Kino_Bad Santa

Dirty old Weihnachtsmann

Billy Bob Thornton muß sich nicht besonders verstellen, um genau den Santaklaus zu geben, den niemand haben will. Außer im Kino - da dürfte er gar nicht anders sein.    22.11.2004

Es gibt Schlimmeres als die klebrige Flut an Weihnachtsalben, -Singles und -Kinofilmen, die die Unterhaltungsindustrie Jahr für Jahr auf uns losläßt. Wir wissen nur noch nicht, was es ist. Eventuell der hierzulande völlig unangebrachte Halloween-Unfug, aber um den geht´s ja hier nicht. Nein, es geht tatsächlich um X-Mas, wie der Österreicher sagt, das Fest der Liebe, an dem die Coca-Cola-Lastautos bunt beleuchtet durch verschneite Landschaften gleiten und ein weißbärtiger Lustmolch durch den Kamin in die Häuser und Zimmer Minderjähriger eindringt. Diesen Mann nennen wir Santa, weil wir ein Kolonialgebiet sind, und ihn sehen wir jetzt endlich auch wieder im Kino.

Aber "Bad Santa" ist anders als die anderen. Er ist schmierig, schlecht gelaunt, versoffen und dauernd geil. Er benimmt sich unter seinem roten Mantel und dem weißen Wattebart wie ein besonders grauslicher Sandler, der versehentlich vom Kaufhaus den Job als Weihnachtsmann bekommen hat und nun den kleinen Mädchen seine Fahne ins Gesicht haucht, während er unter ihren Röckchen herumfingert. Der böse Santa ist Billy Bob Thornton - ein Mann, dessen Sympathiewerte nur bei Indie-Fans und Möchtegern-Cineasten hoch sind, der aber für den Rest der Welt und in einem Mainstream-Film wie diesem ruhig den charakterlich passenden Widerling geben darf.

Zumal sich "Bad Santa" ja nur als Mainstream tarnt und das Mäntelchen des ungut tiefen Humors umhängt, um das Volk ins Kino zu locken, das dann ein subversives Meisterwerk sehen darf. Und zwar nicht eines für jene Loser, die mit Weihnachten ihre ideologischen oder "intellektuellen" Probleme haben und daher am Heiligen Abend nach Überreichung des Geldcouverts von Frau Mama in schmierige Szenelokale retirieren, um über die kleinbürgerliche Festivität zu lästern - sondern vielmehr für die Leute, die sich immer wünschen, es würde jemand daherkommen und Hollywood unterwandern, die Produzentendummheit ausnützen und dem Publikum einen Film verkaufen, der alles andere ist als ein Familienfilm, nämlich ein Film für "dirty old men" und solche, die es werden wollen und die in grellbeleuchteten Trinklokalen sitzen, um einander schmutzige Witze zu erzählen und Gags aus ebendiesem Streifen zum besten zu geben. So ein Film ist "Bad Santa".

Regie bei diesem Meisterwerk führte Terry Zwigoff, der schon mit "Crumb" und "Ghost World" bewies, daß er zwar weiß, wie es geht, aber bei all dem Blödsinn keinesfalls mitspielen will. Sein Santa Billy Bob tarnt sich nur als Shoppingcenter-Weihnachtsmann, um zusammen mit seinem noch bösartigeren Kumpanen (Billy Cox) den Safe des dummgenannten Einkaufstempels zu knacken. Mit dieser Methode holen sich die beiden seit Jahren ihren Weihnachtsbonus, doch diesmal droht die Sache zu scheitern - weil es da einen Kaufhausdetektiv (Bernie Mac) gibt, der das Fest der Liebe noch weniger mag als die miesen kleinen Gauner, und dazu noch einen obergscheiten Buben und eine wattebartfixierte Sexhungrige ...

Ach was, gehen Sie sich das doch einfach selber anschauen. Es muß sowieso sein. Und vergessen Sie nachher nicht, ihren lieben Kleinen und Größeren brav Geschenke zu kaufen. Ein Stinktier vielleicht. Oder irgendwelche Scherzartikel aus dem Sexshop. Und eine Flasche vom billigen Fusel, damit Sie selbst vor dem Weihnachtsbaum einschlafen können. Selig berauscht, wie sich das gehört.

Peter Hiess

social bookmarks: Artikel in del.icio.us speichern Artikel in digg! speichern

Bad Santa

ØØØØØ


USA 2003

91 Min.

dt. Fassung und OF

Regie: Terry Zwigoff

Darsteller: Billy Bob Thornton, Bernie Mac, Lauren Graham u. a.

 

Links:

Kommentare_

Kommentar verfassen

Kolumnen
Unerwünschte Nebenwirkungen

Schwerwiegend

Dr. Trash empfiehlt: Denken Sie nicht nach, sondern vor. Zum Beispiel über die Frage, warum Zigaretten jetzt EU-weit dauernd ausgehen: Angeblich, weil sie einst so viele Brände verursacht haben - man erinnere sich an die lodernden Tischnachbarn im Kaffeehaus. Wer solchen Dreck glaubt, ist nicht nur geistig angeschlagen, sondern Opfer von Agenturen, die Tag für Tag Bleichmittel für die globale Gehirnwäsche erzeugen. Sogar, wenn es um Comics und Otakus geht ...  

Kolumnen
Unerwünschte Nebenwirkungen

Kraftlos

Dr. Trash empfiehlt: Gehen Sie in den Wald. Lassen Sie sich dort von sinnlosen Wandertafeln erläutern, wie man atmet und ein Bein vor das andere setzt. Denken Sie immer daran, daß sowas Beamte erfinden, die von selber tatsächlich nicht einmal Luft holen können. Verzweifeln Sie erst, wenn Ihnen ein Wegweiser mit Hinkelstein-Esoterik droht. Bleiben Sie stehen und lassen Sie Ihrer Zerstörungswut freien Lauf.  

Kolumnen
Unerwünschte Nebenwirkungen

Scharfzeichner

Dr. Trash empfiehlt: Freuen Sie sich darüber, daß die Ironie-Szene (Sie wissen schon, die mit den heiteren Bärtchen, strohdummen Hütchen und der schlurfigen Kleidung) Comics noch nicht wirklich für sich entdeckt hat. Vielleicht liegt’s ja daran, daß es dort weder Gestalten wie die Gebrüder Coen noch eine angeschwuchtelte Indie-Bewegung wie in der Popmusik gibt - sondern ein paar aufrechte Kämpfer, die die Tradition der Bildergeschichte hochhalten.  

Kolumnen
Unerwünschte Nebenwirkungen

Feuerbauer

Dr. Trash empfiehlt: Lassen Sie sich den Begriff "Wutbürger" von den arroganten Verbrechern in Politik und Medien nicht gefallen! Denken Sie bei den miesen Charakteren, die Ihren gerechten Zorn verursacht haben, lieber an den weisen Spruch: "Today's pigs are tomorrow's bacon." Und vertiefen Sie sich - passend dazu - in die Abenteuer von "Monster Hunter International".  

Editorial
Bundeshymne NeuNeu

Heimat, bist du kleiner Hirne

Drei Blunzen geben eine Pressekonferenz ... Nein. Okay, so: Treffen sich ein paar Sommerlöcher ... Auch nix. Na gut: Eine Frau kommt ins Wirtshaus und bestellt eine Portion Hirn mit Ei ... Wieder daneben. Es nützt nichts - manche Witze sind so schlecht, daß man sie einfach nicht erzählen sollte. Außer in der Sauregurkenzeit und als feministische Parteisoldatin vielleicht.  

Kolumnen
Unerwünschte Nebenwirkungen

Ausgestöpselt

Dr. Trash empfiehlt: Kaufen Sie sich ein iPad - am besten gleich die soeben erschienene Version 2, dann sind Sie Ihrem guten Doktor auch noch ein wenig voraus. Apples Tablette gegen Ödnis und graue Desktop-Rechner ist zwar für den heftig schreibenden Geistesarbeiter nur bedingt geeignet, aber unterwegs leistet das Brett beste Dienste. Auch im Urlaub, statt der berüchtigten Reisetasche voller Bücher.