Games_Uncharted 3: Drake’s Deception

Er schießt ... und schießt ... und schießt ...

Neben "Battlefield 3" war das neueste Abenteuer von Nathan Drake das meisterwartete Spiel des Jahres 2011. Vom cineastischen Charme des Vorgängers "Among Thieves" blieb jedoch leider nicht viel übrig.    10.11.2011

Hineingeworfen in die Handlung, erwachte der Spieler am Ende eines Zugabteils, das an einer Bergklippe hing: In Uncharted 2: Among Thieves mußte man reaktionsschnell vertikal durch den abgleitenden Zug klettern. Belohnt wurde der Spieler mit einer phantastisch animierten, verschneiten Bergszenerie.

"Mittendrin statt nur dabei": In der Fernseh- und Kinolandschaft wird das ein cold open genannt, der direkte Handlungsstart ohne langatmige Titelsequenz davor. Die Produktionsfirma Naughty Dog bereitete damit den exzellenten Einstieg in ein exzellentes Spiel, einen Hybriden aus Action-Adventure-Game und Blockbusterkino.

 

Wie sich herausstellt, hat "Uncharted 3: Drake’s Deception" so seine Probleme mit der Meßlatte des Vorgängers. Der Einstieg in das Spiel kommt ruhiger und geerdeter, sprich gewöhnlicher daher. Kein imposantes Setpiece, dafür ein Intro in die Rahmenhandlung.

Erneut dreht sich alles um Sir Francis Drake und eine sagenumwobene Stadt. In diesem Fall das Atlantis des Sandes, die verschollene Stadt Iram in der Wüste Rub al-Chali. Nathan "Nate" Drake und sein Ziehvater Victor "Sully" Sullivan liefern sich beim Erreichen von Iram einen Wettkampf mit der mysteriösen Katherine Marlowe und ihrem Geheimbund.

 

Zuvor gilt es jedoch, die passende Wegbeschreibung zu finden, weshalb Zwischenstops in Ostfrankreich und Syrien vorgenommen werden müssen. Was das Herumreisen angeht, ist "Drake’s Deception" ebenfalls gemütlicher; mit den Wüstenanimationen scheint man bei Naughty Dog so ausgelastet gewesen zu sein, daß eine Vielzahl an Locations entfiel.

Zwar bemerkt Sully an einer Stelle süffisant, daß Nate auch in Frankreich noch einen Dschungel fände, auf visuell beeindruckende Landschaften wartet der Spieler jedoch vergeblich. Was insofern enttäuscht, als selbst die Set-Pieces von Rub al-Chali und auf hoher See einen nicht gerade vom Sessel reißen.

 

Dafür gab man sich viel Mühe bei der Ausarbeitung der Hauptfiguren. Neben Sully kehrt Elena Fisher im Verlaufe des Spiels ebenso an Nates Seite zurück wie die im Vorgänger eingeführte Chloe Frazer. Der von Graham McTavish ("Der Hobbit") synchronisierte Charlie Cutter ist zudem ein erfrischender Neuzugang.

Grundsätzlich stimmt die Chemie zwischen allen Figuren, was sich insbesondere in den oft humorigen Dialogen niederschlägt. Weitaus blasser geraten da, wie aus vielen Filmen bekannt, die Antagonisten. Wer Marlowe genau ist, wird lediglich angedeutet. Und auch ihre rechte Hand Talbot ist mehr Lakai denn mit Profil versehener Widersacher.

 

Viel Lob heimste "Uncharted 2: Among Thieves" für seine cineastische Qualität ein. Und auch der dritte Teil der Reihe versucht sich als spielbarer Kinofilm. Speziell im ersten Drittel gelingt das - neben dem zwar wenig temporeichen, aber vergnüglichen Einstieg, sowie einer Sequenz, in der das erste Aufeinandertreffen von Nate und Sully durchgespielt werden darf.

Die Ausflüge nach Frankreich und Syrien sind solide und unterhaltsam, bleiben jedoch nicht sonderlich in Erinnerung. Im ersten Fall wird zumindest versucht, mittels eines in Flammen stehenden Hauses einige animatorische Ausrufzeichen zu setzen. (Allerdings wird nicht ganz klar, wieso Nates Widersacher die Hütte überhaupt angezündet haben.)

 

Ist in einem Videospiel die Handlung eher Mittel zum Zweck, muß sich "Uncharted" ob seines cineastischen Anspruches hier durchaus Kritik bezüglich der Plausibilität gefallenlassen. Denn in der Handlung des Spiels reagieren die Gegner stets wie Videospielgegner, und selten wie potentiell dreidimensionale Figuren aus einem Kinofilm.

Egal ob ein Haus unnötig in Brand gesteckt wird, ein Schiff untergeht oder eine Stadt in sich zerfällt - Priorität hat nie das eigene Leben, sondern die Agenda des Auftraggebers. Wenn 08/15-Handlanger im Angesicht des Todes ihr eigenes Leben für eine zwielichtige Figur aus dem Westen riskieren, um Nate zu stoppen, ist das jedoch wenig glaubwürdig.

 

Zudem entfernt sich "Drake’s Deception" ab dem Mittelteil stark von seiner Narration. Stand im ersten Drittel die Handlung im Fokus, unterbrochen von Spielelementen, mutiert das Ganze schließlich vom Action-Adventure zum Third-Person-Shooter. So entschied man sich bei Naughty Dog dafür, möglichst viele Schußwechsel zwischen imposanten Kulissen - zum Beispiel auf einem Frachter bei stürmischem Seegang - zu integrieren.

Immer wieder muß Nate sich nun auf zumeist engem Raum mit einer nicht abebbenden Welle von Gegnern auseinandersetzen. Diese sind teils stark bewaffnet, was seinen lächerlichen Höhepunkt dann erreicht, wenn sie bisweilen nurmehr mit Handgranaten zu erledigen sind und sich deshalb auch ungerührt mehrfach aus nächster Distanz ohne Folgen ins Gesicht schießen lassen.

 

Absurd wirkt auch, daß man sich der Gegner meist schneller und einfacher im Nahkampf entledigen kann, anstatt sie zu erschießen. Das unsinnige Highlight stellt die Positionierung mehrer Dutzend schwerbewaffneter Handlanger in einer strategisch vollkommen unwichtigen Wüstenruine dar, die bei schweißtreibenden Temperaturen dennoch in voller Kevlar-Montur ihren Dienst absolvieren.

Wer sich fragt, warum Marlowe überhaupt mit insgesamt mehreren hundert Männern auf die Suche nach einem Mythos geht, um den sich sonst nur Drake schert, und wieso sie -zig Männer in einer Ruine plaziert, die von keinerlei Bedeutung ist (außer, daß der Spieler sich erneut in einer Orgie des Patronenaustauschs verlieren darf), sollte von Naughty Dog wohl keine Antwort erwarten.

 

Zu diesem Zeitpunkt ist die Handlung nur noch Ausrede für sinnfreies Entleeren der Magazine, wodurch der Eindruck entstehen kann, man habe versehentlich einen Kriegs-Shooter erstanden. Gab es im ersten Drittel noch cineastischen Spielspaß, besteht der letzte Teil primär aus Renn- und Schußsequenzen; diese Wiederholungen werden letztlich uninteressant.

Sowas ist vermutlich ein Heidenspaß für alle schießwütigen Fans, die sich an einem Arsenal von Raketen- und Granatenwerfern, Sniper-Gewehren und abgesägten Schrotflinten erfreuen dürfen. Mit den Qualitäten der ersten beiden, abenteuerlastigen "Uncharted"-Versionen hat es ab einem gewissen Zeitpunkt jedoch nicht mehr viel gemeinsam. Oder, anders gesagt: "Drake’s Deception" ist des Erbes von "Among Thieves" schlicht unwürdig.

 

Doch es sind etliche positive Elemente der Reihe vorhanden: der Witz, der Charme, die tollen Kulissen, die Hommage an große Filme. So erinnert "Uncharted 3" speziell im ersten und letzten Drittel seiner Handlung in einigen Szenen stark an Steven Spielbergs "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" und referiert auch auf Stephen Sommers "Die Mumie". Dennoch überwiegen die negativen Aspekte.

Ein besonderes Armutszeugnis ist eine Situation in der Rub al-Chali, wenn der Spieler Nate minutenlang einige Schritte gehen lassen darf, bis eine Zwischensequenz einsetzt. Es folgen wieder einige Schritte und eine Zwischensequenz. Dieses Spiel wird noch einige Male fortgesetzt, ehe man selbst bei Naughty Dog die Sinnlosigkeit des Ganzen eingesehen zu haben scheint.

 

Was bleibt, sind zwei unterschiedliche Gesichter eines für sich genommen fraglos gelungenen Hybriden aus Abenteuerspiel und Third-Person-Shooter, der jedoch durch seine zu starke Fokussierung auf Action-Einlagen gegen scheinbare Klonkrieger nicht nur sein erstes gefälliges Drittel sondern auch die Tradition der Vorgänger verrät. Eindrucksvolle Kapitel wie "Katz und Maus" aus "Among Thieves" bleiben hier aus.

Wer den Zwischensequenzen noch nie sonderlich viel abgewinnen konnte und dafür gerne Verfolgungsjagden in Bildschirmrichtung und zahlreiche herausfordernde Schußwechsel genießt, dürfte bei "Drake’s Deception" dafür genau das richtige Spiel gefunden haben. Allerdings sollte Naughty Dog darauf achten, daß die Schußorgie in "Uncharted 4" nicht wieder überhandnimmt - sonst kann man gleich "Call of Duty" spielen.

Florian Lieb

Uncharted 3: Drake’s Deception

ØØØ 1/2

Leserbewertung: (bewerten)

(Naughty Dog)

 

Erhältlich für: PlayStation 3

Links:

Kommentare_

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Gerhard - 03.01.2012 : 15.23
Hervorragende Kritik! Genau so habe ich das Spiel auch empfunden. Teil zwei war viel besser, ausgewogener und bot auch mehr Höhepunkte. In Teil 3 wird zuviel geschossen und viel zu viel gekämpft (mit einem Micky-Maus-Kampfsystem). Ja - und auch die Handlung lässt nach. Schade darum.

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