Kolumnen_Depeschen an die Provinz/Episode 40

Weana Madln 2.0

Treffen der Giganten: Der "Depeschen"-Kolumnist diskutiert mit dem legendären Dr. Trash die Wiener Weiblichkeit von heute. Und zwar bei einem Doppelliter Gin-Tonic ... weil man sowas nüchtern nicht aushält.    28.09.2020

Kolumnist (K) (setzt sich an Trashens Tisch und singt dabei leise vor sich hin): "Was is nur mit die Weana Madln los?/Früher warns dreckig, fett und schleißig/Heite sans nett, adrett und fleißig/Lieber treib i´s mit an Polster!"

Dr. Trash (DT): Kenn ich, das Lied. "Polsterficker" von den großartigen Chuzpe. Auch schon weit über 40 Jahre her. Alles nicht mehr wahr.

K: Genau, Herr Doktor! Und weil Sie - ebenfalls vor einiger Zeit - so scharfsinnige Analysen über Frauentypen verfaßt haben, brauche ich Ihre Hilfe: Was ist nur aus den fleißigen oder auch schleißigen Wiener Mädchen von damals geworden?

DT: Alte Weiber.

K: Naja, logisch. Aber ich meine die jetzigen jungen Frauen. Was fällt Ihnen zu denen ein?

DT: Offen gestanden nichts. Die Frage ist zu allgemein. Ein paar Archetypinnen muß man von vornherein ausschließen. Zum Beispiel die Exotischen Schönheiten - bei denen darf man erstens nicht zu lange hinschauen, wenn man keine ohosln will; und zweitens sind sie vielleicht sowieso in der Minderheit, weil ja oft kein Mensch weiß, was sich hinterm Schleier verbirgt.

K: Sie begeben sich auf gefährliches Terrain, Doc. Aber das ist man ja von Ihnen gewöhnt.

DT: Und dann die Emma-Kampflesben und Politbuchteln: bleed und blad. Wenn ma scho dabei sind ...

K: OK, lassen wir das. Sagen Sie mir lieber, wen Sie in Ihre Analyse aufnehmen wollen.

DT: Da wären zuallererst die Großraumdisco-Schnitten: gern aus transdanubischen Bezirken, die letzten Vertreterinnen der antiken Piercing-Kultur, im Bräunungsstudio gegerbt, weißer Lippenstift und auch sonst zuviel Schminke. Am liebsten wären sie alle Paris Hilton ...

K:... nur daß ihnen das Geld fehlt. Also nix mit dem Hilton in Paris - eher die Frühstückspension an der Tangente.

DT: Aber das reicht ja auch schon für Samstag-Nachtschichtfieber und bald darauf die erfolgreiche Fortpflanzung. Womit besagte Gruppe für unsere Zwecke sowieso ausfällt.

K: Ich bemühe mich gerade, Sie nicht zu verstehen, Doc.

DT: Wäre nichts Neues. Wenden wir uns der nächsten Erscheinung zu: dem Piepsmammut. Kennen Sie sicher: eine Körperfülle, die nicht auf die berühmten "schweren Knochen", sondern auf ungesunden Appetit zurückzuführen ist, kombiniert mit der Stimme einer Dreijährigen, die Naivität und Hilflosigkeit suggerieren soll - bis das Wesen Anlauf nimmt und einen mühelos zerquetscht.

K: Mir kommt überhaupt vor, daß in letzter Zeit der Schiach fröhlich durch die Stadt geht und sein Füllhorn über den Menschen ausleert ...

DT: Weil Sie ein verkappter Dichter sind. So schlimm ist es nicht; manche Anblicke sind durchaus erfreulich. Etwa die Postmodernen Komtesserln, also das, was man früher Höhere Töchter oder Cottagehaserln genannt hat. Die sind trotz des sterbenden Mittelstands noch gut hergerichtet, bleiben nicht zwangsläufig unter sich, sondern mischen sich auch einmal unters gemeine Volk - sind aber in späteren Jahren dennoch schnell angrührt, weil sie glauben, etwas verpaßt zu haben. Arm, eigentlich.

K (abgelenkt): Kann schon sein. Aber schauen Sie einmal aus dem Fenster, guter Doktor. Was ist das?

DT: Oje. Die wohl deprimierendste Erscheinung des schon jetzt faden dritten Jahrtausends: zwei Schlurfinchen, auch Humana-Baana genannt. Schauen aus, als würde sie sich am Altkleider-Container modisch versorgen, kaufen ihre "ironischen" Wildlederstiefel und Achtziger-Jahre-Kleider aber teuer in Szeneboutiquen ein. Generation Wollhaube.

K: Nur daß die da keine Mütze aufhaben, sondern so komische Haarknödeln auf dem Kopf ...

DT: Genau das ist es: Dutt statt Tutteln! Die tun sich auch gern mit Bubis zusammen, die genauso armselig hergerichtet sind. Prinzessin Damenbart trifft König Trottelbart. Für solche Kreaturen ist der Gender-Schwachsinn erfunden worden. Die nennen wahrscheinlich sogar ihre Haustiere irgendwas mit Binnen-I. Oder ihre Geschlechtsteile. F...

K: Aus! Sonst glaubt der Leser noch, Sie sind ein notorischer Frauenfeind, Doc.

DT: Aber ganz im Gegenteil! Ich liebe die Frauen. Nur leider: Es gibt kaum noch richtige. (trinkt)

Peter Hiess

Depeschen aus der Provinz


Peter Hiess lebte mehrere Jahrzehnte in Wien und zwischendurch eine Zeitlang in der Provinz. Jetzt ist er in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Endlich.

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