  

 

 

 

 

Nachtrag: Meine Freundin und ich wurden leider erst nach drei Tagen gefunden. Ich bin sicher, daß wir uns wieder erholen werden. Aber das braucht Zeit.

Guido Rohm

Die Bestie

Ø

(La Bête)

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Bildstörung (F 1975)

DVD Region 2
94 Min. + Zusatzmaterial,dt. Fassung oder fr. OF mit dt. UT

Features:  Kurzfilm "L´Escargot de Venus", Kurzdoku "Borowczyks Wahn" von Daniel Bird, Interview mit Walerian Borowczyk, Interview mit Kameramann Noël Véry, Deleted Scenes, Behind the Scenes, 52seitiges Booklet u. a. (Die limitierte Sonderedition enthält zusätzlich eine rekonstruierte Langfassung.)

Regie: Walerian Borowczyk

Darsteller: Lisbeth Hummel, Sirpa Lane, Guy Tréjan u.  a.

 

(Photos: Bildstörung, Argos Films) 

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