Kolumnen_Miststück der Woche IV/35 - Leserwunsch #45

The Beatles: "Got To Get You Into My Life"

Es ist, wie es ist: Die vier Pilzsucher aus Liverpool sind auch 1000 Jahre nach ihrer Trennung und immerhin 750 Jahre nach dem tragischen Dahinscheiden von John Lennon immer noch die beliebteste Band auf dem Planeten. Das erkennt Manfred Prescher anhand des aktuellen Leserwunsches aus dem Album "Revolver".    20.07.2015

Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf - und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, daß du nur noch die Welt retten mußt oder daß Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?

In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.

 

Bereits zweimal waren die Beatles Gegenstand dieser Kolumne: Einmal, im Dezember 2006, ging es darum, daß jedes Jahr zu Weihnachten wieder dank eines "neuen" Re-Re-Release der Pilzköpfe die Kassenglöckchen süß klingen. Im August 2010 ging ich dann - kurz vor der 200. Miststück-Ausgabe - davon aus, daß das Ende dieser zutiefst segensreichen Kolumne nahen würde. Und deshalb zählte ich mit Songs wie "Three Times A Lady", "Two Little Hitlers" oder "One Step Beyond" rückwärts.

Die Herren McCartney, Lennon, Harrison und Starkey waren mit "Eight Days A Week" dabei. Schließlich steht schon, vermutlich in der Bibel oder in "Hulk", daß der Kolumnist am achten Tage ruhen, den Bleistift auf den Tisch fallen lassen und sich auf das schönste Mädel des Lebens oder so freuen soll. Die Kolumne ging aber trotz oder wegen der vier Musketiere des Pop nicht unter. Genauso wie die Beatles selbst - denn die sind, ähnlich wie Kakerlaken, nur halt viel besser singend und musizierend, evolutionsmäßig nicht ausrottbar. Auch nicht vom nachgewiesen schlechten Geschmack der ohnehin breiten Massen.

Und nun spielt rein zufällig der Wunsch-Song von den Fab Four eine Rolle in einem Film, der so etwas wie eine Mischung aus animiertem Weltuntergangspotential und überdrehter Magical Mystery Tour mit enormem Unterhaltungswert ist: "Got To Get You Into My Life" paßt zum Soundtrack des "Minions"-Streifens, in dem es eher "Frieden schaffen mit Strahlenwaffen" als "Poppe, nedd kloppe" heißt. Wenn jemand die Welt an den Rand des Abgrunds bringen könnte, dann wären es die putzig-blöden Plappermäuler aus dem Hause Universal. Aber keine Angst, die sind erstens nicht echt, und zweitens liegen weltweit so viele Beatles-Platten herum, daß man - Frau, Kind, Katze, Hund und Meerschwein natürlich auch - sanft auf Stapeln von "Help!", "Let It Be" oder "Revolver" landen könnte(n). Übrigens: Würde man alle je verkauften Vinylplatten der Pilzraucher in Öl zurückraffinerieren, wären die globalen Treibstoffprobleme für 4.832 Jahre gesichert - und ich könnte der besten Liebespartnerin von allen einen VW Phaeton kaufen. Diese Luxusliner sind preiswert, aber leider gehen ja die fossilen Brennstoffe zur Neige.

Alle Cover aller jemals über die Ladentische, den Jordan oder den "Ferry Cross The Mersey" gegangenen LPs, Singles oder CDs so übereinandergestapelt, daß sie nicht umkippen wie ein "Helene Fischer Ultra" in der ersten Reihe beim Open-air, würden einen Berg ergeben, der von Liverpool oder Obereinherz aus bis zum Uranus und von dort eine Kurve um den Pluto herum drehend zurück bis nach Entenhausen, ans Haus von Micky Maus reichen würde. Und würde man gar die Downloads in analoges Kulturgut umwandeln, könnte man leicht auf Beatles-Hüllen bis zum nächsten schwarzen Loch laufen und Helene-Fischer-CDs drin versenken.

 

"Revolver" ist die beste aller Beatles-Platten, zumindest, wenn ihr mich nach meiner Meinung fragt. Was ihr natürlich tut, sonst würdet ihr ja nicht brav und Woche für Woche diese Kolumne lesen. Das Album feiert nächstes Jahr im August auch schon seinen 50. Geburtstag; die 14 Songs, darunter meine Lieblinge "And Your Bird Can Sing", "Here, There And Everywhere", "Eleanor Rigby" und das immer noch sehr wahre Harrison-Stück "Taxman", sind einfach - genau - unverwüstlich. Ich hör´ die Platte immer wieder gern. Auf "Yellow Submarine" kann ich allerdings mittlerweile verzichten, dafür bin ich zu alt. Der Song läßt sich aber gut und gern an den Minions-Nachwuchs in nächster Nähe vererben: Generationen von Siebenjährigen werden auch das "gar lustig Liedel" (Fredl Fesl) lieben - und es sich von Ringo vorsingen lassen.

Das vorletzte Lied auf Seite zwei, die sehr schön mit Lennons "Tomorrow Never Knows" ausklingt, ist "Got To Get You Into My Life", ein recht wuchtiges Humpta-Stück aus der Feder meines musikalischen Lieblings-Beatles Paul McCartney. Ich schränke es auf "musikalisch" ein, weil Lennon cooler war und echt coolen Scheiß zu Kunst gemacht hat. Wer seine Bücher kennt, der weiß, daß John-Boy ein echter Scherzkeks war, der natürlich auch beim "Bed in"-Happening mit Yoko Bono seinen kreativen Spaß hatte. "Got To Get You Into My Life", das 1976 - und damit zehn Jahre nach der Veröffentlichung von "Revolver" und sechs nach dem Aus der Gruppe - mit der B-Seite "Helter Skelter" in die US-Top-Ten kam, ist, wenn wir Lennon glauben wollen, einer der besten McCartney-Tracks überhaupt. Und glaubt es ruhig, der Mann kannte jeden Ton seines Kollegen in- und auswendig.

 

 

Das Thema ist zeitlos: Ein Mensch, der immer und immer wieder mit Beziehungsproblemen zu kämpfen hat, auf falsche Partner setzt und sich selber in seinen Unzulänglichkeiten verfängt, findet jemanden, der paßt. Den muß er dann einfach in sein Leben lassen. Der Text ist natürlich noch recht oberflächlich, "Got To Get You Into My Life" ist halt ein einfacher, einfach guter Popsong. Um ihn zu transkribieren, müßte man entweder auf die Literatur des Psychologen und Urologen David Schnarch setzen, oder - was sich viel lyrischer liest - auf den jungen Reinhard Mey: "Manchmal wünschte ich, meine Liebe wär´ ein Haus/Mit hellen Fenstern, hohen Türen/Und du sähst, Dach und Giebel ragen hoch hinaus/Könntest sie sehen und berühren/Dann hättest du den Schlüssel für das Tor/Zu allen Zimmern, allen Schränken/Und deine Freiheit einzuschränken/Legtest nur du die Riegel selber vor/Manchmal wünschte ich, meine Liebe wär´ ein Haus/Mit Giebeln, die zum Himmel ragen/Mal´ ich dir meine Liebe schon vergebens aus/Will ich sie dir wenigstens sagen." Also hereinspaziert in die gute Stube. Drin läuft gerade "Good Day Sunshine", auf das dann "And Your Bird Can Sing" und "For No One" folgen werden. Ich wette meine "Revolver"-LP mit dem Cover-Artwork von Klaus Voormann, daß dir das gefällt. Wenn nicht, ist noch was von Depeche Mode im Regal.

Nächste Woche werde ich einen weiteren Leserwunsch erfüllen, ist ja klar. Aber welcher wird es sein? Ich spann´ euch nicht auf die Folter: Es wird um Michael Jackson und "Thriller" gehen. Gerade stelle ich mir vor, wie statt der seltsamen Zombies kleine gelbe Minions durch das legendäre Video geistern, aber das wäre letztlich Jacko wie Hose. Wir lesen uns nächste Woche wieder, ihr wißt ja, wo ihr die Kolumne findet. Bis dahin: Laßt euren Partner oder eure Partnerin in euer Leben, macht aus eurem Herzen keine Mördergrube und grabt nirgendwo Gruben, die ihr nicht genug absichert.

Manfred Prescher

The Beatles: "Got To Get You Into My Life"

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Enthalten auf der CD "Revolver" (Apple/Universal Music)

Links:

Fuck The Beatles

Rokko´s Adventures im EVOLVER


Sie gelten als wichtigste Pop-Band aller Zeiten: die britischen Pilzköpfe, die die Massen zum Kreischen, die Kassen zum Klingeln und die Plattenfirmen zum Re-releasen ohne Ende brachten. Dr. Nachtstrom rechnet für Team Rokko mit seiner eigenen Beatles-Vergangenheit ab und berichtet über Verschwörungstheorien rund um das legendäre Zweimann-Quartett. Ein Mann schreibt sich frei.

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