Johann Sebastian Bach - Messe h-Moll BWV 232
ØØ
Konzert am 18. Oktober 2008
Amsterdam Baroque Orchestra & Choir
Musikalische Leitung: Ton Koopman
Sopran: Lydia Teuscher
Alt: Marie-Claude Chappuis
Tenor: Jörg Dürmüler
Baß: Klaus Mertens
Das heurige Barockfest leuchtet wie die Jahreszeit, in der es stattfindet. Allerdings kam die Aufführung von Bachs H-moll-Messe eher wie ein Haufen verrottetes Laub daher; als Entschädigung dafür bot René Jacobs´ Bearbeitung von "Orfeo ed Euridice" die ganze herbstliche Pracht. 28.10.2008
Was kommt dabei heraus, wenn man ein namhaftes Barockensemble mit dazugehörigem Chor, vier Solisten und einen bekannten Dirigenten und Barockspezialisten auf ein Podium stellt? Mitunter leider nicht viel, wenn nicht sogar ärgerliche zwei Stunden und fünfzehn Minuten. An diesem Samstagabend war das Amsterdam Baroque Orchestra & Choir unter Ton Koopman das namhafte Ensemble, das uns eine H-moll-Messe der "etwas anderen Art" bescherte.
Wer knapp zwei Monate zuvor die genialen English Baroque Soloists und den Monteverdi Choir in Grafenegg gehört hat, war bei dieser Aufführung jedenfalls fassungslos. Homogener, perfekter Stimmenklang war hier ein bloßer Wunschtraum; geboten wurde vielmehr ein Konglomerat aus Gesangssoli, mangelnder Präzision und (Beinahe-)Unmusikalität, wofür letztlich der Dirigent verantwortlich ist. Zugute halten muß man den Künstlern die problematische Konzertakustik im Theater an der Wien; noch dazu mußten sie ihr Werk in der Bühnenkulisse von "Orfeus und Eurydike" vollbringen. Andererseits würde man von einem Profi wie Koopman erwarten, daß er auch mit einer nicht perfekten Akustik umgehen kann.
Die vier Solisten waren durchschnittlich gut und fielen leider viel zu rasch in die monotone Musikmasse der Koopman-Recken ein. Ganz enttäuschend war das Altsolo von Marie-Claude Chappuis. Im "Agnus Dei" hatte sie mit der tiefen Lage dieser Arie erhebliche Probleme.
Bei Koopmans Orchestermusikern vermißte man völlig jede Differenzierung und feine Schattierungen. Es war erschreckend, wie oft die Musiker unpräzise spielten. Die Pauke mit ihrem schwammigen Klang war beispielsweise völlig daneben. Wenigstens konnte der Dirigent bei den Solostellen ein wenig seine Musikalität hervorheben, wenn er selbst am Orgelpositiv begleitete. Insgesamt ist es sehr schade um die vertane Möglichkeit - und die Pause nach dem "Credo" war dramaturgischer Unsinn!
Das totale Gegenteil bezüglich Qualität boten am Tag danach die Freiburger Barocksolisten unter René Jacobs bei Christoph Willibald Glucks "Orfeo ed Euridice". Das viel zu selten gespielte Werk des Mozart-Zeitgenossen ist die "Reformoper". Wenn man hört, wie Gluck die (kompositorischen) Fesseln sprengt und bereits Mozarts "Zauberflöte" und Beethovens "Pastorale" antizipiert, versteht man überhaupt nicht, warum Glucks Werke nicht öfters in Wien aufgeführt werden - zumal der Komponist ja 1787 in Wien verschied.
Die Aufführungsserie beweist wieder einmal den singulären Status des Theaters an der Wien als Opernhaus. Nur mit dem Staggione-Prinzip, bei dem gezielt eine Serie hochqualitativer Aufführungen dargeboten wird, können solche Sternstunden realisiert werden. Daß die Freiburger Barocksolisten eines der besten Barockensembles sind, bewiesen sie an diesem Abend bravourös (witzig, daß man mitunter bei den Musikern Wiener Dialekt hörte und den Kontrabassisten des Concentus Musicus Wien liebevoll sein Instrument behandeln sah).
René Jacobs setzte die Wiener Fassung von Glucks Oper in klangliches Gold um. Allein die Naturklänge zu Beginn des 3. Aktes (ganz die "Szene am Wasser" in Beethovens "Pastorale") sind den Opernbesuch wert. Kongenial die drei Solisten - allen voran Bejun Mehta, der Cousin zweiten Grades von Dirigent Zubin Mehta. Wer sich noch an Jochen Kowalski erinnern kann, der weiß, wie schwierig Countertenor-Partien zu singen sind und daß es noch schwieriger ist, daß die Stimmen schön klingen. Mehta erfüllt alle diese Voraussetzungen und ist dazu noch ein großartiger Schauspieler. Miah Persson als Eurydike und die Südkoreanerin Sunhae Im waren ebenso hervorragend, auch wenn sie stimmlich nicht das Format von Mehta haben.
Die Schauspielkunst ist auch die Verbindung zum Regisseur Stephen Lawless. Ganz seinem Namen entsprechend hält er sich nicht an die Gesetze der Logik: Wo er bei der Personenführung Grandioses geleistet hatte, ließen die szenische Ausstattung und Umsetzung, höflich gesagt, einige Fragen offen. Im Programm meint er, daß er die Wiener Fassung auch in Wien ansiedeln wollte. Warum er dazu den Großen Musikvereinssaal als Bühnenmotiv setzte, ein Cembalo zu Euridices Sarg umfunktionierte und der Berg im Hades aus unzähligen Musikinstrumenten-Kästen bestand, weiß allerdings niemand. Irgendwie symbolisierte das alles nicht die "Macht der Musik" - auch wenn uns der Regisseur hundertmal mit dem Kopf dagegenknallen will.
Aber wie heißt es so schön? "Prima la musica, poi le parole" ("Erst die Musik, dann die Szene"). Und in diesem Sinne war die Aufführung ein vollendeter Genuß.
Johann Sebastian Bach - Messe h-Moll BWV 232
ØØ
Konzert am 18. Oktober 2008
Amsterdam Baroque Orchestra & Choir
Musikalische Leitung: Ton Koopman
Sopran: Lydia Teuscher
Alt: Marie-Claude Chappuis
Tenor: Jörg Dürmüler
Baß: Klaus Mertens

Christoph Willibald Gluck - Orfeu ed Euridice
ØØØØØ
Solisten: Bejun Mehta, Miah Persson, Sunhae Im
Freiburger Barockorchester/Arnold-Schoenberg-Chor (Ltg.: Erwin Ortner)
Statisterie des Theaters an der Wien
Dirigent: René Jacobs
Premiere: 14. Oktober 2008
Reprisen: 16., 19., 21. und 23. Oktober 2008
Im Theater an der Wien wurde Ambroise Thomas' Opernversion der Shakespearschen Tragödie "Hamlet" aufgeführt, bei der Marc Minkowski, der in Frankreich lebende Stardirigent mit polnischen Wurzeln, sein fulminantes Debüt gab. Die Oper zeichnet sich zwar nicht durch eine markante Musik aus, wurde aber von Regisseur Oliver Py und seinem musikalischen Team zum echten Ereignis gemacht!
Wenn man sich die diversen Veranstaltungsprogramme anschaut, gilt auch 2012 offenbar wieder die Devise "Auf jedem Misthaufen ein Sommerfestival". Nur gibt es gar nicht so viele gute Künstler wie Veranstaltungen. Deswegen muß man auf die exquisitesten zurückgreifen - und die sind in Niederösterreich die Opernfestspiele in Gars am Kamp und die zwei Sommerzyklen in Grafenegg. Dort kommen Musikfreunde voll auf ihre Rechnung.
Im Frühling blühen nicht nur Bäume, sondern auch die Neuerscheinungen in den Tonträgerkatalogen. Heuer beglücken die Plattenfirmen nicht mit belanglosen Kompilationen, sondern bieten dem anspruchsvollen Musikfreund zwei ganz besondere Opernproduktionen sowie zwei herausragende Konzert-CDs an.
Anläßlich des heurigen "Osterklang"-Festivals wurde eindrucksvoll bewiesen, daß ein Konzert mit einem Meisterorchester und relativ prominenter Besetzung weitaus belangloser sein kann als eine Veranstaltung mit einem schwächeren Orchester. Die Wiener Philharmoniker scheiterten an der Akustik des Hauses an der Wien, während ein englisches Ensemble drei Tage später ebendort brillierte.
Der EVOLVER-Klassikexperte besuchte die zweite Aufführung der lang erwarteten "Hoffmann"-Serie und erlebte, wie eine erstklassige Regie und wenigstens die Hälfte der Hauptrollen-Besetzung diese Aufführung rettete. Ein paar Tage zuvor wurde mit Händels Oratorium "Theodora" wieder ein geniales Werk der Barockzeit ebenso genial aufgeführt.
Im Theater an der Wien konnte man die szenische Aufführung einer Gluck-Oper und zwei konzertante Produktionen von Purcell und Händel erleben. Leider überzeugte nur Purcells "The Fairy Queen". Glucks "Telemaco" war zwar musikalisch exzellent, was man vom Stück aber nicht behaupten kann - und Händels "Ariodante" eher ein fragwürdiger Erfolg.
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