Kolumnen_Kolumnen, die die Welt nicht braucht #52

Entfolgen: einer der wenigen Vorteile des Alters

Immer wieder ist von junger Literatur die Rede, und wenn davon die Rede ist, dann nicht von uns. Und das ist nur einer der vielen Vorteile des Alters, über die unser gealterter Star-Kolumnist Sie heute informieren wird.    21.01.2020

Neulich ging ich irgendwohin, in keine bestimmte Richtung. Das tue ich immer wieder mal, um die Algorithmen zu verwirren, die mich analysieren wollen. 

Das wissen die Algorithmen natürlich längst und haben es in ihre Berechnungen eingepreist: "Was macht er heute? Ah, er verhält sich heute 'unberechenbar', geht also wahrscheinlich in irgendein Café, in dem er sonst auch immer seinen immer gleichen doppelten Cappuccino schlürft, ißt - völlig überraschend! - ein Croissant, geht dann woanders hin, dies aber über eine andere der fünf möglichen Routen ... wow, voll unberechenbar, Respekt ..."

 

Die Algorithmen glauben längst, mich zu durchschauen, aber natürlich verhalte ich mich absichtlich scheinbar berechenbar, um, eines Tages, wenn es darauf ankommt, meine wahren Unberechenbarkeit unter Beweis zu stellen und ihnen meine ultimative Demütigung reinzupressen in Form des Absoluten Spontanen.

Denn Algorithmen sind unsere Feinde. Ich begebe mich in große Gefahr, indem ich ein so heißes Eisen dermaßen öffentlich anpacke, auf der anderen Seite: Ein Journalist und Kolumnist, der keine Feinde hat, der macht bloß Propaganda. Für das System und dessen Status quo. Daher gilt: Wer nicht schon nach seiner ersten Kolumne erschossen oder wenigsten niedergestochen wurde, der ist ein Steigbügelhalter des Systems, ein devoter Speichellecker mit dem Rückgrat eines mehrfach geknoteten Regenwurms.

Immerhin wird man auf diese Weise alt, was aber nicht ausschließlich unangenehm ist, wie ich seit Beginn dieser Kolumne zu erklären versuche.

So gehört es beispielsweise zu den Vorteilen des Alters, daß man nicht mehr jedem in den Arsch kriechen muß. Sondern nur noch einigen wenigen. Und daß man spontan sein kann. Heute hü, morgen hott, und immer schön die Fahne gegen den Wind hängen. Das kann nur, wer sich freigemacht hat von der Zwanghaftigkeit der Jugend, in allem einen Sinn zu sehen. Wer nur lange genug gelebt und Philosophie gelesen hat, weiß ohnehin, daß es keinen gibt.

Der Weg ist ja heute vor allem deswegen das Ziel, weil es gar kein Ziel mehr gibt. Oder doch nicht? Das Absolute Spontane wäre ein Ziel, das sich im Handumdrehen erreichen ließe. Leider ist der Weg dorthin ebenso kurz wie berechenbar. Schlimmer noch - es läßt sich nicht erzwingen, ebenso wenig wie eine Kolumne voll sinnvoller Sätze. Dennoch muß man es, mit Camus quasi, versuchen, und das Absurde mit Hilfe des vergeblichen Bemühens in die Flucht schlagen!

 

Worauf ich aber eigentlich hinauswollte: Neulich also ging ich irgendwohin, in keine bestimmte Richtung, und kurz, nachdem ich mal wieder wichtigen Mitmenschen nicht in den Arsch gekrochen war. Da bemerkte ich, daß mir jemand folgte.

"Was machen Sie da?" fragte ich.

Er druckste ein wenig rum, dann ...

"Ich folge Ihnen", sagte er.

"Lassen Sie das", forderte ich ihn auf. "Entfolgen Sie mir gefälligst!"

Was war passiert? Ich hatte ihn entfolgt! Und zack, hatte ich einen Follower weniger. Mit einem Troß von Followern durch die Gegend zu ziehen kann ja auch sehr nervtötend sein, denken Sie nur an Jesus und wie es endete. Doch gerade unter Jugendlichen ist das Gefolge üblich, einer folgt dem anderen, alle folgen den Trends, keiner will mal entfolgen.

 

Entfolgen ist daher einer der wenigen Vorteile des Alters. Bedingt durch allein die schiere Zahl von Jahren, in denen man unfundierte Meinungen und trotzige Ichfindeabers in irgendwelchen nichtendenwollenden Meetings und anderen unwillkommenen Gesprächsanlässen erdulden mußte, hat der gealterte Mensch einfach kein Interesse mehr, diesem ganzen dampfenden Mekonium zu folgen. Und will auch nicht mehr, daß man ihm folgt.

Sie also sind ein Fan?

Bitte nicht!

Bitte "entfolgen" Sie mir!

Und auch allen anderen!

Denn schon das Wort "entfolgen" zeigt ja, daß im Social das gleiche S wie in Satan steckt, und eigentlich wollte ich diesmal nur das sagen und sonst nichts, der ganze Rest war sozusagen nur die Verpackung für das Wort "entfolgen", sorry, daß Sie das lesen mußten.

 

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Das Bilderrätsel:

Wer fällt auf sowas rein?

Andreas Winterer

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