Kolumnen_Kolumnen, die die Welt nicht braucht #44

Das wird man zu Weihnachten wohl noch sagen dürfen!

In den Wochen vor Weihnachten ignoriert ein Kolumnist entweder das monströse Fest - oder er stellt sich seiner verdammten Verantwortung! So wie Ihr zweitliebster Kolumnist in einer weiteren Kolumne, die die Welt nicht mal geschenkt haben will.    09.12.2014

Weihnachten ist die Zeit der Phrasen: Trotz eisiger Kälte gibt man sich ein fröhliches Stelldichein mit geselligem Beisammensein bei wohligem Kerzen- und Tannenduft, doch statt roter Bäckchen und beschaulicher Stimmung im feierlichen Rahmen gibt es nur lange Gesichter unterm Weihnachtsbaum. Liegt es am allgegenwärtigen Nougat- und Krokant-Armageddon für die Schleckermäuler und Naschkatzen? An Konsumwahn, Kaufrausch, Shopping-Ekstase? Nein: Immer mehr Menschen wissen einfach nicht mehr, welche Phrasen sie rund um Weihnachten dreschen dürfen und welche nicht. Ja, mehr noch: Einige haben nicht mal ansatzweise Vorstellungen davon, welche Floskeln sie sagen könnten. Als Ihr beratender Kolumnist habe ich Ihnen deswegen ein buntes Potpourri potentiell weihnachtlicher Sprachhülsen zusammengetragen und auch gleich auf Festalltagstauglichkeit geprüft.

 

"... jedes Jahr früher!"
Einen solchen Satz zu sagen legt dar, daß Sie ein messerscharf denkender Mensch mit dem IQ eines Quantenphysikers sind, der gemerkt hat, was andere einfach nicht mitkriegen wollen: daß seit Jahren alljährlich der ganze Adventszirkus "jedes Jahr früher" losgeht.

Zu Jesus´ Zeiten gab es ihn ja überhaupt nicht, QED! Doch kaum war er tot, begann der Rummel schon am 11. November (lesen Sie´s nach!). Inzwischen raketenstartet die marzipanverklappende Biskuitindustrie schon im Sommer mit industriemarmeladegefüllten Lebkuchenherzen ins Besinnlichkeitsinferno. Die Folge: Auch den Satz "... jedes Jahr früher!" sagen alle jedes Jahr früher.

 

"Und, was machst du zu Weihnachten?"
Diese Frage signalisiert nicht etwa Interesse. Sie teilen Ihrem Umfeld damit prägnant und kompetent mit, daß Sie zu Weihnachten etwas dermaßen Actiongeladenes vorhaben (zum Beispiel eine Kreuzfahrt auf dem Ganges), daß man Sie unbedingt danach fragen sollte. Antwortet jemand "nichts" und stellt zudem die erhoffte Gegenfrage "Und du?" nicht, dann drängen Sie ihm einfach die Antwort auf. Das macht Sie sympathisch.

 

"Und, was wünschst du dir?"
Dieser Satz macht Sie scheinbar beliebt. Sie zeigen damit, daß Sie an andere Menschen denken, etwas schenken wollen. Doch Vorsicht: Der Satz zeigt auch, daß Sie ein phantasieloser Gnom ohne eigene Ideen sind. Vielleicht auch besser so, weil in Wirklichkeit ja ohnehin keine Sau all die "ungewöhnlichen X-mas-Geschenke" will, die einem der Blätterwald derzeit hündisch-ergeben aufdrängt. (Schenken Sie lieber ein anheimelnd-kuscheliges-grauenvolles Buch von EVOLVER BOOKS, zum Beispiel meins.)

 

"Wir schenken uns dieses Jahr nichts."
Das klingt nach Vernunft, nach ressourcenschonender Nachhaltigkeit und nach anderen Tugenden. Es kann aber auch bedeuten: "Glaub bloß nicht, daß ich alter Knauserer mir die Mühe mache, ein (ungewöhnliches) Geschenk für dich aufzutreiben und dafür auch noch mein sauer Verdientes hinzublättern." Merke: Wer diesen Satz äußert, kriegt garantiert nichts. (BTW: Wenn man den Satz hört, wird man deppert angeschaut, wenn man sich tatsächlich dran hält!)

 

"Können Sie mir das bitte in Geschenkpapier einpacken?"
Diesen Satz hört man rund um den X-mas-Fun-Event häufig und kann ihn daher getrost auch selbst in die Konversation plätschern lassen, es sei denn, es geht um die Wurst, oder die Schlange hinter Ihnen ist bewaffnet. Die Aufgabe, den hastig geshoppten Instant-Ramsch wenigstens selbst in Papier zu wickeln, muß einigen Wichten wahrhaft herkulisch erscheinen.

 

"Dieser furchtbare Weihnachtsstreß, dieses Gewühl ...!"
Diesen Satz müssen Sie unbedingt mal sagen. Er ist sehr außergewöhnlich, selten zu hören, ein funkelndes Unikat. Sie sind gewiß der einzige mit dem Klammerbeutel Gepuderte, der sich in den mehrfach gewundenen Schlangen vor irgendwelchen iPads und iPhones und Transformers-Plastikplunder die Beine in den Bauch steht. Ebenso wie Sie gewiß der einzige sind, der sich mit dem Auto schon heute/erst jetzt in die Innenstadt aufmacht, um dort 100prozentig besinnlichkeitsfrei irgendwelche mehrfachnutzlose Firlefanzprodukte zu erstehen.

 

"Ich habe noch nicht mal alle Weihnachtsgeschenke ..."
Ganz schlecht. Jeder weiß nun, daß Sie ein desorganisierter Gnom sind, den man besser nicht anstellen/heiraten/kennen sollte.

 

"Pah, ich habe schon seit Wochen alle Weihnachtsgeschenke ..."
Ganz schlecht. Jeder weiß nun, daß Sie ein kontrollsüchtiger Gnom sind, den man besser nicht anstellen/heiraten/bei Facebook verknüpfen sollte.

 

"(Hach,) Weihnachten ist so furchtbar materialistisch geworden ..."
Ja, das klingt ganz leicht konsumkritisch und auch an-reflektierend. Aber in Wirklichkeit geben Sie damit zu, ständig nur in irgendwelchen überheizten Kaufhäusern bei X-mas-Klingelingeling-Bedröhnung abzuhängen, um Petting mit "Preisreduziert!"-Wühltischen zu haben. Hätten Sie statt kaltherziger Konsumkathedralen täglich eine Weihnachtsmesse besucht, würden Sie diesen Satz sicher nicht sagen (sondern über das furchtbare dröge Georgel klagen).

 

"XY hat doch eh schon alles."
Dieser Satz klingt auf den ersten Blick richtig, hält aber keiner wissenschaftlichen Analyse stand. Niemand hat "alles", denn sonst hätten alle anderen "nichts". Ergo blanker Unsinn, selbst US-Republikaner schaffen das nur ansatzweise. Aber ich weiß natürlich, was Sie meinen: Sie wollen sich mal wieder drücken oder haben mal wieder keine Idee. Verschenken Sie einfach "etwas Ungewöhnliches", zum Beispiel WC-Reiniger.

 

"Ich kaufe dieses Jahr eh alles bei Amazon."
Nein, das sagen Sie lieber nicht. Erstens outen Sie sich damit als asozialer Misanthrop. Zweitens ist der Neuigkeitswert gegenüber dem Vorjahr gering. Möglich ist auch, daß lokale Händler, die diesen Satz hören, mit Baseballschlägern auf Sie losgehen. Zugegebenermaßen reizt es mich persönlich wohl nur deshalb, diese Meinung lautstark in Buchhandlungen zu vertreten, sobald sich nicht sofort ein Verkäufer kotauend vor mir in den Staub wirft ...

 

"Ich kaufe dieses Jahr nichts bei Amazon."
Diesen Satz müssen Sie unbedingt mal sagen. Er verleiht Ihnen die (leider nur schwer photographierbare) Aura eines widerspenstigen Individualisten, der sich seinem kapitalistischen Karma quer in die Marschflugbahn stellt und bereit ist, auch abseits ausgetretener Einkaufspassagen neue Wege zu wagen. (Aber vielleicht haben Sie einfach nur kein Geld, Sie armer Tropf.)

 

"Ich kaufe dieses Jahr gar nichts."
Ein Must-say, if I may say so. Sie geben sich damit als Konsumwahngeheilter, als Mainstreamverweigerer, als weiß-rot-leuchtendes Vorbild der Suffizienzbewegung zu erkennen. Es bedeutet allerdings auch, daß Sie niemandem was schenken werden. Womit Sie als Kandidat für eine Einladung zu meiner X-mas-Party schon mal durchs Raster rutschen, Sie Groschenfuchser.

 

" 'X-mas?' Wieso eigentlich dauernd 'X-mas'?!?!"

Aus Trotz, obwohl es natürlich saudumm ist und schlimmer nervt als Band-Aid-Christmas-Songsülze.

 

"Die stanzen all die unverkauften Nikoläuse nach Neujahr zu Osterhasen um!"
Ein hervorragender Satz, der Ihnen viele erstaunte "Ist das wahr?"-Nachfragen bescheren wird. Allerdings nur, wenn Sie vorher die Alu-Mütze abnehmen.

 

"Ho-ho-ho!"
Spitzensatz, am besten grundlos und mehrfach täglich unter Kollegen äußern, gut auch in Meetings.

 

"Wir wollten uns doch nichts schenken!"
Euphemismus für "Mist, ich habe nichts für dich!" Klüger als diesen Satz zu sagen ist es, allzeit bereit zu sein: mit Geschenken, die man immer schenken kann (Süßwaren, Schnäpse, Socken, Bücher, WC-Reiniger).

 

--
Das Bilderrätsel:

Wann sind Sie eigentlich rund um Weihnachten wirklich "froh"? Mal im Ernst, jetzt!

Andreas Winterer

Kommentare_

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carmen - 11.12.2014 : 16.59
WEIHNACHTEN..., die schönste Zeit des Jahres.
-Das darf man/frau zu Weihnachten wohl noch sagen?-

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