Kolumnen_Depeschen an die Provinz/Episode 39

Der Tag der Unruhe

Unser Kolumnist läßt sich von Fernando Pessoa inspirieren und stellt bei seinen Großstadtspaziergängen Beobachtungen an, die von ganz weit draußen kommen. Dort wirkt nämlich selbst das Weihnachtsfest noch richtig friedlich.    18.09.2020

"Weihnachten steht vor der Tür!"

Diese frohe Botschaft verkünde ich Jahr für Jahr ab etwa Ende Juni, wenn die Tage wieder kürzer und die Nächte gottlob länger werden, auf daß die Menschheit frohlocke und sich ausreichend auf das Fest der Liebe vorbereite.

Tut sie aber nicht. Ganz abgesehen davon, daß das gemeine Volk im Hochsommer nichts von Christbäumen hören will, sondern sich lieber vom Staatsfunk auf "wunderschönes Badewetter" einpeitschen läßt und bei 38 Grad im Schatten krügelweise Schweiß absondert ... nein, viele Leute sind zu allem Überfluß auch noch feiertagstraumatisiert und können sich nicht einmal im Dezember auf den Geburtstag unseres Jesuleins freuen. Aber ehrlich: Ist es nicht ein bissl traurig, wenn angeblich Erwachsene immer noch darunter leiden, daß sie in ihrer Kindheit keinen Eierlikör trinken durften, am Fest der Liebe vielleicht Hiebe gekriegt haben und von den Eltern oder dem Herrn Pfarrer nicht einmal zur Mitternachtsmette mißbraucht wurden, weshalb sie heute in ihrer offenen Therapiegruppe so gar nichts Schreckliches zu erzählen haben? Jaja, die Frage war rein rhetorisch: Natürlich ist es traurig. Ebenso wie die Tatsache, daß die angeblich "coole" Jugend seit Jahrzehnten - angeleitet von vermodernden alten Hippies - am Heiligen Abend nichts Besseres zu tun hat, als in Szenelokalen herumzulungern und Weihnachten "voll öd" zu finden; logischerweise aber erst, nachdem die Fratzen schnell bei der Mama vorbeigeschaut haben, um sich die diskret in einem Couvert verpackten Geldgeschenke abzuholen. Wann ist die Welt eigentlich so langweilig, berechenbar und klischeehaft geworden?

Apropos Klischees: Darin geht die friedliche Adventzeit mit ihrem Höhepunkt ja praktisch unter. Dem zwanghaften Abspielen amerikanischer Santa-Claus-Gstanzln im vor Geschenkartikeln und Naschwerk überquellenden Supermarkt steht der altbackene Gemeinplatz von der "Kommerzialisierung des Weihnachtsfests" entgegen (aso, wirklich, ist Ihnen das auch schon aufgefallen, Herr Hofrat?); das kreative Einkaufen in letzter Minute wird einem durch schwer überlastete Hausfrauen verleidet, die "schon wieder soooo einen Weihnachtsstreß" haben (wir raten zu einer Erhöhung der Psychopharmaka-Dosis); beim Genuß von einem Doppler Cola sowie nach Zimt schmeckender Schokolade muß man sich zum x-masten Mal das blöde Gefasel der Langweilermedien anhören, daß es bei uns ja gar keinen Weihnachtsmann, sondern eigentlich ein Christkind gibt. Und dann rennen einem noch ab zirka Mitte Oktober permanent die Deppen über den Weg, die darüber jammern, daß es in Wien das halbe Jahr "kalt und finster" sei. Ab zum Äquator, meine Damen und Herren! Dort warten Sonnenstich und Ebola, und hier wird euch sowieso keiner vermissen. Weil wenn mir das nächste Mal einer das hirnverbrannteste Klischee von allen - Achtung: "In da Stodt brauch i kan Schnee" - entgegenraunzt, steche ich ihn höchstpersönlich mit einem Eiszapfen ab.

Aber genug gestänkert, o geplagte Christenheit! Ich sag´ euch jetzt, wie Weihnachten wirklich geht: 1. Leben Sie alleine, dann brauchen Sie nicht so zu tun, als ob sie das Theater mit den Christbaumkugeln, den Kerzen und den Packerln "für die Kinder" veranstalten. 2. Warten Sie am 24. Dezember ab, bis wirklich alle Geschäfte zu haben und es draußen dämmert. 3. Verlassen Sie dann das Haus und gehen Sie spazieren. Das ist natürlich am schönsten, wenn es schneit und die wenigen Autos, die noch unterwegs sind, kaum mehr Lärm verursachen. 4. Streifen Sie durch eine ruhige Gegend in den Außenbezirken (aber gefälligst nicht durch meine!), damit Ihnen keine Bobos oder sonstige Weihnachtsstörenfriede entgegenkommen. 5. Schweigen Sie. 6. Freuen Sie sich über die bunten Lichter aus den Wohnungen und Häusern, an denen Sie vorüberwandern - und vor allem darüber, daß die Beleuchtung wenigstens eine halbe Stunde im Jahr nicht vom Flachbildschirm, sondern von Christbaumkerzen und Elektrolametta kommt. 7. Frieren Sie ein wenig, das gehört zu Weihnachten dazu. 8. Gehen Sie jetzt wieder nach Hause, wünschen Sie sich selbst ein frohes Fest, trinken Sie dazu ein Schlückchen Likör und gedenken Sie Ihrer Lieben von einst und jetzt.

Und am Christtag holen Sie dann bitte Ihre Waffen aus dem Keller und bereiten sich auf das schrecklichste Fest des Jahres vor: Silvester. Der Krieg geht weiter.

Peter Hiess

Depeschen aus der Provinz


Peter Hiess lebte mehrere Jahrzehnte in Wien und zwischendurch eine Zeitlang in der Provinz. Jetzt ist er in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Endlich.

Kommentare_

Kommentar verfassen

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 41

Gleisträume

Will man sich in den Vororten verorten, dann braucht man auch die praktische Verkehrsverbindung. Der EVOLVER-Stadtkolumnist begrüßt den Herbst mit einer Fahrt ins Grüne - und stimmt dabei ein Lob der Vorortelinie an.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 40

Weana Madln 2.0

Treffen der Giganten: Der "Depeschen"-Kolumnist diskutiert mit dem legendären Dr. Trash die Wiener Weiblichkeit von heute. Und zwar bei einem Doppelliter Gin-Tonic ... weil man sowas nüchtern nicht aushält.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 39

Der Tag der Unruhe

Unser Kolumnist läßt sich von Fernando Pessoa inspirieren und stellt bei seinen Großstadtspaziergängen Beobachtungen an, die von ganz weit draußen kommen. Dort wirkt nämlich selbst das Weihnachtsfest noch richtig friedlich.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 38

Schneller! Schneller!

Wie man hört, trainieren US-Soldaten in Manövern für die Zombie-Apokalypse. In Wien scheint sie bereits ausgebrochen. Der EVOLVER-Experte für urbane Beobachtungen weiß auch, warum.  

Print
Klaus Ferentschik - Kalininberg & Königsgrad: Große Miniaturen

Keine Kleinigkeiten

Ein für seine Bücher über 'Pataphysik, die steirische Weltmaschine und die Welt der Kabel bekannter Autor ergeht sich mit seinen großen kleinen Geschichten über eine ehemals deutsche und heute russische Stadt nicht in larmoyanter Vergangenheitsbewältigung, sondern verpackt Kaliningrad in ein literarisches Meisterstück.  

Kolumnen
Depeschen an die Provinz/Episode 37

Darts

Es gibt Zeiten, da reduziert sich Wien auf Beisln und Tschocherln. Am besten solche jenseits der Vorortelinie, wo sich kaum ein Piefke hinverirrt. Dort hört man den Menschen wenigstens gern zu ...