Kino_Inland Empire

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David Lynch, Meister des seltsamen Genres "Lynch-Film", hat wieder zugeschlagen. Das neue Werk des passionierten Verstörers wirkt jedoch nicht unbedingt aufrüttelnd, sondern eher einschläfernd.    27.04.2007

Noch im Foyer herrscht angespanntes Gemurmel: "Können Sie uns denn gar nichts verraten?". Nein, kann die Pressedame nicht. A Mystery about a woman in trouble - oder vielleicht auch "Eine Frau in Schwierigkeiten".

Klingt blöd, trifft es aber durchaus. Egal. Der Vorhang öffnet sich, ein Scheinwerfer (oder Filmprojektor) leuchtet den Titel aus - von hinten, und damit ist eigentlich alles schon gesagt. Im neuen Spektakulum des "Twin Peaks"-Erfinders findet sich der Zuschauer nämlich hinter der Leinwand wieder, an jenem fiktiven Ort, wo Filme "wirklich" stattfinden. Möglicherweise ist es auch der Ort hinter Mr. Lynchs Stirn. Gemütlich ist es da jedenfalls nicht ...

 

Das spärliche Licht flackert, eine Nadel kratzt über eine Schallplatte. Ach ja, richtig, der Meister legt ja größten Wert auf die Tonspur. Auf Gesichter übrigens normalerweise auch - doch das Paar, das sich da anschickt, (käuflichen?) Sex miteinander zu haben, wird mit digitalen Weichzeichnern unkenntlich gemacht. Wie mysteriös!

Und jetzt, plötzlich: Schnitt auf eine Kaninchenfamilie! Es wird ja immer mysteriöser! Nein, das sind gar keine echten Kaninchen, sondern Menschen in Kaninchenkostümen. Zwei sitzen auf dem Sofa, einer bügelt. Sie sagen seltsame Dinge, die keinen Sinn ergeben, wie drei Audiokanäle, die asynchron laufen. Außerdem kommen Lacher von der Tonspur, natürlich ebenfalls völlig unpassend zum Gesagten. Also wirklich, alles ungemein mysteriös.

Da, endlich, ein Film beginnt. Laura Dern spielt Nikki Grace, offenbar eine Schauspielerin mit reichem Gatten. Die kriegt Besuch von einer - selbstverständlich obskuren - Nachbarin, die allerlei (rätselhafte) Prophezeiungen macht. Es wird sich zeigen, daß die zutreffen; und auch, daß selbst die Kaninchen letztlich irgendwie etwas Sinnvolles zu sagen hatten. Vorher darf Nikki aber in eine neue Rolle schlüpfen, in einem Film, in dem es um Ehebruch geht, um eine Affäre also. Ihrem Filmpartner Devon Berk ("Mulholland Drive"-"Regisseur" Justin Theroux) schärft man am Set daher sogleich ein, bloß ja nichts mit Nikki anzufangen. Und auch Nikkis Mann, eine zwielichtige Figur, macht Devon deutlich klar: kein Rumgevögel! Tss, tss ... Es kommt natürlich doch, wie es kommen muß: Die beiden finden sich im Bett wieder. Oder so. Oder doch nicht?

Film und Film-im-Film verschwimmen schon in der ersten Stunde dieses wirren Magnum opus. Dabei wird´s dann auch bemüht spooky. Schließlich ist der zu drehende Film das unautorisierte Remake eines anderen Films; und der wurde nie zu Ende gedreht, weil - HUCH! - das Hauptdarsteller-Paar umgebracht wurde! Mehr noch: Der Originalstreifen scheint, äh, in Polen zu spielen, wo wiederum ein Prostituiertenring ... äh ... polnische Legenden ... öh… Genaueres weiß wohl nur David Lynch. Oder auch nicht. Angeblich hat er gestanden, selbst keine Ahnung zu haben, wovon sein Film handelt. Ist auch ganz egal, denn so darf man an Lynchs Filme sowieso nicht herangehen. Ich behaupte dennoch: Es geht um ... ach, egal. Bloß zieht es sich in der ersten Hälfte wie Kaugummi.

 

Nicht, daß der Film schlecht wäre, echt nicht. Er ist halt bloß nicht gut. Oder zumindest nicht das Meisterwerk, das sich nach "Lost Highway" und "Mulholland Drive" hätte einstellen müssen. Diese beiden sehen heute aus wie Mainstream-Kino, und gerade das macht sie gut. Daß "Inland Empire" an einem Tick zuviel Arthaus krankt, begreift man als Zuschauer schon nach drei Minuten. Aber da hat man leider noch knappe und dennoch lange drei Stunden vor sich. In denen passiert zwar viel, aber leider halt wenig, was interessant wäre.

Die Kaninchen zum Beispiel stammen aus einem eigenen, etwa 50 Minuten langen Film, der in Lynch-Fankreisen kursiert und für sich genommen spannender ist als "Inland Empire". Und das, obwohl "Rabbits" aus nichts anderem besteht als einer einzigen Einstellung auf das Wohnzimmer einer Puppenhauswohnung, in der die Kaninchen sinnlose Sätze sagen. Bei "Rabbits" schauderte es mich nach 15 Minuten, und nach 30 Minuten mußte ich den Film ausmachen, dermaßen gruselte es mich - obwohl außer den idiotischen Kaninchen wirklich nichts zu sehen war, was Angst machen könnte. In "Inland Empire" hingegen wäre ich schier eingeschlafen, und das mehrmals.

Nein, der transzendental meditierende Kaffee-Fan hat sich hier eindeutig vergriffen. Diesen Film kann man nur mögen, wenn man "Eraserhead" für Lynchs besten Streifen hält. Für Fans: Ja, es ist alles drin, was einen Lynch ausmacht: eine Blondine und eine Schwarzhaarige zum Beispiel - diesmal sogar mehrere, wobei sie wahrscheinlich doch wieder nur eine einzige Person sind. Sex und Crime kommen auch vor. Und Lampen. Sogar ein "Lynch Man" - also eine Person, die stets Seltsames von sich gibt - ist zu sehen. Und ein "Pink Room", jener Ort hinter den roten Gardinen, den man seit "Twin Peaks" kennt. Und natürlich auch süßliche Lynch-Popsongs. Logische Folgen existieren nicht, die Zeit verläuft wie der Bandsalat eines Echo-Tapes, wohl deswegen fehlt auch der tanzende Zwerg. Ein Hund wird immerhin erwähnt. Und es gibt wieder lange und dunkle Flure, durch die Nikki und die anderen Personen endlos zu wandern scheinen, in Räumen, die keine reale Architektur mehr haben. Kurz: das ganze David-Lynch-Programm, mit Querverweisen zu fast allem, was Lynch je gedreht hat, einschließlich Happy-End. Lynch reloaded bzw. neu aufgebrüht. Gibt´s auch was Neues? Wenig.

 

Nicht richtig toll also, das "Inland Empire". An den Schauspielern liegt das nicht - die liefern durchweg eine Performance ab, die sehenswert wäre, wenn Lynch nicht soviel Lyncheskes dazwischengeschnitten hätte. Allen voran zeichnet sich Laura Dern aus, die ich weder in "Blue Velvet" noch in "Wild At Heart" ausstehen konnte, die mich hier aber mit Davids kruder Freakshow versöhnt. Und das ist nicht einfach, da die Drei-Stunden-Tortur auch optisch krankt. Meister Lynch war leider der Ansicht, seinen neuen Film unbedingt auf einer handelsüblichen Digital-Video-Kamera drehen zu müssen. Das sieht man dem Werk leider auch an: ein einziges zittriges Geschliere. Ja, klar, David wollte das sicher so, vielleicht, damit der fiktionale Charakter des Film noch sichtbarer wird - oder dekonstruiert oder so ähnlich. Doch in Wirklichkeit quält er den Zuschauer drei Stunden mit verwaschenen Bildern, selten scharf, noch nicht einmal ruhig, weil der pumpende Autofokus, der sonst Amateurfilme enttarnt, in der Dunkelheit der Lynchschen Phantasie nichts zum Scharfstellen findet. Schon klar, das soll heißen: so wie wir Zuschauer halt auch unseren Verstand auf nix scharfstellen können. Oder so.

Damit wir uns richtig verstehen: David Lynch bleibt für mich der größte lebende Regisseur. Aber ein Film ist "Inland Empire" - zumindest im narrativen Sinne - nicht, eher eine nervtötende Installation. Wäre das World Wide Web schon so weit wie Lynchs Gehirnwindungen, man müßte diese Videoinstallation via Hyperlinks in sich selbst verlinken. Vielleicht also eine Art Hyperfilm, ein Wiki-Movie; aber eben nur für ganz harte Fans geeignet.

Der Rezensent wollte "Inland Empire" wirklich mögen wollen. Aber er tut sich ein bißchen schwer, Ihnen diese Tortur vorbehaltlos zu empfehlen ... Trotzdem: The owls are - bekanntlich - not what they seem.

Andreas Winterer

Inland Empire

ØØØ 1/2


USA/Polen 2006

172 Min.

Regie: David Lynch

Darsteller: Laura Dern, Justin Theroux, Jeremy Irons u. a.

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Kommentare_

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Gerhard - 29.04.2007 : 20.32
Naja - nach dem Lesen dieser Kritik war ich dann von (guten) dreieinhalb Ringen doch etwas überrascht. Da hatte Filmszene.de weniger Gnade.
Andreas Winterer - 04.05.2007 : 16.20
Ein oder zwei Punkte = schlecht, doch nein, schlecht ist der Film nicht. Vier oder fünf Punkte = gut, und gut ist er eben auch nicht. Drei Punkte = Mittelmaß, sorry Nein!, auch das ist eben nicht der Fall. Inland Empire ist zwar eine Tortur, aber deutlich besser als nur mittelmäßig. Ziehe ich mir zum Beispiel all die gnädigen Geht-Schon-Reviews der SF-Frechheit Sunshine rein, einer richtiggehenden Beleidigung des Zuschauers, dann schneidet Inland Empire im Vergleich immer noch gut ab. Ja, er ist eindeutig ein Solotrip, (vielleicht) unverständliche Kunst, meinetwegen sogar "verschwurbelt"; - aber wenigstens hält mich sein Macher nicht für blöd. Daher 000 1/2 vom Rezensenten, plus ein Text mit ein paar Warnungen, eben auch der, dass man sich Inland Empire wohl nur unter Qualen ansehen kann. Wer will sich schon mit etwas beschäftigen, das einen kalt lässt?
Gerhard - 07.05.2007 : 15.17
Ok - überzeugt. Ich werd ihn mir ansehen.
Gerhard - 02.08.2007 : 08.36
Habe den Film gestern endlich gesehen. David Lynch hat es diesmal einfach ein wenig übertrieben. 30-40 Minuten weniger hätten dem Film gut getan; und die andauernde Wiederholung der immer wieder gleichen Effekte fadisiert auch etwas mit der Zeit. Wieder mal Taschenlampenlicht dort, etwas Unschärfe hier usw.
Ein Lynch, der diesmal leider etwas über das Ziel hinaus schießt.

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