Kolumnen_Fundamentalteilchen 17/417

Alte Freunde, neue Zeiten

Nach dem "Miststück der Woche" kommen die "Fundamentalteilchen". Lesen Sie jetzt die 17. Ausgabe von Manfred Preschers musikalischem Walkürenritt für die Ewigkeit - feat. Ina Müller.
   16.12.2020

Ich hatte Nick diese Aufkleber besorgt. Sie stammten noch aus meiner Radiozeit, und ich hatte eigentlich gar nicht mehr dran gedacht, daß es die noch gab. Aber Nick fand sie irgendwo in den Weiten des Internets und stellte sofort den Bezug zu mir her - was vermutlich nicht so schwer war. Ich muß vielleicht erwähnen, daß Nick und ich früher einmal super zusammenarbeiteten.

Gemeinsam mit meiner Ex habe ich versucht, ihm den Job zu retten, was allerdings gründlich mißlang. Dabei kann man einen kreativen Gesellen wie Nick immer gut brauchen, wenn es mal gestalterisch hakt. Er ist ein begnadeter Sprayer, der Hochhäuser mit Dinosauriern gestaltet, er photographiert für Kalender und kann als Graphiker auch Zeitschriften so runderneuern, daß plötzlich die Optik cool ist. Deswegen habe ich ihm auch den einen oder anderen Auftrag zukommen lassen. So hat er zum Beispiel die Getränkekarte vom "A Thousand Miles to Dublin" so wunderprächtig gestaltet, daß Hannes ihm schriftlich lebenslanges Freibier zusagte. Und für meinen Bruder bastelt er gerade eine Broschüre für die Wünschelrutenmassage. Auf das Ergebnis müssen wir allerdings noch warten, falls es uns überhaupt interessiert. Denn im Augenblick kann sich mein bescheuerter Verwandter nicht entscheiden, wie und mit welchen Worten er die anvisierte Zielgruppe überhaupt erreichen möchte. Ich habe Nick daher geraten, in der Zwischenzeit mal beim netten Herrn Lesch nachzufragen, ob er ein paar Photos braucht, auf denen er ins richtige Sternenlicht gerückt werden würde. 

 

 


Seit Nick also für meinen Bruder arbeiten soll, aber nur tatenlos zusehen kann, wie dieser einen Textversuch nach dem anderen ins Altpapier befördert, haben wir wieder Kontakt. Intensiver wurde unsere Kommunikation, als Nick wegen der Aufkleber so erregt war, daß er vor Freude an die Decke seines Arbeitszimmers donnerte. Zumindest kam es mir so vor, denn kurzzeitig verschwamm der Videochat, bevor er sich zu einem schwarzen Bildschirm auswuchs. Ich sah also nichts, aber ich hörte ihn fluchen. "Hallo, Nick, hier spricht das Kontrollzentrum. Alles in Ordnung bei dir da oben?"

"Mir ist die Kamera vom Laptop gefallen. Das blöde Ding hält einfach nicht mehr."

"Schade, Scheiße, kann schon mal passieren", antwortete ich und sagte, daß wir doch einfach ohne Cam weiterplaudern könnten. Dann wäre der Empfang klarer, und ich bekäme nicht nur Bruchstücke mit. Der Pegel meines Soundsystems wirkte ohnehin mehr wie das deutliche Zittern einer Wünschelrute, die oberhalb des Rheinfalls bei Schaffhausen nach Wasser sucht.


"Wie kommst du mit meinem Bruder klar? Er ist ein Idiot, musst du wissen ...", sagte ich.

"Das hast jetzt aber du gesagt", antwortete er. Mehr wollte er nicht über die nur langsam anlaufende Zusammenarbeit preisgeben. Das mußte auch nicht sein, denn ich kannte meinen Bruder. Und das schon lange. Wenn es um mich geht, hat er immer schnell einen oder meist mehrere schlau gemeinte Sätze parat. Die eigenen Angelegenheiten wurden allerdings nur mit viel Zaudern und Zögern, mit Drehungen und Wendungen erledigt.

 

 

Nick und ich wechselten also das Thema und redeten über Frauen. In seiner Ehe herrschte grad der wunderbare Einklang zweier verliebter Seelen. Blöd war nur, daß sie den von ihm gebuchten Hochzeitsurlaub immer noch nicht antreten konnten. Erst hatte das Geld nicht gereicht, weil ihn sein Chef vor die Tür gesetzt hatte, dann kam das Virus dazwischen. Nick und seine Frau mußten also noch länger verheiratet bleiben, wenn es mit dieser speziellen Reise noch klappen sollte. Aber das hatten sie ohnehin vor. Bislang hätten sie bloß Flittertage gehabt. Und seien nur bis ins Kleine Wulsertal gekommen. Es fühle sich, so Nick, an, als hätten sie ein halbes erstes Mal erlebt und seien auch nur halb verheiratet. Was freilich nicht stimmte, wenn er an den Steuerbescheid und das eheliche Glück und die Liebesnächte dachte.


"Es ist nur so ein Gefühl, das mich ab und an überkommt", sagte er und fragte weiter:

"Mit dir und Dagmar ist es aus?"

"Yepp", antwortete ich. Ich würde ihm auf keinen Fall verraten, wo sie hinverschwunden ist. Das könnte seinen kreativen Kopf nachhaltig verwirren.

"Schon komisch. Von meiner Warte aus betrachtet, wart ihr echt ein tolles Paar."

"Yepp", antwortete ich und dachte, daß das für ein paar Wochen gestimmt haben mochte. Ab wann das nicht mehr so war, wußte ich allerdings nicht. Hannes, der Barmann vom "A Thousand Miles to Dublin", war der Meinung, daß "Verliebte Jungs" zwar auf den Straßen tanzen konnten, aber Veränderungen bei der Partnerin zu spät oder gar nicht wahrnahmen. Das sagte ich allerdings nicht, sondern beließ es beim "Yepp".

"Sie hat ganz oft von dir geschwärmt. So kannte ich sie gar nicht", fuhr er fort.

"Das beruhte auf Gegenseitigkeit", sagte ich und hätte am liebsten "Kaum zu glauben!" gesagt, weil ich es kaum glaubte. Ich dachte daran, daß ich jedes Mal, wenn ich sie verließ und den Zug nach Hause nahm, eine Nachricht bekam. Die bestand stets aus demselben, echt seltsamen Bild von mir und der Zeile "Hoffentlich nimmt dich keine mit!" Das ist natürlich nicht passiert.

 

Nick und ich wechselten wieder das Thema, weil es einfach nichts mehr dazu zu sagen gab. Er war gerade dabei, ein Kunstwerk - genau das würde es sicher werden - für mich zu erschaffen. Während er redete, ging mir der Song durch den Kopf, den ich mit dem Beziehungsanfang verbinde: "Please Don´t Tell Me How The Story Ends". Mittlerweile weiß ich, wie die Geschichte tatsächlich zum Schluß kam und welchen Anteil ich daran hatte. Hätte ich das Ende vorhergesehen, wäre vielleicht vorher einiges anders gelaufen. Möglicherweise wäre ich früher an einen Ort gegangen, an dem man traditionell vor Unfug gefeit ist und auch selbst keinen Mist baut: Das "A Thousand Miles to Dublin".

 


"Wir müssen uns unbedingt bei Hannes ein paar Pints aufs Zäpfchen gießen, wenn der Corona-Mist vorbei ist", sagte Nick.

"Guter Plan! Möge er in Bälde funktionieren!" antwortete ich. Ach, ich liebte es schon immer, wenn Pläne funktionieren. 

 

 

PS der EVOLVER-Redaktion: Unsere jährliche Winterpause steht kurz bevor. Sollten Sie währenddessen nicht auf Manfred Preschers "Fundamentalteilchen" verzichten wollen, statten Sie ihm bitte hier einen Besuch ab.

Oder lesen Sie im EVOLVER, wie alles begann ...

 

Man kennt das ja: Langsam quält man sich aus dem Bett - und noch ehe man sich damit beschäftigen kann, mit Schwung und Elan in den Tag einzugreifen, wird man schon überrollt. Unter der Dusche, beim Rasieren, beim Frühstücken, im Auto: Immer hat man dieses eine Lied auf den Lippen, summt es vor sich hin, nervt damit die Umgebung. Dabei weiß man nicht mal, wie es dieses Miststück von Song überhaupt geschafft hat, die Geschmackskontrollen zu überwinden. In dieser Kolumne geht es um solch perfide Lieder.

 

Zum ersten "Miststück der Woche".


Manfred Prescher

Manfred Prescher - Es war nicht alles schlecht: Best of Miststück

Kolumnen 2005 bis 2020


Photos: © Sony Music/Sandra Ludewig

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