Kolumnen_Fundamentalteilchen 16/416: Der Winter steht vor der Tür

Wolle mer ihn reinlasse?

Nach dem "Miststück der Woche" kommen die "Fundamentalteilchen". Lesen Sie jetzt die 16. Ausgabe von Manfred Preschers musikalischem Walkürenritt für die Ewigkeit - feat. Deine Freunde.    09.12.2020

Ich zapfte mir den zweiten Espresso des Morgens und wunderte mich. Mein Bruder hat nämlich die übersinnliche Fähigkeit, immer dann anzurufen, wenn gerade die Kaffeemaschine ihr mahlendes, zischendes und ratterndes Werk verrichtet. Aber nichts war geschehen, also wollte ich schon aufatmen und den Tag so preisen, wie ihn mir der Herr oder die Königin von Melmackzack geschenkt haben. Daher ratterten sich die Bohnen ein weites Mal friedlich zu Kaffeestaub, als das Telefon mit einer derartig impertinenten Dringlichkeit losschellte, daß ich erst erschrak, dann eine Wut auf den Hersteller bekam und schließlich mit der dampfenden Tasse in der Hand den Hörer abnahm und den "Freisprechen"-Button drückte.

 

"Hier ist der automatische Anrufbeantworter von Mampf. Es steht Ihnen frei, zu sprechen oder die Klappe zu halten und später noch mal durchzuklingeln. Wobei es würdig und recht wäre, wenn Sie dieses 'Später' auf eine möglichst entfernte Zukunft verschieben könnten. Piiiiieeeepp!"

Mein Bruder ignorierte diese Nachricht an ihn geflissentlich, aber das war ja klar - und wieder mal typisch für ihn und die ihm innewohnende Hartnäckigkeit. Er murmelte kurz etwas, das wie "Armleuchter" klang, und legte dann los wie die Feuerwehr seinerzeit in "Flammendes Inferno". Aber natürlich brannte es bei ihm höchstens unter dem Kittel.

"Hast du schon mal vor die Tür geschaut?"

"Nein, warum denn? Da ist es bestimmt nicht so garstig wie seinerzeit bei Herrn Beckmann in 'Draußen vor der Tür'."

"Na, dann guck doch mal raus!"

"Warum?"

"Der Winter steht vor der Tür."

"Da steht er doch gut!"

"Äh, aber ..."

"Du willst doch nicht etwa, daß ich ihn reinlasse?"

Mein Bruder stoppte das Geplänkel jäh, schalt mich "albern", was ich bestätigte, und erinnerte mich daran, daß bald Weihnachten sein würde. Deshalb wolle er gern wissen, was ich mir wünschen würde.

 

 


"Zuerst wünsche ich mir Frieden in den Mauern und Palästen meines Lebens, dann den Weltfrieden und ..." Er unterbrach mich. "Wieder so eine Unsitte, die ihm unsere Eltern anerzogen haben", dachte ich, brühte mir gleich einen doppelten Espresso, während ich das Telefon auf den Eßtisch legte und meinen Bruder brabbeln ließ, als sei er der leibhaftige Eminem. Jedes zweite Wort ging im Getöse des Vollautomaten und meiner Entfernung zum Mobilteil unter. "Das sind definitiv die positiven Seiten des Social Distancings", murmelte ich zu mir selbst, aber schließlich rückte das Telefon doch wieder in Hör- und Griffweite.

"Du kennst die neuen Bestimmungen für das Fest?"

"Ja, natürlich", log ich. Eigentlich hatte ich während der Nachrichten eine Folge "Fringe" geschaut, weil mir die Serie realistischer als unser Alltag in der Pandemie vorkam. Außerdem war mir auch ohne Jens "Söder" Spahn klar, daß man sich nicht in Großgebinden zusammenrotten würde dürfen, was mir aber sowieso bestens ins persönliche Fengshui paßte. Schade war nur, daß Hannes das "A Thousand Miles to Dublin" auch nicht öffnen würde können.

"Statt Sperrstunden gibt´s jetzt nun mal Sperrwochen", sagte ich etwas zu laut.

"Wie meinen?" fragte mein Bruder, und ich ging nicht darauf ein.

"Ich hätte einen 'Plandemie' ", fuhr er fort.

"Müßte es nicht 'eine Plandemie' heißen?" fragte ich.

"Keine Ahnung, das spielt doch keine Rolle. Aber wo du schon wieder mal beim Erbsenzählen bist: Ich plane unser Weihnachtsfest" - er sagte wirklich "unser" -, "und wen wollen wir denn einladen? Du weißt ja, es dürfen maximal zehn Personen aus zwei Haushalten sein."

 

 

Das wußte ich natürlich auch nicht, denn davon wurde in "Fringe" nichts erzählt. In der Folge, die ich guckte, ging es um eine düstere Parallelwelt, die aber wenigstens zwei Vorzüge gegenüber unserer Realität hatte: Von Corona Dignidad war keine Rede, und - was auch nicht zu verachten war - von meinem Bruder auch nicht. Er begann von den regional sehr unterschiedlichen Regelungen zu sprechen (ich hatte aber ohnehin nicht vor, nach Berlin, Bielefeld oder Barsinghausen zu reisen) und kam dann stracks zur "Impflicht durch die Hintertür".

Vielleicht sollte ich doch mal nachschauen, was draußen vor sich ging? Immerhin wurde es Zeit, mit den Hunden rauszugehen. Dringende Geschäfte müssen nun mal zeitnah erledigt werden. Allerdings lagen die beiden noch schlummernd auf ihren Kissen. Oder sie taten zumindest so. Ich sollte es ihnen gleichtun.

"ChrrrChrrr" - ich imitierte ein Schnarchen, was aber mißlang.

"Wenn du wirklich sägst, klingst du ganz anders", lachte mein Bruder und erinnerte mich daran, daß dieses Weihnachten ein Fest der Liebe ohne die Liebste werden würde. Das wußte ich natürlich, und ich wußte auch, wie das weitergehen würde: "No New Year´s Day to celebrate/No chocolate-covered candy hearts to give away."

 

 

Eigentlich hätte ich den Heiligen Abend oder einen der Feiertage am liebsten mit Nina, Rebekka, Horst und Herrn Lesch bei Hannes verbracht, aber wir hatten alle mehr oder minder terminlich an diese Zeit gebundene Verpflichtungen. Meine hing gerade am anderen Ende des Voice-over-IP-Kabels und nervte. Also lenkte ich vom Gespräch ab, nachdem er mich doch tatsächlich für den 24. Dezember zu sich nach Hause eingeladen hatte. "Schöne Bescherung", dachte ich.

"Ach, das ist sehr lieb von dir. Du baust doch sicher wieder die Krippe von Opa Heinz auf?"

"Die steht schon!"

Er meinte, daß er mich ausdrücklich auch im Namen seiner Frau darauf hinweisen müsse, daß ich weder meinen kleinen Blechroboter als Wächter vor das Gatter beim Stall noch ein Miniaturfoto meiner Ex in die karge Herberge von Ochs und Esel hängen dürfe. Das verstand ich natürlich. Beides paßte nicht in die biblische Szene und zu Bethlehem - auch wenn dieses spezielle Bethlehem eher an Schönberg im Bayerischen Wald erinnert.

 

 

"Nein, keine Sorge, das mache ich beides nicht. Aber eines muß natürlich sein."

Er seufzte so laut, daß nicht nur der Pudding sein Seufzen hörte, sagte aber nichts.

"Es ist an der Zeit, endlich den vierten König zur Krippe stellen!"

Irritiertes Schweigen am anderen Ende, also erklärte ich:

"Ohne Scheiß jetzt! Du kennst doch die biblische Geschichte. Bekanntermaßen waren es ursprünglich vier heilige Könige, die seinerzeit loszogen, das Jesuskindlein zu suchen. Caspar, Balthasar, Melchior - und Wendelin. Aber Wendelin hat sich unterwegs verlaufen und es bis heute nie bis nach Bethlehem geschafft. Du weißt ja, wie das ist. Mangelnde Beschilderung am Wegesrand, wie damals, als wir uns unweit von Pottenstein ..."

Er legte auf. Hätte er ein Telefon mit Hörer, hätte er den mit Schmackes auf die Gabel gedonnert. Ach, er benutzt ja tatsächlich so ein antikes Gerät. Drum knallte das so in meinem Ohr. Zufrieden ging ich vor die Tür, schaute kurz in die Richtung, in der ich Melmakzack vermutete und ließ mir von den Hunden den Weg in den Tag zeigen.

 

Manfred Prescher

Manfred Prescher - Es war nicht alles schlecht: Best of Miststück

Kolumnen 2005 bis 2020


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