Kino_Old Boy

Rache verbindet

15 Jahre Einzelhaft - ohne jede Angabe von Gründen, ohne ein menschliches Gesicht, ohne Gnade, ohne sichtbares Ende. Und das ist in diesem südkoreanischen Film erst der Anfang.    03.12.2004

Film ab. Wir befinden uns in einem südkoreanischen Polizeiwachzimmer, wo ein dicklicher, rotzbesoffener Mann, der offenbar wegen Randalierens festgenommen wurde, unermüdlich weiterrandaliert und Blödsinn redet. Als ihn endlich ein Freund abholt, verabschiedet er sich mit einer obszönen Geste und wartet dann vor der Telefonzelle, während sein Retter mit der besorgten Familie spricht und der Tochter versichert, daß der Herr Papa trotz aller Schwierigkeiten nach Hause kommen und ihr zum Geburtstag gratulieren wird. Als der Freund sich umdreht, ist der Betrunkene jedoch verschwunden. Nur ein violetter Regenschirm bleibt zurück. Sonst nichts.

Film stoppt. Leben stoppt. Der Mann, über dessen Beruf und Lebenssituation wir nichts weiter erfahren, erwacht in einem geschmacklos eingerichteten Zimmer mit Bildtapetenaussicht. Dort wird er die nächsten 15 Jahre seines Lebens verbringen. Seine einzige Gesellschaft ist ein Fernsehapparat, der ihn mit Wissen und Informationen versorgt - auch der Information übrigens, daß seine Frau ermordet wurde, und zwar von ihm, wie alle Beweise belegen. Die stummen Wärter, die ihn mit Essen und Psychopharmaka (gegen den Wahnsinn) versorgen, die ihn gelegentlich betäuben und reinigen, bekommt er nie zu sehen. Er hat nur seinen Schatten, gegen den er boxt und kämpft. Er hat nur die Wände, gegen die er schlägt. Er versucht sich umzubringen, aber vergebens. Er tätowiert sich die Jahre seiner Gefangenschaft in die Hand. Er notiert die Namen aller paar Hundert Menschen, die ihm das angetan haben könnten. Er löst mit einem überflüssigen Eßstäbchen einen Ziegelstein in der Mauer. Und gerade als er endlich die konkrete Möglichkeit zur Flucht hat, wird er wieder betäubt.

Film wird grell. Der Mann ist wieder in der wirklichen Welt (nachdem er sich aus einem Schrankkoffer befreit hat): abgemagert, verbittert, vom verlorenen Leben gezeichnet. Er befindet sich auf dem Dach eines Hochhauses, wo gerade ein Selbstmörder kurz vor dem Absprung steht. Er zwingt dem Lebensmüden seine Leidensgeschichte auf und geht, läßt den Typen springen. Die Rache wartet.

 

Film rast los. Der Mann macht sich auf die Suche nach dem, der ihm das angetan hat, der ihm sein Leben gestohlen, seine Frau ermordet, seine Existenz zerstört hat. Er lernt ein hübsches junges Mädchen kennen, das fast ebenso verwirrt ist wie er, und tut sich mit ihm zusammen, immer enger. Er folgt Spuren, befragt mit höchster Brutalität (wer Angst vor dem Zahnreißen hat, sollte sich "Old Boy" nicht antun) verdächtige Charaktere, prügelt sich scheinbar unbesiegbar durch die Schattenwelt. Er merkt zwar bald, daß er stets belauscht, kontrolliert und manipuliert wird, aber das hält ihn nicht auf. Schließlich findet er seinen Feind, tötet ihn jedoch nicht - weil er dann nie wüßte, warum er diese Tortur durchmachen mußte. Und er hat keine Ahnung, daß er den Höhepunkt seines Leids, den Gipfel der Demütigung noch lange nicht erreicht hat, daß sein Erzfeind noch viel tiefere Abgründe für ihn geschaufelt hat, daß das Ende um einiges bitterer wird, als selbst er sich das vorstellen kann.

Film tut weh. Zumindest ein Film wie "Old Boy" vom koreanischen Regisseur Chan-wook Park, der mit den Erfolgsstreifen "Joint Security Area" und "Sympathy for Mr. Vengeance" schon zeigte, daß er vor nichts zurückschreckt. Daß es ihm völlig egal ist, wenn die Psyche des Zuseher fast so heftig belastet wird wie die seiner Protagonisten, dieser unglücklichen Sadisten und Underdogs, die sich durch griechische Rachetragödien quälen, unausweichlich ihrem Schicksal folgen müssen, bis zum gemeinen und äußerst blutigen Höhe/Tiefpunkt. Und natürlich zeigt er auch mit seinem neuen Film wieder, daß er etwas kann.

Film pur. "Old Boy" ist ein Thriller voller überraschender Wendungen, wie ihn Hollywood nie zusammenbringen wird - was beispielsweise David Fincher mit "The Game" belegte. Die "plot twists" bei Chan-wook Park kommen einem nie aufgesetzt vor, sondern tun genau dort weh, wo sie wehtun müssen, wecken Entsetzen, wo man es nie vermutet hätte. Rache kann nur zu Katastrophen führen - und doch ist sie unausweichlich, notwendig und verständlich, zumindest für die, die bei Verstand bleiben wollen. Der bis zum Schluß manipulierende Psychopath, der den Protagonisten so übel bestraft, tut dies nur, weil er selbst schuldig geworden ist und das nicht zugeben kann. Am Ende jedoch ist auch sein Leben vorbei, weil seine Rache vorbei ist.

Film aus. Die Bilder in "Old Boy" sind gewalttätig, unvergeßlich, manipulativ, manchmal (vor allem anfangs) schwarzhumorig und surreal. Die Kamera ist zuerst böse, später dann mitfühlend und am Schluß sogar poetisch. Und der Zuseher, der wegen der Gore-Effekte nicht gleich den Dumm-Moralischen kriegt, der sich von der brutalen Action nicht abschrecken läßt, ist am Schluß geläutert - wenn auch nicht so wie der Mann, um den es hier geht. Aber sowas wünscht man ja auch niemandem. Obwohl ...

Peter Hiess

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Old Boy

ØØØØØ


Südkorea 2003

120 Min.

Regie: Chan-wook Park

Darsteller: Min-sik Choi, Ji-tae Yu, Hye-jeong Kang u. a.

 

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Dr. Trash empfiehlt: Gehen Sie in den Wald. Lassen Sie sich dort von sinnlosen Wandertafeln erläutern, wie man atmet und ein Bein vor das andere setzt. Denken Sie immer daran, daß sowas Beamte erfinden, die von selber tatsächlich nicht einmal Luft holen können. Verzweifeln Sie erst, wenn Ihnen ein Wegweiser mit Hinkelstein-Esoterik droht. Bleiben Sie stehen und lassen Sie Ihrer Zerstörungswut freien Lauf.  

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